Wer anderen eine Grube gräbt

Short Halloween Story

Die oktoberwelken, gefrorenen Blätter knistern unter ihren Wanderstiefeln, während sie energisch und mit undamenhaft großen Schritten den Feldweg entlang stapft. Der Nebel hat sich in der vergangenen halben Stunde entgegen ihrer Hoffnung nicht gelichtet, sondern war sämig wie Milchsuppe geworden. Der Wald, den sie gerade rechts liegen lässt, ist nur noch ein Schemen, eine dunkle Nuance und mehr Kenntnis als Wahrnehmung. Sie spürt eine Enge in ihrer Brust, die aber nicht vom beanspruchten Kreislauf herrührt. Dieses Gefühl ist unangenehm vertraut. Es ist ihre kranke Angst. Die Einsamkeit und die physische Stille des spätherbstlichen Nebeltages wirken wie Booster auf die Panik. Offene, weite Landschaften mit Fernblick und ein blauer Himmel sind ihr deshalb lieber. Das … das hier … ist zu eng. 

Wäre ich bei dieser Witterung bloß nicht gegangen! Beim Essen sind meine Augen größer als der Mund und beim Walken, die Klappe größer als mein Mut. Nur noch zweimal links und einmal rechts abbiegen, vielleicht noch eineinhalb Kilometer, dann habe ich es geschafft, bestärkt sie sich, dann sehe ich sein Auto und alles ist wieder in Butter. Atmen. Immer doppelt so lange aus als ein. Außerdem hast du das Handy dabei, falls es wirklich nicht mehr geht. Also komm, reiß dich zusammen und denk an etwas anderes!

Sie schaut auf ihre Armbanduhr. 11:35 Uhr. Hinter ihr raschelt es und sie dreht sich um, erkennt aber nichts. Wahrscheinlich ein Hase. Oder ein Reh, beruhigt sie sich. Die Sonne beginnt schüchtern, knapp oberhalb der verwaschenen Waldsilhouette, einen Durchbruch durch den porridgefarbenen Dunst. Sie zwingt sich, den Zauber dieses Momentes zu erfassen, sich auf diesen hellen Fleck, der durch die kondensierten Wassertröpfchen blutet, zu fokussieren, aber ihr Herz hämmert zu wild.

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Seit Helen an einer krankhaften Angststörung leidet, ist ihr Erleben auf ein Tiefstlevel gesunken und sie hat die damit verbundenen Panikattacken schon in jeder Situation, besonders in denen, die mit Menschen und mit Enge einhergehen, aushalten müssen. Doch vor Kurzem hat sie es noch einmal gewagt, sämtliche Mutkrümel zusammengefegt und beschlossen, sollte sie die Angst in die Flucht schlagen, dann will sie wenigstens nach draußen laufen. Carl, seit Rubinjahren der Mann an ihrer Seite, karrt sie mit dem Auto aus der Stadt bis zu einem kleinen Feldweg, von wo aus sie ihre immer gleiche Strecke durch und entlang des Forsts startet. Am Zielort angekommen, liest er sie einige Kilometer weiter wieder auf. Manchmal begleitet sie ihre erwachsene Tochter Lea, aber heute ist sie mit ihrem Mann bei Freunden.

Noch bevor Helen es sehen kann, hört sie es. Ein Keuchen oder eher ein schnelles Hecheln? Es kommt ihr entgegen. Ein Hund? Ein Schattenwesen nimmt Gestalt an, größer als ein Hund. Ein Jogger. Sie nicken und grüßen sich. Der Läufer rennt weiter und wird hinter ihr vom Nebel aufgefressen und die dichte Stille kehrt sofort zurück. Die Sonne hat ihren Durchbruch vergeigt und es ist dunstiger als zuvor. Helen nimmt die Abbiegung, die sie zwischen zwei unbestellten Feldern entlang führt. Die Erwartung, es nun gleich geschafft zu haben, lockert die harten Spangen um ihre Brust und mit dem Mehr an Sauerstoff kommt etwas Erleichterung. Jetzt öffnet sie endlich einen Blick für die Nähe. Sie ist fasziniert von den bereiften Disteldolden, die hoch am Wegrand aufragen. Gleich, gleich müsste sie das Auto sehen. Armer Carl, ich mute ihm da schon etwas zu mit der Warterei in der Kälte! Sie könnten auch beide zusammen laufen, aber das wäre dann nur halb so weit, weil sie wieder zum Auto zurückkehren müssten. Außerdem ist das stramme Walken nicht ganz nach seinem Gusto.

So ein Mist (wie auf Englisch Nebel, hi, hi), dass es heute so extrem diesig ist! Eigentlich müsste ich ihn längst sehen können. Er parkt immer auf dem Wirtschaftsweg parallel  zur Bundesstraße. – Na bitte, da steht er!

Erleichterung. Ihr Rucksack fühlt sich an, als hätte man ihm auf einen Schlag den gesamten Inhalt entnommen. Die letzten Meter fliegen dahin. Offensichtlich hat er sie noch nicht entdeckt, sonst hätte er längst denMotor gestartet. Helen erreicht den Kombi und schaut durchs Fenster. Er ist leer!Sie stutzt, nimmt ihren Rucksack ab, lehnt die Trekkingstöcke gegen das Fahrzeugheck und wartet einen Augenblick. Vielleicht folgt er nur dem Ruf der Biologie. In unserem Alter werden die Abstände deutlich kürzer, denkt sie schmunzelnd. Für einen Sekundenbruchteil will die Panik wieder einen Fuß zwischen die Tür bekommen, als sie den Gedanken zulässt, es könne irgendeinen anderen Grund geben, warum Carl sie nicht im Auto erwartet. Himmel, was mache ich, wenn er nicht kommt? 

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Es vergehen fünf Minuten, dann zehn. Sie schaut sich suchend um und ruft zaghaft seinen Namen, weil sie nicht unnötig die Aufmerksamkeit Dritter erregen will. Dass man aber auch nichts sieht, verdammte Hacke! Allmählich kriecht Kälte in ihr hoch, die äußere, jahreszeitbedingte, die vom Boden beginnend, über die Füße aufwärts wandert, aber dazu noch eine innere, die von der Mitte ausgeht und die viel kälter ist. Sie schaudert. Doch plötzlich bückt sie sich und reißt energisch den Verschluss der Vordertasche ihres Rucksacks auf, wühlt darin und zieht einen klimpernden Schlüsselbund heraus. Ich bin doch so blöd, denkt sie, ich habe doch einen Zweitschlüssel vom Wagen! Sie drückt das Knöpfchen für die Zentralverriegelung und öffnet zunächst die Hecktür, um Rucksack und Stöcke zu verstauen, dann öffnet sie die Beifahrertür und setzt sich fröstelnd auf den klammen Sitz. Carl muss schon vor längerer Zeit das Auto verlassen haben, so eisig wie es innen ist. Sie atmet wieder hektischer und die Windschutzscheibe beschlägt. Ihre Angst wächst mit den Eisblumen, die sich sofort bilden. Ob vor Kälte oder Panik, weiß sie nicht, aber sie presst die Lippen derart krampfhaft aufeinander, dass sie schmerzen und ihre Beine tanzen auf und ab. Einer Eingebung folgend fummelt sie mit ihren nervösen, steifengefrorenen Fingern den Autoschlüssel aus Ihrer Jackentasche und steckt ihn ins Zündschloss. Dreht ihn und drückt auf die Hupe. Einmal. Kurz. Tüt! Der Ton kommt ihr unvorstellbar laut vor in der Wattestille und es ist ihr ein wenig peinlich. Auffallen bedeutet Kontrollverlust! Aber es passiert nichts.

Jetzt steigt sie aus, denn sie muss sich bewegen, um die anbrandende Panik in den Griff zu bekommen. Ihre fixen Ideen lieben Akrobatik und machen sich schon warm, um Flickflacks zu trainieren. Da nimmt sie eine Bewegung auf dem Weg unterhalb des Waldstücks wahr, auf dem sie eben noch selber ging. Vielleicht ein Spaziergänger oder der Jogger von vorhin – die drehen ja hier immer ihre Runden, aber sie hofft inständig, dass es Carl ist. Doch die Gestalt bewegt sich langsam und irgendwie schwerfällig. Je näher sie kommt, desto deutlicher erkennt Helen das Schwanken. Ein Betrunkener? Hier mitten im Nirgendwo, wo es ganz sicher keine »Trinkhalle« gibt? Wohl kaum! Aber irgendetwas macht dem Typ zu schaffen, er hält inne, krümmt den Rücken und stützt sich auf seine Knie. Soll ich ihm entgegengehen? Braucht er Hilfe? Nein, besser, ich warte ab, bis er am Auto ist, denn ganz geheuer ist er mir nicht.

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Die dunkle Gestalt taucht aus dem dichten Dunst auf wie ein Seeungeheuer aus trübem Wasser und ist nun als großgewachsener Mann mit schlanker Statur identifizierbar. Helen ist in innerer Alarmbereitschaft und steht jetzt neben der Fahrerseite des Autos, um gegebenenfalls sofort wieder einsteigen zu können. Zwar ist sie, seit sie vor fast zwanzig Jahren erkrankt ist, nicht mehr selbst gefahren, aber in der Not … Der Mann, er trägt dunkelgraue oder dunkelblaue Wanderkleidung mit einer tief ins Gesicht gezogenen Strickmütze und eine kolossale Hüfttasche. Mit den freien Händen hält er seinen gesenkten Kopf beidseitig fest, als fürchte er, er könnte durch das Taumeln und Stolpern herunterkullern. Was Helen jedoch buchstäblich den Atem verschlägt, sind die Geräusche, die er macht. Es ist ein herzzerreißendes, gequältes Stöhnen und Röcheln, das zwar aus seinem Mund dringt, aber seinen Ursprung tief in seiner Brust hat. Nun geht sie ihm, ihre Scheu und Furcht überwindend, doch ein Stück entgegen, denn solche Seelenqual hat sie nie zuvor gehört. 

»Du meine Güte, was ist mit ihnen? Was ist ihnen passiert? Hatten sie einen Unfall?« Helen stützt ihn und hält so sein Wanken in Schach. Jetzt fällt ihr Blick auf seine bloßen Hände, die noch immer über seinen Ohren liegen. Die Haut ist nicht winterweiß, nicht frostblau, sie ist bis weit über die Handgelenke eine Blutrotpalette, die vom tiefen Purpur, über Karmesin bis hin zu Scharlach changiert. Sie bückt sich etwas zu ihm hinunter, will in sein Gesicht sehen und wissen, woher all das Blut an seinen Händen kommt, aber er wehrt sie ab, stöhnt, während er sein Gesicht abwendet.

»Ni…cht«, stammelt er, »Unfall. Nach Hause. Musst nach Hause.« Unvermittelt lässt er die Hände sinken und dreht Helen sein Gesicht zu. Es ist ebenfalls bis zum Mützenaufschlag blutverschmiert, seine hellen eisblauen Augen sind klein, aber dennoch weit aufgerissen und rollen in ihren Höhlen. Der Ausdruck ist grotesk. Helen schägt ihre Hand vor den Mund und schreit entsetzt auf. 

»Nick? Um Himmels willen, Nick, Junge! Oh, neineineinein, was machst du denn hier?« Sie führt ihn zum Auto, öffnet die Beifahrertür und schiebt und drängt ihn hinein. Er lässt es willig zu, plumpst auf den Sitz und zieht die Beine in den Fußraum nach. Helen wirft die Tür zu, umrundet das Auto bis zur Fahrerseite und setzt sich hinters Steuer. Neben ihr sitzt – ihr Schwiegersohn. 

Er lässt schon wieder den Kopf hängen und linst seitlich aus dem Fenster. Die unwirklich roten Hände ruhen in seinem Schoß.

»Bist du verletzt, Nick? Bitte sag mir, was ich jetzt machen soll. Hilf mir. Carl muss noch hier irgendwo sein, er wollte mich abholen, aber ich habe nur sein Auto gefunden – von ihm keine Spur. Und jetzt du – in diesem Zustand! Das ist der reinste Albtraum!«

Nick richtet sich auf, um tief Luft zu holen. So tief, dass kaum ein Rest im Innenraum übrig bleibt, scheint es Helen und sie lässt das Fenster herunter, worauf der Nebel nur gewartet hat und in das Fahrzeug quillt. Dann gibt Nick die Luft ganz langsam, mit einem unbeabsichtigt quietschenden Vibrato wieder frei und sagt: »Du musst stark sein, Helen. Von dir hängt jetzt alles ab. Du musst uns sofort nach Hause fahren.«

»Was meinst du damit? Was hängt von mir ab? Ich kann nicht fahren – ich bekomme sicher unterwegs eine Panikattacke und wir landen beide im Graben! Sag mir endlich, was los ist!«

»Du musst.« Nick gestattet ihr keine gedankliche Rettungsgasse. »Unterwegs erklär´ ich alles.«

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Helen lässt den Motor an, hilft ihrem Schwiegersohn beim Anlegen des Dreipunktgurtes und schnallt sich selber an. Sie sucht das Armaturenbrett und alle Hebel ab, testet einige, findet das Abblendlicht und wendet den Kombi übervorsichtig, um ihn sicher auf die kleine Landstraße zu lenken. Ihre Kiefer schlagen aufeinander und die Zähne klappern wie Kastagnetten, aber sie konzentriert sich auf die Spur. Nach anfänglichem Ruckeln, zweimaligem versehentlichen Aufblenden, erwacht altes, vergessen geglaubtes Vertrauen in ihr, gerade so viel, dass sie eine Idee zuversichtlicher Gas gibt. Dreißig Stundenkilometer, dann bleibt sie bei vierzig, denn mehr lässt auch der Nebel nicht zu. Die Konzentration auf dieses Problem verdrängt vorübergehend alle anderen. Sie kennt die Strecke wie das Innenleben ihres Rucksacks – das hilft. Ihr rechter Fuß sucht die Bremse, denn sie durchqueren kurz darauf eine kleine dörfliche Siedlung. Der Wagen springt und hoppelt über den seit Jahrzehnten geflickten Asphalt und Nick stöhnt auf. Nach den letzten Häusern lichtet sich der Dunst etwas und die Sicht wird besser, doch Helen beschleunigt nicht. Zu groß ist ihre Angst. Der kleine Berg mit der Burgruine, das Wahrzeichen ihres Heimatortes, einem verschlafenen Kaff mit viel ungenutztem Kapital, ist schon in Sichtweite, als Nick sich ihr zuwendet und leise etwas sagt, was sie wegen des Motorgeräusches nicht versteht.

»Was sagst du? Ich versteh´ nichts! Wir sind aber auch gleich da. Dann rufe ich den Notarzt und die Polizei, allein schon wegen Carl.«

»Nein, nicht!«, sagt Nick und legt seine blutverkrustete linke Hand auf Ihren Arm und drückt ihn schwach. »Es geht mir besser und es … es ist auch nicht mein Blut. Aber ich muss dir was sagen.« Den letzten Satz bringt er wieder nur so leise über die Lippen, dass sie ihn nicht versteht.

»Du willst nicht klagen? Trotzdem muss dich unbedingt ein Arzt anschauen! Was hast du denn da draußen überhaupt gemacht? Was für ein verrückter Zufall, dass Carl spurlos verschwindet und du dafür auftauchst. Hoffentlich klärt sich alles auf!«

»Bitte, Helen! Hör mir doch zu.« Nicks Worte betteln. Sein Gesicht fleht. Sein Körper windet sich in schierer Verzweiflung. »Carl ist doch längst zuhause, aber Lea … Lea … o, wie soll ich´s dir sagen … sie ist nicht mehr am Leben.« Nun schluchzt er auf, fast ist es ein Befreiungsschrei, während er gleichzeitig in Tränen ausbricht. Er verbirgt sein blutrotes Gesicht hinter dem Blutrot seiner Hände, die absurd groß wirken. In Helens Gehirn kommt die Botschaft nur in Bruchstücken an. Der Wagen wird mit zunehmendem Begreifen immer langsamer und rollt aus, bis er gänzlich zum Stillstand kommt. Nur der Motor blubbert.

»Was? … Was sagst du da?« Ihr Mund bleibt nach der Frage offen, so dass neue Fragen schneller heraus könnten, aber sie hat keine mehr.

»Du kannst hier nicht stehenbleiben, Helen, du musst nach Hause, jetzt.«

»Ich … verstehe das … alles nicht.«

»Bitte fahr weiter, ich verspreche dir, ich erkläre es dir!«

»Warum ist Carl zu Hause und warum sollte Lea … nicht mehr leben?« Sie vermeidet das Wort tot. Weil es so kurz ist, ist es womöglich wahr, aber das darf es nicht. »Er hat doch im Auto auf mich gewartet!«

»Ja, das hat er. Aber dann bin ich gekommen und wir haben getauscht. Ich wusste, er steht wieder an derselben Stelle wie immer. Er hatte Einwände, sagte, er müsste auf dich warten, du würdest dich darauf verlassen und es wäre wichtig, dass du möglichst viele positive Erfahrungen machst. Als er aber hörte, warum er unbedingt nach Hause fahren muss, riss er mir den Autoschlüssel aus der Hand, nahm meinen Wagen und preschte davon. Ich blieb an seiner Stelle bei eurem Kombi, um dich abzupassen. Aber ich war nervös, so furchtbar ungeduldig, du kamst und kamst nicht und ich konnte in der Waschküche kaum die Hand vor Augen sehen. Da bin ich ausgestiegen und ein Stück auf dem Weg gelaufen, von dem ich glaubte, du würdest mir entgegenkommen, aber ich habe mich verlaufen. Erst das Hupen hat mir die richtige Richtung gezeigt.«

Während Nick eigentümlich distanziert berichtet, schüttelt Helen die ganze Zeit den Kopf. Was quatscht der da bloß für einen Müll? »Aber warum sollte Carl denn überhaupt wieder zurück fahren – das macht doch keinen Sinn? Und woher kommt das ganze Blut?«

Nick sieht sich hilflos um, sein Blick kommt auf seinen breiten Händen zur Ruhe. Eine gefühlte Ewigkeit starrt er sie an, bis Helen es aufgebracht beendet.

»Jetzt rede schon, verdammt noch mal!«, brüllt sie. »Ich will wissen, was passiert ist – mach endlich das Maul auf!« Ihr Schwiegersohn zuckt bei den scharfen Worten verängstigt zusammen und rutscht tiefer in den Sitz. Inzwischen haben sie trotz Helens wieder aufgenommenen Schneckentempos den Ortsrand mit den ersten Einfamilienhäusern erreicht. Nur noch wenige hundert Meter, dann bleiben sie direkt vor ihrem Haus in der Hauptstraße stehen. 

»Wir sind heute Vormittag  gekommen, weil Lea doch mit dir zusammen laufen wollte, irgendwas wollte sie mit dir in Ruhe besprechen, aber wir waren zu spät – ihr wart schon fort, das Haus leer. Wir gingen in die Küche, um uns einen Tee zu machen und auf euch zu warten. Aus der kleinen Vorratskammer drang dann ein seltsames Geräusch, als wäre eine Dose oder so heruntergefallen, und fast gleichzeitig sahen wir, dass die Hintertür zum Hof nicht verriegelt, sondern bloß angelehnt war. Lea ging zur Speisekammer, während ich in den Hof inspizierte. Da hörte ich sie plötzlich aufschreien und ich stürzte sofort in die Küche, wo mich ein hünenhafter Kerl, vermutlich ein Einbrecher, beinahe über den Haufen rannte. Hätte Lea nicht am Boden gelegen, wäre ich vielleicht hinterhergerannt, aber ich wollte sie nicht hilflos liegen lassen.  Das Schwein muss sie so heftig gestoßen haben, dass sie dabei rückwärts mit dem Hinterkopf auf das Spülbecken knallte … o, Gott, all das Blut! … Scheiße, Helen, sie hatte keinen Puls mehr – überall habe ich gefühlt – nichts! Wie von Sinnen bin ich dann raus, hab mich in mein Auto gesetzt und bin losgefahren, um euch zu suchen …«

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Ungläubig und starr vor Schock sitzt Helen hinter dem Steuer und hört Wörter. Es kommen solche wie Einbrecher, Blut, kein Puls, Blut, Lea, Blut, Kopf und Blut vor, und es entsteht trotzdem kein Bild. So als hörte sie eine derart abstruse Horrorgeschichte, dass man sie einfach nicht glauben kann. Müsste sie nicht jetzt sofort aus dem Auto ins Haus laufen, die Polizei, den Rettungswagen alarmieren? Ihre Tochter, ihr Liebstes, soll, jetzt denkt sie erstmals dieses Wort, tot sein? Warum kann ich mich nicht bewegen, nicht zu ihr gehen und müsste ich als Mutter ein so grausames Ereignis nicht fühlen, müsste es nicht meine Grundfeste erschüttern und zum Einsturz bringen? Nein, irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht! Ein Einbrecher? An einem Wochentag zur Mittagszeit? Und wo ist Carl, wenn er doch schon lange vor ihnen gefahren ist? … Ich muss rein.

Allmählich kommen Befehle aus dem Kopf in Helens Gliedmaßen an. Sie zieht den Schlüssel aus dem Zündschloss, steigt aus, marschiert zielstrebig um das Auto herum und sieht schon von hier aus, dass die Haustür nicht verschlossen ist. Nick bleibt zusammengesunken wie ein Häufchen Elend im Auto sitzen und sieht ihr nach, wie sie im Hausflur verschwindet. Etwas am Ausdruck seines Gesichts ist merkwürdig, denkt sie noch, obwohl es durch das inzwischen getrocknete Blut wie eine Maske aussieht und er kaum noch Ähnlichkeit mit dem jungen Mann hat, der vor erst elf Monaten ihre Tochter heiratete.

Helen steht im Flur und ruft leise nach Carl, aber weder erhält sie eine Antwort, noch ist etwas im Haus zu hören, außer dem Ticken der batteriebetriebenen Wanduhr. Für einen kurzen Moment entgleitet sie sich selbst und verharrt neben sich, sieht sich dort stehen und die ganze Szene wirkt surreal. Habe ich womöglich den Verstand verloren, denkt sie, die vielen Medikamente gegen die Angst zollen womöglich ihren Tribut. Aber der Augenblick geht vorüber und sie geht wachsam weiter, geradeaus auf die Küche zu. Mit einem tiefen Atemzug saugt sie die Stärke ein, die sie vielleicht gleich benötigt, wenn sie die Tür öffnet. Sie wappnet sich. Es muss sein, sie sucht, was sie eigentlich nicht will – Gewissheit! Sie legt die Hand auf die Türklinke – warum ist die Tür zu, wenn Nick angeblich überstürzt weglief, schließt man da die Tür sorgfältig hinter sich? – und drückt sie herunter und im selben Moment geschieht alles auf einmal.

Von hinten erhält sie einen brutalen Stoß ins Kreuz, der sie nach vorne in die Küche katapultiert und kurz bevor sie sicher zu stürzen glaubt, wird sie weich abgebremst und von starken Armen gehalten. 

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Sie hatte vor Schreck reflexartig die Augen geschlossen und als sie sie öffnet, stehen Carl und – sie ist fassungslos – Lea vor ihr. Beide grinsen erst und brechen dann in schallendes Gelächter aus. Helen kann ihr dummes, eingefrorenes Gesicht regelrecht fühlen, aber sie begreift trotzdem nichts. Sie dreht sich um und da steht, sich ebenfalls vor Lachen biegend, Nick, der ihr nachgeschlichen sein muss, um sie am dramaturgischen Höhepunkt, an den vermeintlichen Tatort zu schubsen. Eine Farce, ein Theater und Helen ist der blöde Hanswurst! Sie glaubt, ihr Herz setze einen Schlag aus, doch es reißt sich zusammen und pocht weiter, wenn auch stolpernd. Jetzt reden alle durcheinander, erklären, sie selbst hätte doch immer behauptet, ein kleiner Schreck wäre die Würze im Alltag und da hätten sie die Idee zu diesem Schabernack ausgebrütet, um sie wenigstens zu Halloween mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Nun nimmt sie den Raum um sie wahr, der mit Kürbislaternen, schwarzen Tüchern, Pappskeletten und künstlichen Spinnen geschmückt ist und den Esstisch, der vor orange-schwarzer Dekoration überquillt. Auf dem Herd blubbert sogar die farblich passende Kürbiscremesuppe. 

Ja, sie erinnert sich an einige ihrer Scherze der Vergangenheit, über die sie sich selbst am meisten amüsieren konnte. Aber lachen kann sie gerade nicht. Dieser Spaß hier ging eindeutig zu weit! Genau genommen tut er weh – sogar höllisch weh. In ihrer linken Brust schrumpft plötzlich alles auf einen Punkt zusammen. Ihr Herz? Es scheint sich zunächst auf das Volumen einer Rosine verdichten zu wollen und wird nun einem schwarzen Loch, das alle Masse um sich unersättlich verschlingt. Ihr linker Arm fühlt sich an wie ausgerissen, in diesen Mahlstrom gesogen, genauso wie ihr Magen, ihre Lungen, sie fühlt den gewaltigen Strudel und in Kürze wird nichts mehr von ihr da sein, außer diesem allumfassenden Schmerz der zu Tode erschrockenen Singularität. 

Wer anderen eine Grube gräbt, ist ein Lochmacher. Das war ihr verdrehter Spruch und jetzt frisch gravierte Inschrift neben ihren Lebensdaten auf der kleinen Grabplatte.


© Inhalt urheberrechtlich geschützt – Heather M. Kaufman 05.10.2020