Erst stirbt die Schrift

Des Menschen Geist ist endlich und dennoch von den meisten noch nicht einmal annähernd ausgeschöpft. Vielleicht kennt auch Ihr dieses seltsame Gefühl der Enge und die Benommenheit, wenn man auf einem universellen Gedanken oder einer grandiosen Idee reitend, die eigene Gehirnmasse verlässt, um sogleich im gestreckten Galopp gegen die knöcherne Innenwand des Schädels zu prallen! Hat man sich danach etwas berappelt, bereut man vielleicht, sich in der Schule nicht mehr bemüht zu haben. Ich gestehe freimütig, dass ich nur über eine stinknormale Intelligenz verfüge und immer äußerst schwer gelernt habe. Wieder das Erkennen, das Leben nur rückwärts zu verstehen, es aber es vorwärts leben zu müssen.

Mit unserem Wortschatz verhält es sich ähnlich, wie mit der Endlichkeit des Geistes. Auch er wird von den wenigsten muttersprachlich voll ausgeschöpft. Beim Schreiben suchen Autoren stets neue Wendungen und Formulierungen und manches davon klingt wundervoll, ist vielleicht in seiner Schlichtheit voller Magie oder so vertraut wie ein gut eingelaufener Wanderschuh. Anderes wirkt gequält, manieriert und erzwungen, einiges dermaßen verschwurbelt und überfrachtet, dass man glauben möchte, der Autor feiert gerade ausgelassen seinen Esprit und man stört als Leser. Und dann gibt es die Texte, die derart vor Klischees und Altbekanntem strotzen, dass wir gelangweilt gähnen. Ganz ehrlich? Wir können uns abmühen wie wir wollen: Der Wortschatz gibt nur eine bestimmte Anzahl von Möglichkeiten her, um beispielsweise einen wolkenverhangenen Regentag zu beschreiben. Ja, es mag wenige Metaphern geben, die sich an immer neueren, moderneren Errungenschaften orientieren, doch Fakt ist, dass alles schon, nicht nur einmal, sondern hundertfach gesagt oder geschrieben wurde – egal, ob wörtlich oder übertragen. Haben aber deshalb literarische Texte ausgedient? 

Wie teilen uns den Erdball mit fast acht Milliarden Menschen. Acht Milliarden Individuen, die sich sämtlich unterscheiden – es gibt keine zwei identischen, niemanden zweimal. Da sind ebenso viele Stimmen, die mit feinsten, kaum zu unterscheidenden Merkmalen sprechen und sich Gehör verschaffen. Sekündlich wachsen Kinder heran, die nach Geschichten gieren, nach ihrer Geschichte verlangen, denn alle Geschichten erzählen von oder über uns und unser Weltbild. Deshalb MÜSSEN und DÜRFEN alte Geschichten immer wieder neu erzählt werden. Eine jede mit der ureigenen Stimme desjenigen, der sie erzählt. Eine gute Geschichte passt sich dem Zuhörer oder dem Leser an, holt ihn ab und nimmt ihn mit auf eine Reise, die in seinem Kopf weiterführt.

Geschichten lehren, erklären, lassen Freiraum für Fantasie, zeigen Wege und Möglichkeiten, sie bringen zum Lachen oder Weinen, sie vertreiben Langeweile, trösten, verkürzen Wartezeit, lassen am Leben anderer teilhaben und Leser daran wachsen und noch viel mehr. Doch Geschichten leben nicht nur von und durch ihren Inhalt, sondern auch vom erzählenden Medium. Ob vorgelesen, als Hörspiel oder Schauspiel/Film, als Gedicht oder Lied oder als selbstgelesenes Buch … wir brauchen sämtliche verfügbaren Sinne zum Begreifen und Lernen. 

Kürzlich – ich weiß nicht wo, die Zeit ist ein schnelllebiges Biest geworden – las ich, dass Kinderbücher kaum noch Absatz finden und deshalb zunehmend seltener geschrieben werden. Man möchte heulen! Angeblich gibt es Tendenzen, bei Schulkindern weniger Wert auf Handgeschriebenes, als vielmehr auf tastaturgetipptes Schreiben zu legen, das sei schließlich die Zukunft. Der Preis wäre verdammt hoch, denn Schreiben mit der Hand, das sollte sich herumgesprochen haben, ist weit mehr als das Aneinanderreihen von Buchstaben zur Produktion von Wörtern. Motorik und Lernen sind in allen Bereichen ein kongeniales Team! Schon in meinem älteren Beitrag Lesen, das flüchtige Können, verwies ich auf die Aussagekraft einer Pisa-Studie, dass Schulkinder immer häufiger auffallend schlecht beim verstehenden Lesen, der Lesekompetenz abschneiden. Was hat die Gesellschaft davon, wenn sie eine kleine Elite lesewütiger Intelligenzler heranzieht, die große Mehrheit hingegen immer dümmer wird? Wir schrauben unsere Forderungen an uns selbst immer weiter zurück, und die Fast-Food-Medien helfen nach Kräften, diesen Prozess zu beschleunigen.

Diejenigen, die die Ressourcen ihres Geistes ausschöpfen, werden uns immer mehr Technik bescheren, die das Gros nicht einmal ansatzweise versteht. Mit Mühe werden wir es schaffen, sie zu bedienen. Es wird nützliche, diensteifrige Technik sein, aber auch bequeme. Eine, die uns so viel abnimmt, bis sie uns ersetzt. Dann haben wir viel Zeit für Unterhaltungselektronik, beispielsweise Games, in denen wir virtuell nachäffen, was wir real längst verlernt haben. Lesen. Schreiben. Unseren Geist nutzen, um über uns nachzudenken. Fantasie und Kreativität lassen wir uns in der Zukunft von Tutorials erklären, als ginge es um ausgestorbenes Handwerk.

Lasst uns heute mit unserer eigenen Stimme schreiben. Lasst uns stilistisch weder nach Mainstream oder Followern schielen. Oft lese ich, „ich schreibe nur, weil es mir Spaß macht und mir gut tut“. Für private Blogs finde ich diese Form der Psycho-Hygiene legitim und enorm wichtig – der Blog als modernes (geheimes) Tagebuch. Wer jedoch öffentlich schreibt oder sogar eine Buchveröffentlichung anstrebt, sollte, wie ich es sehe, immer sein anvisiertes Publikum im Kopf haben und überlegen, warum es den Text lesen/hören sollte. Stellen wir uns einen einzelnen, uns unbekannten Menschen vor, dem wir erzählen wollen, das IHM gefallen könnte. Wir sind nicht selbstverliebt bei UNS, wir sind empathisch beim LESER. Vielleicht geben wir wie Flüsterpost eine Botschaft weiter? Es ist illusorisch ALLE erreichen zu wollen, gehen wir es doch bescheidener an und lassen Leser entscheiden. Wir verschaffen uns also mit unserer eigenen Stimme den Zutritt zum Kopf des Lesers!

Schreibt doch mal in den Kommentar, an wen Ihr Euch mit dem neuesten Schreib-Projekt oder vielleicht sogar mit Eurem gesamten „Lebenswerk“ richtet. Wer ist Eure Zielgruppe? Welche Botschaft möchtet Ihr transportieren, welche Absicht verfolgt Ihr? Auch eine reine Unterhaltungsabsicht ist bedeutungsvoll – nicht immer muss ein hohes Ziel verfolgt werden ( und das muss ich schreiben, weil eines meiner Projekte nur diesem belletristischem Zweck dienen soll 😂). Lesen und Schreiben sind so wichtig wie Luftholen, wie Essen und Trinken. Stirbt die Schrift, stirbt der Geist.

»Ich denke, also bin ich«, sagte der Philosoph René Descartes. Ich denke nicht, ich bin tot. Hirntot. Ein grauenvoller Zustand, den man niemandem wünscht!

Das von mir verfremdete Titelfoto ist von David Krüger auf Pixabay – vielen Dank!

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