An meinem Baum der Erkenntnis wachsen Birnen

Autobiografischer Rückblick

Wie ein Elektriker stehe ich auf der Leiter und umfasse vorsichtig die Birne. Doch statt sie mit einer schraubenden Bewegung zu entfernen, helfe ich mit einem kurzen Knick meines Daumennagels nach und lege sie in den geschulterten Sammelkorb. Im Baum neben mir raschelt Laub, es folgt ein deftiger Fluch. Blech scheppert, ein Aufprall. Stille.

»Alles gut! Nichts passiert!« Erleichtertes Gelächter in der Plantage.

Mein Nachbarpflücker stellt die rackelige Dreibeinleiter zurück in den Obstbaum und beginnt erneut, seinen Korb zu befüllen. Ich freue mich auf die Frühstückspause, weil ich nie im Leben Köstlicheres aß, als erntefrische Gurken und Tomaten, Naturjoghurt aus eigener Produktion und hartgekochte Eier glücklicher Kibbuzhühner. Erschöpft, aber beseelt lauschen wir dem babylonischen Stimmengewirr, das aus den langen Tischreihen unter dem schattigen Planendach dringt und wappnen uns für den heißeren, zweiten Abschnitt unserer vormittäglichen Erntearbeit. Israel ist, Gott weiß es, kein Land für Weicheier!

Unsere dreißigköpfige Gruppe ist mit anderen Jugendgruppen aller Herren Länder aufgebrochen, um das Heilige Land zu erleben und zu erfahren. Buchstäblich. In den beiden ersten Wochen sind wir Gäste eines landwirtschaftlichen Kibbuz, das uns an ihrem Kollektiv teilhaben lässt. Wir helfen bei der Birnenernte und werden im Gegenzug herzlich aufgenommen und versorgt. Das mag auf den ersten Blick und bezogen auf eine skandinavische oder amerikanische Gruppe ein unkomplizierter Deal sein, doch wir sind Deutsche! Erst siebenundzwanzig Jahre sind vergangen, seit die letzten KZs von den Alliierten befreit wurden. Neun Jahre vor meiner Geburt.

Bei unseren »Adoptiveltern« reden wir über alles, was uns bewegt. Und das ist viel. Beiderseits! Viele unserer Gastgeber sind in ihren Familien die einzigen Überlebenden des Holocausts. Wir sind auf diese Reise vom kirchlichen Veranstalter intensiv vorbereitet worden, aber wenn aus kaum aushaltbaren Fakten der finstersten Epoche deutscher Vergangenheit, reale Menschen werden, die uns, sofern sie psychisch dazu überhaupt in der Lage sind, ihre Geschichten erzählen …

Die ersten Tränen, die ich in meinem Leben nicht über einen eigenen Schmerz oder den meiner Angehörigen weinte, waren die, über diese Verbrechen, diese Schuld, über die Millionen Ermordeten und Traumatisierten.

Der Abschied fällt schwer, aber eine Tour-Woche kreuz und quer durch das Gelobte Land wartet noch auf uns – bei über 30° C im Schatten und kein Schatten da! Jeder einzelne Ort knüpft eine synaptische Verbindung zu unzähligen sinnlichen Impressionen, die diese Reise zu weit mehr als nur zur Summe ihrer Sehenswürdigkeiten macht.

Zu Hause entdecke ich Wochen später unter dem Obststand unseres Supermarkts prallvolle Pappstiegen mit Birnen. Ich lese: Herkunft Kibbuz Jif´at/ Israel 1972. Ich bücke mich und befühle behutsam eine Frucht.

Hielt ich sie schon einmal in meiner Hand?


© Inhalt urheberrechtlich geschützt – Heather M. Kaufman 13.02.2021

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