Erika

Eine autobiographische Partikel-Bö

Das Papier vergilbt; ein rechteckiger Schnipsel mit schiefen Schnittkanten auf schwarzfilzigem Karton im Familienfotoalbum, daneben ein oneway Pan Am-Flugticket – Berlin-Hannover für 62 D-Mark, etwa 280 Ostmark. Kein einfach nur hastig ausgeschnittener Witz aus einer Illustrierten, sondern die bissig-humorige Kurzfassung einer Lebensentscheidung, die in eigenen Worten Tagebücher füllt. Wenn es vorüber ist und man es »geschafft« hat, werden alle herzhaft lachen:

Zwei Hunde treffen sich an der Berliner Sektorengrenze. Der eine kommt aus West-Berlin, der andere aus Ost-Berlin. »Wat machste denn bei uns?«, fragt der Westberliner Dackel. »Kriechst drüben nicht jenuch zu fressen?« »Fressen is prima«, sagt der Osthund. »Sind denn keene juten Stammbäume bei euch?« »Stammbäume sind och in Ordnung.« »Ja, wat fehlt denn sonst?« »Ach weeste«, meint der Osthund bekümmert, »ick wollte bloß wieder mal´n bisken bellen.«

Für sämtliche Konsequenzen, die sich aus dem zuvor heiß diskutierten Kauf und der Nutzung dieses Flugtickets ergeben werden, wird der gerade erst zusammengetragene Hausrat der ersten gemeinsamen Wohnung in Brandenburg, wenige Kilometer südöstlich der Berliner Stadtgrenze, in Mark und Pfennig getauscht. 

»Ach, ham se schon jehört, det nette Paar will sich scheiden lassen. Hat ja man nich lange jehalten die Ehe, war´n man bloß zwee Jahre oder so!« 

Das großzügige Geschenk der Oma zum achten Geburtstag der jungen Mutter, ein Borkenhagen-Klavier, verwandelt sich in Nullkommanix in eine nagelneue Reiseschreibmaschine Typ Erika Nr. 1 aus dem VEB Schreibmaschinenwerk Dresden, denn bezahlte Arbeit geht vor Kultur. Transportable Besitztümer der Eheleute werden Teil um Teil heimlich, verborgen unter Wintermänteln, nach Westberlin zur Verwandtschaft verbracht, um von dort aus später per Post in den Westen zu gelangen. Die Ehe des jungen Technikers, der zu den »Intelligenzlern« der fast ebenso jungen DDR gezählt wird und den der Staat nicht ziehen lassen will, gilt offiziell als zerrüttet. Beide Eheleute, sie hatten sich an ihrem Arbeitsplatz an der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Miersdorf lieben gelernt, sind übergangsweise wieder zu ihren Eltern gezogen. Am späten Nachmittag des 16. Novembers 1955 betritt der Mann die Gangway der Pan Am Maschine. Seine Ehefrau, unverfänglich auf gesondertem Weg angereist, schaut ihm nach. Freunde begleiten sie und spendieren ihr zur Nervenberuhigung einen Cognac und sie trösten die winkende und beim Abheben der Maschine jetzt hemmungslos weinende Frau. Doch ihr Schmerz sitzt zu tief, er ist unerreichbar für Zuwendung und Alkohol. Sie liebt ihren Mann und wird seiner lebenslangen Unruhe folgen, aber der Preis ist hoch!

Soweit die Ouvertüre eines Schauspiels in mehreren Akten, denn die Trennung ist zwar wirklich traurig, aber nicht von Dauer, denn die Frau wird sich wenige Monate später mit ihrer eineinhalbjährigen Tochter in einen Transitzug setzen, um vorgeblich Scheidungsdetails mit ihrem inzwischen in Hannover arbeitenden Mann zu klären. So schauspielert sie es für den Erhalt aller notwendigen Papiere. Aber sie denken nicht an Scheidung, sie werden zusammenbleiben. Die kleine Familie will sich nicht trennen, sie will bloß ´n bisken bellen! 

Während der Familienvater alleine im Westen Arbeit und Unterkunft sucht, um der kompletten Familie den Start aus einem Aufnahmelager heraus zu ersparen, mimt seine Frau, ganz entgegen ihres grundehrlichen Charakters, die nervenzehrende Rolle der verlassenen Ehefrau und bereitet im Verborgenen ihre eigene Flucht mit dem Kind vor. Nur die Familie und engste Freunde sind in den riskanten Plan eingeweiht, denn auch wenn die Mauer das Land noch nicht zerreißt, Republikflucht ist ein Verbrechen und selbst Mitwissern drohen Strafen und Repressalien.

In einem eigens dafür von einem befreundeten Tischler eingepassten, doppelten Boden im Kinderwagen, wird zunächst Erika, aus Platzgründen zunächst noch ohne Kofferdeckel nach Westberlin geschmuggelt. Vor Ehe und Kind war die junge Frau Chefsekretärin an der DAW für den kommissarischen Leiter des »Instituts X« für Atom- und Kernphysik und hofft, dass ihr ihr wichtigstes Handwerkszeug im Westen nützlich sein wird. Mühsam ringt sie ihre Ängste nieder bei dieser verbotenen Tat und den noch zahlreich folgenden. Ihr Töchterchen thront ahnungslos schnatternd auf dem Schmuggelgut, als die Mutter den Kinderwagen auf die Treppen der Unterführung zur S-Bahn zusteuert. Schweiß bricht ihr aus allen Poren, denn ausgerechnet ein junger Vopo-Offizier offeriert freundlich seine Hilfe beim Überwinden der Stufen. Er wundert sich nicht über das stramme Gewicht von Wagen und Kind. Er hebt den Wagen an und sieht nicht darunter. Erika erreicht heil und unentdeckt Westberlin. Es gibt nichts Unverdächtigeres als eine Mutter mit ihrem Kleinkind. 

Später sind beide längst mit dem Vater in Hannover vereint, inzwischen offizielle DDR-Flüchtlinge, als sich die fantastische Gelegenheit bietet, dass ein netter Arbeitskollege beruflich nach Berlin fliegen muss und sich bereit erklärt, auf dem Rückflug die Reiseschreibmaschine – inzwischen wurde sie auch wieder mit ihrem Deckel verschmuggelt – abzuholen und mitzubringen. Ach, Erika, immer für eine neue Sorge gut!

Beim Rückflug stoppt die Zollkontrolle den hilfsbereiten Kollegen und beschlagnahmt die Schreibmaschine wegen Zollvergehens. Er gibt wahrheitsgemäß an, dass er nur aus Gefälligkeit den Transport übernommen hätte. Als er das am folgenden Tag in der Firma erzählt, ist die Zollfahndung schon in den beiden ärmlichen Zimmern der Flüchtlingsfamilie, da sie „die illegale Einfuhr zu verzollender Ware im großen Stil“ vermuten. Die Beamten werden versöhnlich als sie den rüpelhaften und cholerischen Wohnungseigentümer, der die unbeheizten Zimmerchen zur Untermiete für einen Wucherpreis zur Verfügung stellt, kennenlernen. Fast scheiden sie in Freundschaft und die kleine Familie erhält etliche hilfreiche Tipps und anderntags auf dem Amt auch Erika zurück.

Erika findet ihren Frieden in der Familie, sie wird gebraucht, geliebt und gepflegt. Und als aus dem plappernden Kleinkind der Familie, die immer fester im Westen wurzelt, aber dennoch Brandenburg wie einen leisen Schmerz dauerhaft im Herzen trägt, und deren Eltern und Freunde buchstäblich Zug um Zug folgen, eine Studentin wird, begleitet Erika sie. Doch trotz ihres edlen, schlanken Hochglanzlooks wird sie vom technischen Fortschritt überrollt. Elektrische Maschinen, moderne Kugelkopfmaschinen lassen sich leichter anschlagen, sind leiser, haben ein schickeres Schriftbild und als die PC-Ära anbricht, verliert Erika das Rennen gänzlich. Ausrangiert ruht der mattschwarze Koffer wieder bei dem ebenfalls in die Jahre gekommenen Paars in der Zimmerecke. Ihr Leben hat sie auf Bewahren geprägt – entsorgt werden nur absolut unbrauchbare Dinge und Müll, jede Neuanschaffung wohl überlegt. Der Überzeugungstechniker und Leidenschaftskonstrukteur kann alles richten, daran glaubt seine Familie und allen voran seine kleine Enkelin, die später sogar defekte Sachen von Freundinnen anschleppen wird, weil ihr Opa alles, davon ist sie felsenfest überzeugt, reparieren kann. Als das Enkelmädchen etwa so alt ist wie ihre Mutter beim Schmuggeln von Erika, wünscht sie sich von Herzen eine echte Schwarzwald-Kuckucksuhr. Und ihr Opa, der ihr keinen Wunsch abschlagen kann, hat eine Idee. Er setzt erfolgreich eine Annonce in die Zeitung: 

»Tausche sehr gut erhaltene DDR Reiseschreibmaschine Typ Erika Nr.1 gegen eine funktionstüchtige, mechanische Kuckucksuhr.« 

Die Geschichte erinnert an das Märchen Hans im Glück. Das klimpernde Klavier wird in eine klappernde Koffer-Reiseschreibmaschine getauscht und diese schlussendlich in eine gong-kuckuck-gong-kuckuck-plärrende Wanduhr. Als die ersten Teile zerbrechen und das Uhrwerk streikt, ist der alles-reparieren-könnende Opa tot und seine Frau folgt ihm ein Jahr später – eine längere Trennung hält sie nicht aus.


© Inhalt urheberrechtlich geschützt – Heather M. Kaufman 09.09.2020