Tiny Tall Tales

Heißkalt abserviert

(Short Thriller Story)

„Seit Wochen wirfst du mir diese Geschichte vor. Verdammt, ich kann es wirklich nicht mehr hören!“ Sofie betont jedes Wort mit ausgestrecktem Zeigefinger, den sie wie ein Florett  gegen Toms Attacken schwingt.

„Geschichte? Geschichte ist gut! Das klingt nett, geradezu harmlos. Immerhin hast du eine ganze Nacht bei deinem Ex verbracht, während du mir erzählt hast, du wärst bei deiner Freundin, der es nach ihrer Trennung angeblich so dreckig ging. Wie soll ich das denn, bitteschön, deiner Meinung nach richtig interpretieren?“

„Auf jeden Fall nicht als Affäre, die du mir unbedingt andichten willst! Es ging mir an diesem Tag nicht gut und ich brauchte jemanden, bei dem ich mich mal ausheulen konnte.“

„Okay“, sagt Tom, „ich verstehe. Und da gehst du natürlich nicht zu deinem aktuellen, sondern zum abgelegten Ehemann.“

„Ach Tom, genau das ist der Punkt! Es geht darum, dass du nur noch deine Bauprojekte im Kopf hast. Du bist regelrecht besessen von ihnen. Und wenn ich dich mal brauche, vertröstest du mich wie ein Kind mit „Jetzt nicht, Liebling, wir reden später darüber“. Selbst für eine gut funktionierende Ehe sind gute Freunde, denen man sich bedingungslos anvertrauen kann, wichtig. Und wenn mich jemand wirklich gut kennt, dann ist es Bodo. Nur weil er ein Kerl ist, heißt das noch lange nicht, dass ich dich mit ihm betrüge.“

„Hallo? Er ist dein Ex!“

„Ja, richtig! Ex. Vergangenheit!“

„Warum verstehst du mich nicht, Sofie? Ich finde ich den Gedanken einfach unerträglich, dass du deinem Bodo brühwarm von unseren Problemen erzählst. Wer weiß, mit wem du sie noch teilst, Twitter und Facebook sei Dank. Wie du dich da zeigst, ist schon die reinste Einladung und bringt die Typen da zum Hyperventilieren und ihre Testosteronspiegel in den roten Alarmbereich.“

„Woher willst du wissen, was ich twittere oder bei Facebook poste? Schnüffelst du mir etwa hinterher oder was? Moment mal … wenn ich so darüber nachdenke … woher weißt du überhaupt, dass ich bei Bodo und nicht bei Lea war?“

 „Habe ich dir das nicht erzählt, Liebes? Sie rief an dem besagten Abend hier an, weil sie dich um etwas bitten wollte. Man muss nicht Einstein sein, um deine Lüge so zu entlarven.“

„Aber Lea ruft mich nie, wirklich nie, auf dem Festnetz an!“

„Ja, was weiß ich, vielleicht war es dringend und ihr Handyakku leer oder sie hatte kein Netz?“

„Tom, ich bin mir jetzt fast sicher, dass du mir nachspionierst. Womöglich hast du sogar einen Privatdetektiv auf mich angesetzt, der Buch führt, von wann bis wann ich in meinem Nagelstudio arbeite, wieviele und welche Kunden kommen, und was ich in meiner Freizeit mache!“

„Jetzt sei aber bitte nicht albern. Du guckst definitiv zu viele Schundserien und Doku-Soaps, Sofie. Davon wird man paranoid oder plemplem oder beides!“

„Wenn hier einer ein psychisches Problem hat, dann wohl eher du mit deiner wahnhaften Eifersucht. Du siehst ja wirklich hinter jedem Busch den Feind sitzen!“

Tom atmet tief ein und mit einem gedehnten Seufzer wieder aus. Er muss sich bremsen. Der Streit droht zu eskalieren und vielleicht ist sogar etwas dran an dem, was Sofie ihm vorwirft. Plötzlich tut ihm die Heftigkeit seiner Anschuldigung sogar leid. Sie sieht verletzlich aus, wie sie da auf dem Sessel kauert, beide Beine angewinkelt auf dem Sitz und dabei so eng von ihren Armen umschlungen als wolle sie sich an sich selbst verankern. Das Kinn ruht auf ihren Knien, aber ihr Blick fixiert so starr die Obstschale auf dem Tisch, dass Tom sich einbildet, jeden Augenblick Zeuge ihrer bisher verschwiegenen telekinetischen Fähigkeit zu werden, die die Äpfel darin zum fliegen bringt.

„Weißt du, Liebes, womöglich hast du ja recht.“ Tom folgt einer spontanen Eingebung. „Die ganzen letzten Wochen waren randvoll  mit unbequemen Terminen und Hektik im Büro. Ach Mann, dieser elende Stress und kein Ende in Sicht … da war ich möglicherweise total überreizt und dir gegenüber tatsächlich ungerecht. Aber ich habe da vielleicht eine gute Idee! Was würdest du davon halten, wenn wir uns einfach für ein langes Wochenende auf die Ferienhütte verdrücken? Ich sage meine Termine ab und wir fahren am Mittwoch vor Halloween früh los, dann sind wir gegen Mittag da. Was meinst du, hm? Die Ruhe und die Abgeschiedenheit wird uns beiden gut tun. Wir hätten Zeit zum reden und auch für andere schöne Dinge“, er grinst anzüglich.

Sofies Mimik bleibt unverändert, aber sie denkt über den Vorschlag nach, das erkennt Tom daran, wie sie mit dem linken Mittelfinger rhythmisch ihren Daumennagel reibt. Er befürchtet schon eine Abfuhr, denn sie lässt sich mit der Antwort Zeit.

„Meinst du das wirklich ernst“, sagt sie dann, „oder kommt kurz vor dem Aufbruch urplötzlich ein einflussreicher Kunde mit einem mega dringenden Anliegen dazwischen, das absolut keinen Aufschub duldet?“

Mit wenigen Schritten ist Tom bei ihr, geht vor ihr in die Hocke und schaut in ihre tiefblauen Augen. „Bestimmt nicht – ich schwöre! Es liegt nur an dir. Komm schon, wie lange ist es her, dass wir auf der Hütte waren? Ein Jahr?“

„Fast zwei“, stellt Sofie fest. „In unserem ersten Ehejahr waren wir fast jedes Wochenende da oben. Dann hast erst du dich selbstständig gemacht, danach ich, und die einzigen, die jetzt noch ab und zu das Haus nutzen, sind deine Eltern. Na, wenigstens hat so jemand ein Auge drauf.“

„Aber dann wird es allerhöchste Zeit, dass wir wieder hinfahren. Ich freue mich richtig auf einen langen Waldspaziergang mit dir, bei dem wir dem goldenen Oktober bei seiner Arbeit zuschauen, durch raschelndes Laub laufen oder meinetwegen auch Pilze suchen.“

Endlich lächelt Sofie. „Als ob, mein kleiner Poet! Du und spazieren gehen! Ich werde meine morgendlichen Joggingrunden laufen, während du uns leckeres Essen zauberst. Danach lottern wir in der Sauna herum, bis ich uns später Kaffee mache, den wir warm eingemummelt auf der Terrasse genießen werden.“

„Yeah, Kaffee – wirklich das einzige, was du verletzungsfrei und geschmackvoll in der Küche zustande bekommst“, lästert Tom und lacht mit einer Spur Häme.

„Wenn unsere Klischee-Ehe etwas bestimmt nicht aushält, sind es zwei ehrgeizige Köche! Ich sehe dekorativ an deiner Seite aus, wenn wir essen gehen, ich kann Snacks, Getränke und Frühstück zubereiten und du bist der ambitionierte Hobbykoch mit Talent für uns beide. Nur deshalb habe ich dich überhaupt geheiratet.“ Sofie entlässt ihre Beine endlich aus der verkrampften Umklammerung, um sich zu Tom hinunter zu beugen. Zärtlich umfasst sie sein Gesicht und küsst ihn auf seine geschlossenen Augen. „Das heißt ja, ich bin einverstanden.“

Wenige Tage später hält Tom tatsächlich Wort, verschiebt oder cancelt alle anstehenden Termine und sie trudeln nach einer entspannten Fahrt in Grünau ein. Das schlichte, dunkelbraune Holzhaus im skandinavischen Stil schmiegt sich unauffällig an einen licht bewaldeten Südhang, zu dessen Füßen das malerische Örtchen liegt. In einem Gemischtwarenladen kaufen sie auf die Schnelle ein paar Lebensmittel für die kommenden Tage. Die letzten zwei Spanschalen mit frischen Steinpilzen betteln Tom geradezu an, mitgenommen zu werden, und mit der Vision eines schlichten Pilzragouts im Kopf, greift er zu und denkt auch an ein Stück Speck, etwas Sahne und ein Baguette zum Aufbacken. Sofie will unbedingt noch einen gigantischen Kürbis mitschleppen, um ihn zu einer Halloween-Laterne auszuhöhlen. Tom bangt zwar um ihre körperliche Unversehrtheit, will aber auch kein Spielverderber sein. Er hofft, wenn er ihr dabei ein wenig zur Hand geht, muss sie doch seinen guten Willen zum Gelingen des Versöhnungsurlaubs spüren und wer weiß, Spaß macht es vielleicht auch noch. Liebe Güte, wann hatte er das letzte Mal außerhalb seiner gesellschaftlichen Verpflichtungen Freude an Events wie Halloween gehabt? Trick-or-treat-Kinder würden sich hoffentlich nicht bis zur Hütte hoch bemühen, nur für ein paar Schokoriegel oder Bonbons. Gut so, resümiert er. 

Den restlichen Tag verbringen sie mit dem Schnitzen einer eher witzigen als gruseligen Kürbisfratze, wobei sie kindisch herumalbern und sich mit dem faserigen Kürbismatsch samt Kernen bewerfen. Bei jedem Treffer des eiskalten, feuchten Zeugs, quiekt Sofie. Und ausgerechnet Pingel-Tom trennt dem orangefarbenen Monster mit dem scharfen Küchenmesser versehentlich die  spitzen Vorderzähne ab, was Jack O´Lantern das Aussehen eines Zombieopas verleiht. Von der Anspannung der letzten Tage und Wochen ist momentan nichts geblieben. Ein Teil des Erfolgs geht dabei allerdings auf das Konto des Cognacs, den sie von zu Hause mitgebracht haben und der in seiner enthemmenden Wirkung noch bis in den späten Abend vorhält.

Die Nacht ist entsprechend kurz und sie erwachen erst am späten Donnerstagvormittag. Dieses unbeschreibliche Hochgefühl der Zusammengehörigkeit haben beide schon eine Ewigkeit nicht mehr so intensiv empfunden. Der herbstliche Morgennebel lichtet sich und der letzte Oktobertag beginnt im goldenen Glanz der allmählich durchbrechenden Sonne. Tom liegt noch im Bett als Sofie aus der Dusche kommt. Sie legt den Bademantel ab und schlüpft in ihre hautengen Laufklamotten. Das Paar ist jetzt Mitte vierzig, aber im Gegensatz zu Workaholic Tom, dessen auslaugender Job deutliche Spuren hinterlassen hat, sieht Sofie einfach hinreißend aus. Gutes Aussehen bedeutet ihr viel, wofür sie in ihrer Freizeit vieles auf sich nimmt, wozu Tom jeglicher Nerv fehlt. Joggen zum Beispiel. Regelmäßig wie ein Uhrwerk läuft Sofie jeden Vormittag ausnahmslos bei Wind und Wetter. Ihre Statur mag zierlich sein, aber dahinter verbirgt sich Zähigkeit, Ehrgeiz und eine gute Portion Selbstdisziplin. Eine Mimose ist sie definitiv nicht. Die langen brünetten Haare bindet sie zu einem Pferdeschwanz zusammen, während sie sich zu Tom auf das Bett setzt und ihm einen Kuss gibt. Er erwidert ihn leidenschaftlich, wobei es ihm fast gelingt, sie wieder ins Bett zu ziehen, aber sie wehrt ab und sagt: „Meine Güte, hast du eine Energie! Heb sie dir bloß auf, denn ich bin schneller zurück, als du denkst.“

„Aber dann wirst du dich ausgepowert haben. Ich wüsste bessere Übungen für deine Kondition als stumpfsinnig durch den Wald zu pesen.“

„Ich werde dir schon beweisen, wieviel Energie ich dann noch habe, alter Mann.“

„In Ordnung, Liebes, ich nehme dich beim Wort und warte artig. Pass auf dich auf, ja?“ Toms fürsorgliche Bitte klingt nach der eingespielten  Routine eines Paares, das schon eine längere Beziehung führt, dabei sind es erst drei Jahre. Drei kinder- und höhepunktlose Ehejahre.

„Aber klar! Schließlich ist Halloween!“ Sofie verzieht das Gesicht zu einer hässlichen Grimasse. „Aber mal ehrlich, was kann hier schon passieren? Das einzige, das im hier Wald  los sein wird, ist ein Hund und ein dazugehöriges Frauchen oder Herrchen. Mach du dich inzwischen lieber fix fertig, denn zum Essen bin ich wieder da, und meine Erwartungen an meinen Chef de Cuisine sind hoch.“

Offensichtlich bester Laune hüpft sie los. Aus dem Windfang hört Tom nur noch „Tschüss“ und Schlüsselgeklimper und weg ist sie.

Widerwillig wälzt sich Tom aus dem warmen Bett und beeilt sich, fertig zu werden. Eine Viertelstunde später steht er in der Designerküche en miniature. Diese Extraausstattung hat ein hübsches Sümmchen verschlungen und fast hat er vergessen, wie er sie damals vor Sofie rechtfertigte, weil dieser technische, sterile Edelstahltraum in einem zu drastischen Kontrast zum restlichen, eher rustikalen Ambiente steht, wie sie auch heute noch findet. Er bindet sich gerade die Schürze zu als er Sofies Smartphone auf der Theke entdeckt. Sie hat es vergessen, was schier unglaublich ist, da ihm längst die Mutation zu einem ihrer Körperteile gelungen war, so eng sind sie verbunden. Nur wenige Sekunden schafft es Tom, das Handy zu ignorieren, dann stürzt er sich darauf wie ein Verdurstender auf eine Pfütze. Angst, Sofie könne früher zurückkehren, weil sie es schon vermisst, hat er nicht, denn sie benötigt beim Joggen das Handy nur zur Sicherheit und Musik hört sie dabei nie. Egal was sie macht, sie ist immer mit allen Sinnen nur darauf fokussiert. Tom schaut in den Nachrichteneingang und wird zu seiner Überraschung tatsächlich fündig!

Bodo: Na, wie läuft´s? Melde dich. 😘 (10:31 Uhr).

Was bedeutet das? Warum „wie läuft´s“ und nicht „wie geht´s“? Tom denkt nach. Ein ungutes Gefühl schlingt gerade in seine Eingeweide einen Knoten. Wie durch eine Kanüle schießt kalte Empörung in seine Adern und wird zum durchgetretenen Gaspedal für eine tödliche Inspiration, eine Idee, die, wenn er es recht überlegt, schon länger in seinem Kopf herum spukt. Nach kurzem Zögern tippt Tom in das Eingabefeld eine Antwort: Tom wird sich nie ändern. Ist wegen Termin wieder abgereist, natürlich mit dem Auto. Bleibe noch, um abzuschalten. Bitte, bitte komm mich Freitag abholen! Auch Tom entscheidet sich für ein Küsschen-Smiley, weil ihm das am unverfänglichsten erscheint und schickt die Nachricht sofort ab. Nach Erhalt der Bestätigungshäkchen löscht er den Verlauf, schaltet das Smartphone aus und legte es woanders hin, um seine Fingerabdrücke darauf erklärbar zu machen, sollte das notwendig sein. Ein Blick auf die Uhr am Herd verspricht ihm noch etwa zwanzig Minuten, bis Sofie wieder da sein wird, sofern sie ihre übliche Runde läuft.

Weit unter dem Fahrersitz seines Wagens hat Tom einen kleinen Stoffbeutel versteckt. Er beeilt sich, ihn in die Küche zu holen, genauso wie ein kleines unbedrucktes Tablettenröhrchen aus seiner Waschtasche. Geschickt zerkleinert er dann auf einem großen Schneidebrett die zuvor geputzten Steinpilze und die selbstgesammelten, die er dem Beutel entnimmt und würfelt zügig noch die restlichen Zutaten. In eine große Sautépfanne gibt er etwas Öl, um  Speck- und Zwiebelwürfel anzurösten, bevor die Pilze dazu kommen. Während er darauf wartet, dass alles eine schöne hellbraune Farbe annimmt, legt sich seine rasende Erregung etwas – nichts wird ihn verraten, sollte Sofie jetzt verfrüht auftauchen.

Mit einem satten Plopp flutscht der Korken aus einer Flasche Weißwein, die Tom genussvoll öffnet, um ein halbes Gläschen vorab zu verkosten. Ein 2017er Sauvignon Blanc aus der Pfalz, sein Lieblingstropfen, den er ebenfalls von zu Hause mitgebracht hat und der später hervorragend zum Brunch passen wird. Er beäugt die Pilze noch einmal sehr kritisch, kann aber schon jetzt die gekauften Pilze kaum noch von den Knollenblätterpilzen unterscheiden, bevor er sie unter Rühren mit etwas Brühe und mit einem üppigen Schuss aus der Weinflasche ablöscht. Ein köstliches Aroma verbreitet sich mit der aufsteigenden weißen Dampfwolke. Allein deswegen liebt er das Kochen, sofern er dafür Zeit hat. Es ist jedoch nicht nur Lust, sondern oft sogar Notwendigkeit, denn Sofie ist kaum in der Lage, einen Kürbis von einer Melone oder Basilikum von Petersilie zu unterscheiden. Sie hat andere Qualitäten. Er hält sein Weinglas ins Licht – eine Idee trübe, findet er – schwenkt und riecht die Aromen – minimal muffig? – lässt dann einen kleinen Schluck über seine Zunge rollen – vertraut wie ein eingelaufener Pantoffel – und gönnt sich schließlich einen großen Schluck – doch eine winzige Bitternote? – , während er das Ragout fertig zubereitet und das Baguette in den vorgeheizten Ofen legt.

Oh ja, Qualitäten, die hat sie, denkt Tom. Und ihr Ex ist offensichtlich im Begriff genau diese wieder neu zu entdecken. Der Gedanke erinnert ihn an die letzte vom Rezept abweichende Ingredienz des Ragouts und sorgfältig verstreut er über der Pfanne den kompletten Inhalt des Pillendöschens. Fast meditativ hebt er das weiße Pulver unter das Gericht. Dann ein sorgfältiger Blick über die Arbeitsflächen. Nur noch Schneidebrett und Kochmesser abspülen und in den Schrank räumen, das Röhrchen unter dem Müll verstecken, denn den wird er mitnehmen und unterwegs auf einem Rastplatz und bestimmt auf Nimmerwiedersehen entsorgen. Auf der Theke deckt er für zwei Personen und denkt sogar an eine, zu den Papierservietten farblich passende, Kerze. Sofie liebt Kerzenlicht. Ach, dieses Versöhnungswochenende hätte so schön werden können, wenn du und Bodo es nicht kaputt gemacht hättet. Hätte, hätte … Fahrradkette. Tom beginnt vor Entrüstung und angestauter Wut zu zittern und er trinkt sein Glas aus, um sich abzuregen. Sie darf ihm nichts anmerken, wenn sie kommt. Er muss nur dafür sorgen, dass sie – für sich muss er noch eine Ausrede erfinden – wenigstens ein halbes Schälchen von dem Ragout isst, dann sollte es sehr schnell gehen. Das Rezept und sogar die Zutaten für das, angeblich schon in weitaus geringerer Dosis, tödlich wirkende und überdies schlecht nachweisbare Gift, hatte er im Internet gefunden. Gibt es überhaupt noch unlösbare Probleme seit der Erfindung des Internets? Dort hatte er schließlich auch erfahren, dass sein ursprünglicher Plan, sich auf die tödliche Wirkung der Knollenblätterpilze zu verlassen, nicht funktioniert, da es bis zur „Vollendung“ Tage bis Wochen dauern kann. Jetzt dienen sie lediglich der Verschleierung, sollte es zu einer Untersuchung kommen. Wenn das eigentliche Gift seinen Auftrag zur Zufriedenheit erledigt hat, wird er sein Gedeck entfernen, seine Sachen packen und bei Einbruch der Dunkelheit verschwinden. Aus dem Ort wird sicher niemand bemerken, dass sein Wagen noch den ganzen Nachmittag neben der abgelegenen Hütte stehen wird, da das Grundstück ziemlich verwildert und eingewachsen ist. Wenn Bodo am Freitag kommt, um Sofie abzuholen – Tom ist sich absolut sicher, dass er das tun wird – wird er sie tot vorfinden, und alle werden glauben, sie hätte sich selbst ihr tödliches Gericht zubereitet. Toms Puls hämmert panisch gegen seine Schläfen, als er sich der Notwendigkeit bewusst wird, für die Zeit ab seiner vermeintlichen Abreise bis etwa heute Nacht ein Alibi zu haben. Dafür ist später noch Zeit, beruhigt er sich. Wo sie nur bleibt, sie müsste längst da sein! Obwohl ihm kalt ist, bricht ihm jetzt der Schweiß aus allen Poren und sein Herz rast wie ein ICE als die Tür auffliegt und Sofie vollkommen außer Puste da steht.

„Mmm, du meine Güte“, plappert sie schon auf dem Weg ins Bad, „das riecht ja absolut himmlisch! Ich ziehe mich nur rasch um, Schatz. Du kannst ruhig schon mal die Kerze anzünden. Hast du übrigens mein Handy gesehen? Hoffentlich habe ich es nur verschludert und nicht etwa verloren. Ich habe Hunger wie ein Pferd!“

Tom fängt sich wieder, füllt eine je Portion Ragout in zwei stylische, rechteckige Porzellanschalen und schneidet das inzwischen abgekühlte Baguette auf. Als er ein Streichholz anreißt, um es an die Kerze zu halten, zittert seine Hand wie ein Lämmerschwanz und er trifft nur mit Mühe den Docht.

„Beeil dich, Liebes, ich habe schon aufgefüllt. Und kalt schmeckt es nicht.“ Er will mit dem restlichen Wein aus der Flasche die Gläser füllen, aber er hat Mühe, sie zu treffen. Beinahe wäre ihm eines aus der Hand geglitten. Kraftlos plumpst Tom auf einen der Barhocker. Hätte ich bloß nicht auf nüchternen Magen schon vom Wein getrunken, jetzt muss ich wirklich aufpassen, ermahnt er sich, sonst versaue ich es noch!

Sofie macht sich in aller Eile frisch und zieht sich um. In ihrer figurbetonten Jeans und dem lässigen Oversized-Pulli sieht sie umwerfend aus. Irgendwie schade um sie, denkt Tom, was nutzt ihr jetzt ihr Äußeres? Sie setzt sich ihm gegenüber und beobachtet ihn mit gerunzelter Stirn.

„Sag mal, hast du was? Habe ich dich verärgert, weil ich so spät bin? Das täte mir leid. Du, aber das Essen sieht so lecker aus!“

Tom reagiert nicht. Die Welt hat sich seltsam verlangsamt, glaubt er. Er schaut Sofies Gabel nach, wie sie in das Essen fährt, Pilze und Soße abholt und in ihren Mund befördert. Wieder und wieder und immer wieder. Beim letzten Bissen quietschen die Zinken über das weiße Porzellan. Was für ein grässlicher Ton! Plötzlich wird ihm speiübel. Weil er so ruckartig aufsteht, fliegt der Barhocker ein Stück und poltert auf den Boden. „Gleich da“, nuschelt er wie ein Betrunkener und schwankt im Seemannsgang ins Bad. Kurz darauf rumpelt es darin, gefolgt von einer spürbaren Erschütterung der Holzdielen. Sofie springt auf, um nachzuschauen, bekommt aber die Tür zu dem engen Raum nur einen Spalt weit auf, denn dahinter liegt Tom gekrümmt am Boden. Er stöhnt und wimmert erbärmlich. Sofie drückt sich mit dem ganzen Körper gegen die Tür und quetscht sich hinein, um sich neben ihn zu hocken. Fürsorglich streicht sie ihm die schweißnassen Haarsträhnen aus dem wächsernen Gesicht. Tom sieht sie nicht mehr, hört aber ein merkwürdiges Geräusch, das ihn an über Tapete rennende Kakerlaken erinnert. Nein, keine Kakerlaken. Es fällt ihm ein. Das ist Kichern, denkt er. Das, was kleine Mädchen tun, wenn sie ihre albernen Geheimnisse austauschen oder über Jungs lästern. Die Kicherstimme flüstert jetzt was. Oh … sie ist jetzt so weit weg … ich kann sie nicht ver … stehen …

„Tja, mein Schatz, deine Liebe zum Wein wird dir eines Tages zum Verhängnis werden, das habe ich dir immer prophezeit. Okay, ich habe ein bisschen nachgeholfen und ihn „gepimpt“, damit es schneller geht. Hat dein Kennernäschen das nicht gerochen? Oh, mein armer Liebling! Du musst das verstehen, Bodo und ich konnten nicht mehr länger warten, aber gleich hast es ja geschafft. Dass Bodo Apotheker ist, weißt du doch noch, oder? Und er versteht sein Handwerk, vertrau mir!“

Nachtrag: Grünauer Lokalnachrichten (Ausg. vom 2. November 2019)

Feuer an Halloween – zwei Tote

Einen grausigen Fund machten Feuerwehrleute in den frühen Abendstunden des 31. Oktobers, der traditionellen Halloween-Nacht, als in einer Ferienhaussiedlung am Grünberg ein Wochenendhaus bis auf die Grundmauern niederbrannte. Die Freiwillige Feuerwehr von Grünau und zusätzliche Löschzüge aus den Nachbarorten rückten nach dem Alarm in das unwegsame Gelände aus, konnten aber den Brand des Holzhauses nur noch kontrollieren und ein Überspringen auf andere Anlagen verhindern. Als die Überreste in Augenschein genommen werden konnten, entdeckte man zwei bis zur Unkenntlichkeit verkohlte Leichen in der Asche. Gerichtsmedizinische und kriminaltechnische Untersuchungen haben erst begonnen, aber es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es sich um einen erweiterten oder doppelten Suizid handelt, da beide Opfer eng nebeneinander in einem Raum aufgefunden wurden und zum Zeitpunkt des Feuerausbruchs, ersten Angaben zufolge, bereits tot waren. Zur Identität gibt es nur die unbestätigte Vermutung, dass es die Eigentümer Sofie und Tom K., ein Ehepaar aus H. sind, die in ihrer Ferienhütte einen Kurzurlaub verbringen wollten. Als Brandursache nehmen Brandermittler vorläufig eine unbeaufsichtigte Kerze an. Hinweise auf Brandbeschleuniger oder vorsätzliche Brandstiftung liegen bislang nicht vor. Allerdings äußert ein Freund des Ehepaares, Bodo L. aus H. gegenüber den ermittelnden Behörden den Verdacht einer Straftat. (Red.)


© Inhalt urheberrechtlich geschützt – Heather M. Kaufman 31.10.2019