Der Osterspaziergang

Eine schaurige Kurzgeschichte

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche,

Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,

Im Tale grünet Hoffnungs-Glück;

Der alte Winter, in seiner Schwäche,

Zog sich in rauhe Berge zurück.

(Der Osterspaziergang, Johann Wolfgang von Goethe)

Am Morgen des zweiten Osterfeiertages bäumte sich das Orkantief, das die ganze Nacht über der Kleinstadt mit heftigen Graupelschauern gewütet hatte, ein letztes Mal auf. Mirjam schenkte Elias und sich selbst noch eine Tasse Tee nach, schaute besorgt aus dem Küchenfenster und biss ein großes Stück aus ihrem Brioche. 

Elias öffnete die Wetter-App auf seinem Smartphone. »Sieht nicht sehr rosig aus! Meinst du, wir sollten Katta trotz des Sauwetters holen? Ehrlich gesagt verspüre ich keine Sehnsucht danach, mir von den eiskalten Böen die Haut aus dem Gesicht hobeln zu lassen.« 

Genießerisch langsam kaute Mirjam und schluckte den Bissen hinunter, um zu antworten. »Na, du bist mir vielleicht ein Hundebesitzer in spe. Du weißt schon, dass Hunde nicht batteriebetrieben sind, also fressen und verdauen? Und dass Frauchen oder Herrchen dann mit ihnen bei Wind und Wetter raus müssen?«

»Warum können Hunde nicht wie Katzen auf´s Klo gehen? Hunde sind doch angeblich intelligenter als die kleinen Flauschköppe.«

Mirjam lachte. »Aus dir spricht der Katzenpapa. Der faule Katzenpapa! Wir waren uns doch einig, uns, nachdem wir gerade den Umzug gestemmt haben, einen Hund anzuschaffen, damit wir uns mehr bewegen und öfter aus unserer Komfortzone gezwungen werden. Ein bisschen Druck muss in unserem Alter schon sein.«

»Du hast wie immer recht, mein Schatz«, knickte Elias ein, »lass uns nach dem Frühstück sehen, wie das Wetter sich entwickelt und dann holen wir Katta ab. Ich find´s toll von den Pflegern im Tierheim, dass sie sich sogar an den Feiertagen aufopfern, um die  Hunde und ihre Paten glücklich zu machen. Außerdem hatten wir fest zugesagt.«

Eineinhalb Stunden später hatten sie die quirlige Terrierhündin Katta abgeholt und waren mit ihr zu ihrem Lieblingswald gefahren. Der Parkplatz war trotz der Osterfeiertage bis auf ein weiteres Fahrzeug – der Heckabtrennung nach zu urteilen ebenfalls  Hundemenschen – leer. Während sich Mirjam und Elias in ihre wetterfesten Jacken und Mützen mummelten, fiepte Katta schon voller Vorfreude auf den Spaziergang. Seit einigen Wochen holte das Pärchen regelmäßig unterschiedliche Hunde aus dem Heim und verbrachte Kennenlernzeit mit ihnen, bis sie sich eines Tages für Katta entschieden und sie sofort dieses seltsame Schlüssel-Schloss-Gefühl hatten. Katta war, so hatte die Leiterin des Tierheims berichtet, erst im Januar von einer Frau abgegeben worden, der die Hündin angeblich zugelaufen sein sollte. Merkwürdig hatte man gefunden, dass die Frau bei der Übergabe Rotz und Wasser geheult hatte und sie den ungewöhnlichen Namen des Tieres kannte. Sie glauben nicht, was wir hier schon erlebt haben, hatte die Leiterin erzählt, wir waren überzeugt, dass es in Wirklichkeit ihr eigener Hund war, den sie uns brachte. Bevor Mirjam und Elias sich endgültig entschließen wollten, Katta zu sich zu nehmen, einigten sich die beiden mit dem Tierheim zunächst auf eine befristete Patenschaft.

Katta lief an der langen Schleppleine und erschnüffelte sich ihre eigene Route, während das Pärchen auf dem Weg entlang des Waldes lief. In den Wald hinein trauten sie sich wegen des vorangegangenen Sturms noch nicht, aber das Tiefdruckgebiet war abgezogen und hin und wieder blitzte sogar der blaue Himmel zwischen den schnell ziehenden Wolken hervor. Die kühle Luft roch erdig und metallisch nach verrottendem Laub, aber auch schon ein schon wenig nach frühlingshaftem Wachstum und Hoffnung. Plötzlich bellte Katta, als hätte sie etwas erschreckt, und kurz darauf straffte sich die Schleppleine, weil sie nicht mehr weiterlief. 

»Katta? Katta, komm!«, rief Elias in Richtung Unterholz und zog sanft an der Leine. »Hier!« Weder bewegte sich die Leine, noch gab der Hund Laut. Mirjam überlief eine Gänsehaut, die sie nicht der kalten Luft verdankte. Elias folgte der Leine, die er in großen Schlaufen verkürzte und sich dabei durch ein kahles, erst zart knospendes Gebüsch vorarbeitete. Dann sprang er über einen schmalen Entwässerungsgraben und verschwand im Dickicht. 

»Katta – hier! Katta! Komm!« Mirjam hörte ihren Freund rufen und bemerkte die wachsende Anspannung in seiner Stimme. »Ja, was machst du denn da? Warum kommst du nicht, wenn ich rufe?« Mirjam kicherte amüsiert, weil Elias glaubte, Erziehung könnte man mit dem Tier ausdiskutieren. »Komm! Katta!« Die anfängliche Ungeduld in Elias´ Stimme wuchs sich allmählich zu Verärgerung aus und sie beschloss Elias zu helfen. Für den erzieherischen Notfall hatte sie immer ein paar Leckerchen in der Jackentasche. Zwar wusste sie, dass es ein grober Fehler war, Fehlverhalten zu belohnen, aber ehe sie hier ihr Nachtlager aufschlagen müssten …

Jenseits der Wildhecke öffnete sich ein lichter Wald mit Buchen, deren Stämme dicken hellgrauen Elefantenbeinen glichen, und nur wenigen Nadelbäumen. Stürme und Hitzeperioden der Vergangenheit hatten die Fichten wie Fliegen sterben lassen und große Lücken in die Wälder der Region gerissen. Etwas ratlos stand Elias vor einer jungen Tanne und tätschelte Katta, die unter dem Baum saß, den Rücken. »Jetzt, komm, mein Mädchen«, becircte er sie jetzt zärtlich und hoffte, sein Strategiewechsel würde ein Wunder bewirken. 

»Na, hat sie den Osterhasen gestellt?«, fragte Mirjam.

»Sehr witzig. Ich habe keine Ahnung, was sie hat. Sie sitzt hier, als würde sie auf jemanden warten, aber ich bin es nicht, denn immer wenn ich an der Leine ziehe, knurrt sie.«

»Das hat sie doch noch nie gemacht!« Mirjam näherte sich und schaute in die Tanne hoch. »Vielleicht sitzt da oben ein Eichhörnchen oder ein Vogel? Für Jagdhunde sind Wälder wie für uns Shoppingmalls.« Sie ging ein Stück um den Baum herum, aber dichter Unterwuchs hinderte sie daran, ihn gänzlich zu umrunden. Aber an einem der unteren Äste schien sich ein großes Stück Stoff verfangen zu haben. Mirjam ging so dicht wie möglich heran.

»Sieht aus wie eine alte Jacke oder sowas. Wie kommt die denn ausgerechnet da hin?«

»Vielleicht hat sie ein Waldarbeiter vergessen oder ein Spaziergänger.«

»Auf jeden Fall scheint sie interessant zu riechen, denn ich wette, dass Katta deshalb hier bleiben will. Ich friere aber allmählich und würde jetzt gerne nach Hause fahren.«  

»Bei aller Hundeliebe, Katta. Voran!« Elias legte jetzt seine ganze Autorität in sein Kommando, das er mit leichtem Zug auf die Leine verstärkte, doch die Hündin zuckte nicht mit einem einzigen Muskel, sondern versteifte sich stattdessen. »Die macht sich über mich lustig, glaube ich!« 

Mirjam hatte inzwischen vom Waldboden einen langen Knüppel aufgehoben, mit dem sie nach dem Stoff auf dem Ast angelte. Tatsächlich gabelte sie den unscheinbaren Lumpen am Knüppelende auf und zog ihn mit einem letzten kraftvollen Ruck zu sich, weil sie das Gewicht an dem Stockhebel nicht halten konnte. Die ockerfarbene Ekligkeit glitt herunter und blieb auf welken Disteln, die sich unter dem Gewicht knisternd bogen, liegen. Im Fallen hatte sie sich etwas geöffnet und sich wie eine Matte über die braunen Stängel gelegt. Dem Schnitt und der Größe nach handelte es sich um eine Herrenjacke im Stil englischer Wachsjacken, die aber schon bessere Zeiten erlebt haben musste. Wer weiß, wie lange das Ding hier schon gehangen hatte? Das farblich abgestimmte Innenfutter, man konnte es in der Kapuze erkennen, war kariert und die Außentaschen waren ausgebeult, als wären sie prall gefüllt. Noch im Moment des Herunterfallens war Katta wie eine Sprungfeder hochgeschnellt und beschnupperte vorsichtig und winselnd das hässliche Kleidungsstück. Mit einem leichten Ruck an der Leine sagte Elias: »Pfui! Nein!« Und zu seiner Verwunderung hörte Katta sofort auf zu schnuppern und setzte sich nun neben ihren Fund.

Mirjam und Elias starrten jetzt entsetzt auf die Außenseite der Jacke, die, insbesondere an beiden Vorderseiten rechts und links des goldfarbenen Reißverschlusses, sowohl Spritzflecken als auch große, flächige Verfärbungen aufwies. Der Farbton lag in unterschiedlichen Nuancen zwischen rostbraun und weinrot. Man musste keine überbordende Fantasie haben, um zu mutmaßen, dass es sich um getrocknetes Blut handeln könnte. Mirjam schauderte und schaute Elias an, der sichtlich angeekelt war. »Was kann das bedeuten?«, fragte er.

»Mein Gott, Elias, woher soll ich das wissen?«

»Wir sehen Gespenster, oder? Es könnte auch was anderes sein … Farbe oder so. Vielleicht gehört die Jacke einem Jäger, könnte doch sein? Das wird es sein! Oder die Flecken rühren von einem Unfall her.« Er umging das Wort Blut, weil in ihm etwas Endgültiges und Grauenerregendes mitschwang.

»Oder aber etwas Schlimmeres.«

»Du liest zu viele Krimis, Schatz! Dennoch – ich will heute Nacht schlafen können und deshalb rufe ich jetzt die Polizei an. Möglicherweise wissen die sogar, ob es hier mal einen Unfall gegeben hat. Bei soviel … Blut … wenn es denn überhaupt welches ist. Wer weiß, was da noch in den Jackentaschen alles steckt.«

»Okay«, sagte Mirjam, »erzähl es einfach und lass sie selbst entscheiden, was sie machen wollen. Wahrscheinlich machen wir uns gerade total lächerlich, aber wir müssen uns so wenigstens später keine Vowürfe machen.«

Elias gab seiner Freundin Kattas Leine und kramte sein Handy aus seiner Anoraktasche. Während er die gespeicherte Rufnummer wählte, trat er ein Stück beiseite, und Mirjam sah ihn nervös auf und ab gehen. Das Gespräch dauerte lange und Mirjam fürchtete schon, sie hätten sich im schlimmsten Fall sogar mit ihrer Hysterie wegen groben Unfugs oder wie immer das hieß, strafbar gemacht. Endlich schien das Telefonat beendet zu sein. Elias bestätigte, wie schwer der Beamte davon zu überzeugen war, dass es sich keineswegs um einen Scherz handelte. Erst als er mehrfach den Fundort beschrieb und Katta erwähnte, bemerkte er eine spürbare Veränderung im Tonfall des Polizisten, der ihn bat, auf jeden Fall vor Ort zu bleiben, bis ein Einsatzwagen einträfe.

Ohne Martinshorn, aber mit Blaulicht kam der Wagen zwanzig Minuten später den Waldweg im Schritttempo entlang gefahren, und Mirjam schwor, dass sie die Kälte auch nicht mehr viel länger ausgehalten hätte. Nur Katta schien die Temperatur nichts auszumachen, sie bewachte stoisch ihre Beute. Das Paar wiederholte vor beiden Beamten die ganze Geschichte und wurden, nachdem sie ihre Personalien angegeben hatten, angewiesen, im erfreulicherweise geheizten Einsatzwagen zu warten, bis noch weitere Beamte und Fahrzeuge eingetroffen wären. Da Katta nur mit roher Gewalt von dem widerlichen Kleidungsstück zu trennen gewesen wäre, ließ man sie einfach dort sitzen. Elias´ Kommando »Bleib!« war vollkommen überflüssig. Sie blieb sogar, als Mirjam und Elias endlich nach Hause gehen durften. Man versprach ihnen, sich gut um die Hündin zu kümmern und sie später in ihr Tierheim zurückzubringen.


Erst eine Woche nach Ostern, weder Mirjam noch Elias hatten seither gut geschlafen, erfuhren sie vom leitenden Ermittler der Kriminalpolizei, der sie zu nochmaliger Befragungen ins Präsidium gebeten hatte, etwas, das ihnen für eine lange Zeit noch bedeutend schlechteren Schlaf bescherte.

Nur wenige Kilometer weiter westlich war Anfang des Jahres eine zweiundvierzigjährige Walkerin in einem Waldstück spurlos verschwunden. Eine gute Bekannte, die sonst mitlief, aber dieses Mal wegen einer Zerrung ausgesetzt hatte, hatte die Polizei informiert, als ihre Freundin nicht zurückkehrte. Die verschwundene Frau war in Begleitung ihres freilaufenden Hundes, einem Terriermischling namens Katta, und die Bekannte erzählte, die Freundin hätte den Hund nach dem verkürzten Wort Katastrophe benannt, denn was immer er anstellte, war eine. Katta war schnurstracks alleine nach Hause gelaufen. Nach angemessener Wartezeit und etlichen Recherchen, begann man endlich mit der Suche. Zunächst nur in dem Waldstück, denn man nahm an, sie hätte sich vielleicht verletzt, später mit Wärmebildkameras und Spürhunden und immer mehr Technikeinsatz. Zuletzt sogar mit Leichenspürhunden. Auch Zeugen hatte man nicht ausfindig machen können; niemand schien ihr oder dem Hund begegnet zu sein. Sie blieb wie vom Erdboden verschluckt und hinterließ lediglich eine ungeklärte Akte und den Hund, den die Freundin nicht behalten konnte und im Tierheim abgegeben musste. 

Dann kam der Anruf mit dem Hinweis von Mirjam und Elias, der nur wegen der räumlichen Nähe, der Erwähnung des sich seltsam benehmenden Terriers mit dem merkwürdigen Namen und dem vermuteten Blut auf einer Herrenjacke Aufmerksamkeit fand. Der Rest war unglaublich schnelle forensische Meisterarbeit. Die DNA der am Kordkragen gefundenen Haare des vermuteten Besitzers der Jacke passte nicht zu der des Blutes, und ja, es war tatsächlich Blut. In den Taschen der Jacke befanden sich blutverschmierte Kleidungsstücke der verschwundenen Frau, ihre Mütze und Handschuhe. Das Blut glaubte man der verschwundenen Frau zuordnen zu können, wenn auch der endgültige Nachweis noch mehr Zeit erforderte. Die Menge des Bluts bestärkte den Verdacht auf ein Kapitalverbrechen, und der genetische Abgleich führte die Kripo zu einem vorbestraften Sexualstraftäter, der seine Tat, man ersparte Mirjam und Elias die grausigen Details, sofort gestand und den Ablageort angab. Er hatte sie nach dem Überfall in seinen altersschwachen Kombi gepackt, war ein paar hektische Kilometer östlich gefahren, wo er sie mühsam und notdürftig im steinharten Boden vergraben hatte. Dort fand man in geringer Tiefe die sterblichen Überreste der Frau, samt ihrer Trekkingstöcke und der Hundeleine. Die Jacke hatte der Täter später verzweifelt gesucht, weil er wusste, sie würde ihn sofort verraten, aber er war nach der Tat so aufgewühlt, dass er sich nicht mehr erinnern konnte, wo er anschließend noch herumgeirrt war. Irgendwann hatte er dem Ruf der Natur folgen müssen und hatte sie dabei abgelegt. Nur wo das war, fiel ihm später partout nicht mehr ein. Er gehörte definitiv nicht zu den hellsten Lichtern im Lampenladen – Glück für die Ermittler.


In vielen Kriminalgeschichten finden Hunde beim Spazierengehen Opfer schauriger Verbrechen. Katta fand den Täter. Und ein neues Heim. Nur einen neuen Lieblingswald mussten Mirjam und Elias für ihre gemeinsamen Spaziergänge noch finden, denn den alten wollten sie nie wieder betreten.


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Herzlichen Dank!

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*Meine Geschichte Der Tellepott erzählt vom Ursprung dieser Tradition.


© Inhalt urheberrechtlich geschützt – Heather M. Kaufman 04.04.2021

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