Kurz und Klein

Short Thriller Story

Die Brandung tost. Der Höllenlärm zerrt sie an die Oberfläche ihres Bewusstseins. Normalerweise beruhigt sie das Rauschen der Wellen, aber das … ist … zu laut! Sie will sich die Ohren zuhalten, spürt aber weder ihre Arme noch die Hände. Nur unmenschliche Kälte. Sie sickert wie eisiges Wasser im gleichen Maß in sie hinein, wie das Leben aus ihr heraus. Ist das das Ende? Ihr Rücken fühlt sich wie tiefgefroren an, und sie schließt daraus, dass sie irgendwo liegt. Aber wo und warum? Von innen stemmt sie sich gegen die geschlossenen, bleischweren Lider, um etwas zu sehen. Ihr gelingt ein Blinzeln, und wie bei einem alten Stummfilm flackert das Bild, doch richtig hell und scharf wird es nicht.

Ihre Sinne kehren im Schneckentempo zurück, was sein Gutes hat, denn so steigt die Kurve ihrer Panik nur im gleichen, gemächlichen Tempo an und eskaliert nicht sofort. Als Kfz-Mechatronikerin wurde sie auf Systemanalysen trainiert, und so sieht sie auch Menschen in ihrer Basisversion nur als komplexe Systeme gut funktionierender Baugruppen. Sie bezwingt ihre Angst rational und macht den Selbstcheck. Erfreulichste Feststellung: Sie lebt. Die Schlechteste: Sie fühlt sich beschädigt und kennt weder den Grund dafür, noch weiß sie, wo sie sich gerade befindet. Aber sie weiß, wer sie ist. Ihr Name ist Kurz … hier erntete sie bei Vorstellungen stets Lacher … Anne Kurz. 

Seit zwei Jahren kann ich denn Gag noch übertreffen, denn der Name meiner Lebensgefährtin ist Carola Klein. Kurz und Klein! … Oh, mein Gott, Caro! 

Der Gedanke an Carola explodiert mit einer heißen Stichflamme in ihrer Brust und reißt eine Bresche in die Schmerzbarriere, hinter der sie sich verbarg. Plötzlich fühlt sie ihn nicht, sie ist der pure Schmerz! Annes Schädel steht kurz vor dem Zerbersten und sie fühlt sich am ganzen Körper wund und in einem Maße elend, dass ihr unwillkürlich Tränen übers Gesicht rinnen. Wie glühende Lava über kalte, steinige Bergflanken laufen sie über ihre Wangen und tropfen seitlich herunter. Während des Weinens hat das Tosen der Brandung aufgehört und Anne weiß jetzt, dass es nur in ihrem Kopf stattgefunden hat. 

So nah, dass ich es hören könnte, kann das Meer nicht sein. Was ist das Letzte, woran ich noch eine Erinnerung habe? 

Ihre Kiefer klappern aufeinander und die Kälte scheint inzwischen den innersten Kern erreicht zu haben. 

Wie soll ich da einen klaren Gedanken fassen? Wenn ich vor Kälte und Schmerz nicht denken und mich nicht rühren kann, muss ich mich wenigstens irgendwie bemerkbar machen. 

Anne will rufen. »Hil … fe.« Nur ein tonloses Hauchen. So, liebe Anne, wird das bestimmt nichts! Ein neuer Versuch. »Hilfe!« Raues Krächzen verlässt ihren trockenen  Hals. »Ich brauche Hilfe! Bitte!« Jetzt fängt sie wieder an zu weinen, weil sie sicher ist, dass niemand sie hören wird, und dann überlässt sie sich einer großen, schwarzen Woge, die sie mit brachialer Gewalt überrollt und mit sich reißt.

Die Bilder des Stummfilms flackern erneut. Sie ist zurück und dieses Mal kann Anne die Augen einen Spalt breit geöffnet halten. Wie viel Zeit vergangen ist, weiß sie nicht. Es ist heller Tag und warmer Regen fällt ihr ins Gesicht. Sie leckt gierig nach den Tropfen, öffnet sogar den Mund, um das wenige Wasser, das hinein gelangt, zu schlucken. Über ihr wölbt sich ein schleimgrauer Himmel. Die Kälte ist noch da und die Kopfschmerzen auch, aber entweder sind sie schwächer geworden oder sie selbst kräftiger, denn beides ist jetzt erträglich. Ihre kribbelnden Finger – sie fühlt sie wieder – krampfen sich in den aufgeweichten Schlamm, in dem sie liegt, und sie wagt weitere Bewegungen. Vorsichtig und umständlich dreht sich Anne auf die linke Seite und es gelingt ihr sogar, sich noch weiter herum zu rollen, um sich stöhnend in eine Art Kniestand zu begeben. Sie ignoriert die aufsteigende Übelkeit, ist sich sicher, dass sie lediglich das Symptom einer Gehirnerschütterung ist. Das Schwanken lässt sie trocken würgen und sie kommt sich vor wie ein Matrose hoch oben in der Takelage eines alten Seglers, während tief unter ihr der massige Schiffsrumpf in der schweren, von einem Orkan gepeitschten See rollt und stampft. 

Trotz steifer Gliedmaßen ist Anne erleichtert, offensichtlich keine schwerwiegenden Verletzungen oder gar Brüche erlitten zu haben. Ein neuerlicher Schwindelanfall zwingt sie, sich mit dem Po zurück auf die Fersen fallen zu lassen und sie atmet bewusst tief und langsam, bevor sie den Kopf wieder sacht hebt und starr geradeaus blickt. Ihr Blick heftet sich an den schrundigen Stamm einer Palme. Eine von Hunderten in einem Streifen tropischen Grüns, aber diese eine hält Anne in der Gegenwart verankert. 

Caro. Caro! Ihr gilt, egal wann oder wo ich erwache, mein allererster Gedanke. 

Ihr fällt plötzlich wieder ein, wo Carola in diesem Augenblick ist und ehe sie sich dagegen wehren kann, schluchzt Anne auf und heult. Dabei schaut sie dem fallenden Regen entgegen, der ihr fast zärtlich Tränen und Rotz aus dem Gesicht wäscht. Unbeschreibliche Leere breitet sich in ihr aus und sie begegnet ihrer Verzweiflung mit Tönen, die an das Jaulen und Fiepen verlassener Welpen erinnern. 

 Warum hast du mir das angetan, Caro? Du hast alles zerstört! Alles kurz und klein geschlagen. Lebten wir hier auf Bali nicht unseren Traum? Ich habe mit meiner kleinen Autowerkstatt genug für uns beide verdient und wir hätten hier als Aussteiger gemeinsam unter der Sonne alt werden können. Jetzt sieh dir an, was du angerichtet hast! 

Mit größter Willensanstrengung steht Anne auf, steht breitbeinig und schwankend auf einer vom Regen durchweichten Bergpiste, irgendwo außerhalb von Amlapura. Sie lässt ihren Blickanker los, dreht sich unsicher um und sucht einen neuen Haltepunkt. Doch da ist nichts, was ihr als Stütze zur Orientierung dienen kann. Die Piste endet im wolkenverhangenen Himmel. Der Regen pausiert. Anne setzt unsicher einen Fuß vor den anderen und taumelt dem Ende des Weges, der abrupt an einer brüchigen Kante endet, entgegen. Dahinter, das kann sie zwar aus ihrer Position nicht erkennen, aber Anne weiß es, denn sie kennt die Insel wie ihren Werkzeugschrank, geht es mehrere hundert Meter fast senkrecht in die Tiefe. Unten warten die messerscharfen Klippen der Balisee. Was dort hinunterstürzt, ist für immer zerstört und verloren. Der Pazifik arbeitet hier überaus gründlich, denn die Brandung schleudert und mahlt an den schroffen Felsen alle anorganischen Stoffe in winzige, nicht mehr identifizierbare Bruchstücke und übergibt die organischen dem Kreislauf des Lebens.

Warum musst du blöde Kuh anfangen, in meiner Vergangenheit herumzustochern, bis der ganze alte Modder aufgewirbelt wird? Mein halbes Leben lang verstecke ich mich hier schon. Ich habe für das Vergessen mit Einsamkeit bezahlt, bis du eines Tages mit deinem lächerlich gigantischen Tourenrucksack auf der Insel aufkreuztest und ich mich sofort in dich verliebte! Was oder wer bringt dich dazu, die natürliche Todesursache meines Ex in Deutschland anzuzweifeln? Warum müssen wir denn unbedingt heiraten? Wir sind – wir waren – doch auch ohne Papiere glücklich! Und das Ende vom Lied? Ich bin wieder allein!

Anne blickt auf den schlammigen Boden. Nur weil sie weiß, wonach sie sucht, erkennt sie sie schemenhaft. Die nächsten Schauer werden den Rest erledigen. Sie werden die verräterischen Reifenspuren des kleinen, geliehenen Geländewagens auslöschen, in dem sie ihre Lebensgefährtin in rabenschwarzer Nacht in diese gottverlassene, Caro vollkommen unbekannte, Region der Insel lotste und sich im allerletzten Augenblick aus dem fahrenden Wagen fallen ließ. 

Die verblassten Spuren enden an der Abbruchkante.


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Herzlichen Dank!

1,00 €

*Meine Geschichte Der Tellepott erzählt vom Ursprung dieser Tradition.


© Inhalt urheberrechtlich geschützt – Heather M. Kaufman 25.02.2021

Titelfoto von tseplaki auf Pixabay

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