Stachel im Fleisch

Unsere Sprache ist voller Metaphern, Aphorismen, Phrasen und Idiomen, die wir der Natur entliehen haben. Wir können uns in die Nesseln setzen (und das sogar im Schneckentempo), sind vor Schreck wie vom Donner gerührt, wir sehen den Silberstreif am Horizont, finden unseren Nachbarn nicht ganz astrein und seine Frau mohndoof.

Auf dem grünen Randstreifen, der ein frisch gepflügtes Feld vom landwirtschaftlichen Zuweg trennt, entdeckte ich quietschgrüne Jungdisteln, die sich mit kleinen bekrallten Alienfingern den Weg an die Erdoberfläche gebahnt hatten. An den winzigen Härchen hatten sich der Morgentau verfangen und sie alle erhoben wie Skorpione warnend ihren Stachel, bereit, ihn in den erstbesten Feind zu bohren, der ihre Existenz bedrohen würde. So ein Stich schmerzt kurz und jeder, der diesen Kontakt erlebt hat, hat seine Lektion gelernt. Was aber, wenn der Stachel abbricht und stecken bleibt? Selbst die zärtlichste Berührung der Stelle, lässt den spitzen Schmerz immer wieder kurz auflodern und erst, wenn wir uns von diesem nervigen Fremdkörper befreit haben, heilt der Stich und wir finden unseren Frieden.

Gut, wenn sich so ein Stachel im Fleisch entfernen lässt! Aber haben wir nicht alle einen bildhaften, der uns dauerhaft, vielleicht schon seit Jahren piesackt? Keine richtige Wunde, aber ein quälender Störenfried, der uns ständig an etwas gemahnt. Etwas Unerledigtes, etwas Wichtiges, das wir lieber wegschieben und verdrängen möchten. Aber es bringt sich bei jeder unpassenden Gelegenheit mit leichtem, aber nervtötendem Schmerz in Erinnerung! Schon in der biblischen Erzählung sollte ein solcher, von Gott gesetzter, Stachel im Fleisch, Paulus daran hindern, überheblich zu werden. Das klingt nach einer dauerhaft installierten Lektion!

Ginge es nach mir, so würde mir eine kleine Post-it-Notiz ausreichen, aber mich fragt ja niemand. Außerdem scheint es Lektionen zu geben, die sich immer wieder neu ins Gedächtnis bringen müssen und dabei hilft nur Schmerz. Das Belohnungssystem mit der Zuckerbrotvariante greift leider nicht immer, wenn es beispielsweise darum geht, etwas im eigenen Leben zu verändern, eine neue Erkenntnis zu gewinnen oder sich einer Herausforderung zu stellen. 

Solche Stachel sind sehr persönlicher Natur und eng mit dem Erleben einer Person, seiner Biografie verbunden. Manchmal gelingt es, ihn zu entfernen und dann zieht man sich bald darauf einen anderen zu. Ich behaupte, dass ein solcher Dauerschmerz-Druckpunkt für das kreative Schreiben unerlässlich ist, weil er wie eine Akkupunkturnadel unseren ‚Empathie-Nerv‘ reizt. Mein Stachel, soviel will ich verraten, hat etwas mit Verantwortung zu tun. Wann immer ich an ihm versehentlich rühre, weiß ich, wohin mein Tun, mein Weg mich führen muss. Er macht mich ein wenig mutiger, er fordert mich (sowohl heraus und manchmal über), aber ich brauche ihn, um mein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und um mich nicht auf dem Weg zu verirren. Er stachelt mich buchstäblich an! Und obwohl ich Agnostikerin bin, erdet mich mein Stachel und bewahrt mich hoffentlich ebenfalls vor Selbstgefälligkeit und Hochmut. Lieber setzte ich mich dann in die Nesseln, wenn´s denn sein muss!

Habt Ihr auch ein ähnlich stacheliges Verhältnis (außer einem Igel im Garten 🦔)? Wie spornt es Euch an? Oder greift Ihr lieber zur Pinzette?  

4 Thoughts

  1. Gute Frage! Stacheln im Fleisch … Davon habe ich mehrere. Einer ruft mir stets ins Gedächtnis, womit ich mit mir selbst zu kämpfen habe und nicht immer gewinne. Das ist meine Unfähigkeit, in einer größeren Gruppe mich mit anderen zu unterhalten, die Angst, im Mittelpunkt oder wie man so sagt im Rampenlicht zu stehen. Da gebe ich manchmal den Kampf auf, sowie letztens, als ich das Angebot, ein Video mit mir zu drehen, nicht angenommen habe. Das war mir zu viel … Der andere, ein dauerhafter Stachel, ist die Sorge um mein Kind. Da muss ich gut aufpassen, dass ich das Gleichgewicht nicht verliere und der Schmerz sich nicht verschlimmert … Mir ist bewusst – den ersten Stachel werde ich nie mehr los, aber damit lässt es sich leben. Den zweiten würde ich gern herausziehen wollen, der jedoch sitzt viel zu tief. Also – weitermachen, so gut es geht. 😉

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    1. Danke für Deine Offenheit, liebe Rosa! Ich glaube, wir teilen uns nicht nur Geburtsmonat und Jahr, sondern sogar die beiden von Dir beschriebenen Stacheln. Sie werden uns bis ans Ende unserer Tage begleiten, fürchte ich, aber wir halten immer Ausschau nach Seelenbalsam und Trostpflastern, okay?🩹🙂

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  2. Das machen wir! Zumindest einen Seelenbalsam, den wir uns auch teilen, haben wir doch meistens griffbereit – das virtuelle (oder auch echte) weiße Blatt Papier. Mir tut Schreiben immer gut, egal worum es in meinen Texten geht. Ich denke, auf Dich trifft das ebenso zu. Eigenartig – unsere Gemeinsamkeiten, aber das soll ja vorkommen. 😊 Wir halten durch und auch ein bisschen zusammen … Pass auf Dich auf!
    Herzliche Grüße
    Rosa
    PS: Falls Du etwas loswerden möchtest und gerade niemand da ist … Wir können uns gern austauschen, wenn Dir danach ist – das tut auch meistens gut. 😊

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