Du musst nicht, du darfst!

Plötzlich war er da. Ein Ohrwurm, der sich immer wieder penetrant in meine Wahrnehmung schob. Der gesungene Werbeslogan »Ich will so bleiben, wie ich bin – will so bleiben, wie ich bin …« knüpfte sich vermutlich mnemotechnisch an vorherige Gedanken.

In mir rasen zwei scheinbar widersprüchliche Ratschläge auf Kollisionskurs aufeinander zu. Mit »Schmackes«, wie man im Rheinland sagt! Der eine wird inflationär an jeder Selbsthilfe-Ecke von Glückspredigern und deren Laien-Anhängern feilgeboten und bestärkt, dass man sich unbedingt selbst, innerlich und äußerlich annehmen muss, um Zufriedenheit zu erlangen. »Sei du selbst, alle anderen gibt es schon« oder »du bist einmalig und wertvoll«, »lass dich nicht verbiegen« und unzählige Ableitungen kongruenter Inhalte, die nur für tatsächlich Unsichere, Schüchterne und Zauderer mit geringem Selbstwertgefühl sinnvoll sind. 

Der Geisterfahrer-Gedanke kommt mit Lichthupe entgegen: So funktioniert das nicht! Falsch interpretiert ist das die Generalvollmacht für jeden, tun und lassen zu können, was er/sie/es will. Sieger sind dabei wieder die Unveränderlichen, die Selbstverliebten, die Selbstsicheren und die, die Streits oder Diskussionen gerne mit der Phrase »So bin ich nunmal! Entweder ihr akzeptiert mich oder ihr könnt mich!«, abschmettern. Manchen von ihnen täte jedoch eine Prise Selbstkritik ganz gut, um an eingestandenen Fehlern zu arbeiten. Wenn ein Mensch ständig betont, er sei perfekt, nur seine Mitmenschen nicht, könnte die Haltung unter Umständen zu massiven Problemen führen. Für mich gehört zum Mensch sein u.a., ein Leben lang an sich selbst zu arbeiten.

Wie so oft auf dem Seil des Lebens gilt es, die richtige Balance zu finden! Ich muss für mich allein klären (niemand muss vom Ergebnis erfahren), welcher Typ ich bin. Bin ich mit mir zufrieden und im Reinen, bin ich glücklich? Oder bin ich eher scheu, voller Ängste und Zweifel, leide ich womöglich an Minderwertigkeitsgefühlen? Und natürlich gibt es neben Schwarz und Weiß eine Vielzahl von Grautönen und Überschneidungen mit anderen Eigenschaften, aber schon als psychologischer Laie erkennt man, dass hier unmöglich die Pauschalformel »Sei du selbst« Vademecum sein kann! Zu dieser Thematik fällt mir ein Taschenbuch ein, das ich Ende der neunzehnhundertsiebziger Jahre las. Es ist von Thomas A. Harris und heißt »Ich bin o.k. – Du bist o.k.: Wie wir uns selbst besser verstehen und unsere Einstellung zu anderen verändern können. Eine Einführung in die Transaktionsanalyse« (Rowohlt). Es richtet sich an Laien und ich fand es damals so spannend, dass ich es mir sicher noch einmal zulegen werde. Es hat auf einem der unzähligen Umzüge irgendwann, irgendwo den Anschluss verpasst und ist wie ich, schon etwas älter, aber, mit kleinen Abstrichen, immer noch aktuell. (Freud weilt schließlich auch schon eine ganze Weile nicht mehr unter uns und ist dennoch eine Ikone seines Fachgebietes ;o))

Ich habe Probleme mit Egos der extrem selbstverliebten, selbstsicheren Kategorie, die ihrer Überzeugung nach, niemals Fehler machen, keine Schwächen haben und keinerlei Handlungsbedarf für dezente Änderungen an ihrer Persönlichkeit erkennen. Sie sind wie Salzsäure, sie fressen sich überall durch! Das komplette Gegenteil ist hingegen ebenso ungesund für Körper und Geist wie eine Suchterkrankung oder lebenslange Fast-Food-Ernährung! Aber Selbstzweifler lassen sich leider nicht mit simplen Einpeitscher-Glücksformeln kurieren. Mich faszinieren hingegen Menschen, die offen zu ihren Schwächen stehen, aber nicht als bloße Entschuldigung, sondern im steten Versuch, sie in etwas Positives zu verwandeln oder ihnen etwas entgegensetzen zu wollen. Sich nicht verbiegen lassen, heißt nur, keine vollkommen andere Persönlichkeit anzustreben, was ohnehin niemandem gelänge. Alles, was man (ebenso ehrlich) positiv an sich findet, jede Stärke, jedes Talent und alle liebenswerten, lebensnützlichen Eigenarten müssen gestärkt werden und was nicht änderbar ist, sollte liebevoll, nicht widerstrebend, angenommen werden. Wenn man jedoch das einhundertste Mal an den Kopf geknallt bekommt, man sei egoistisch, zynisch, hinterhältig, berechnend oder was es sonst noch an miesen Attributen gibt, wäre doch ein Innehalten hilfreich und ein Autocheck mit anschließender Korrekturabsicht, oder? Insofern gehört für mich eine achtsame, selbstkritische Bestandsaufnahme zur „Psychohygiene“. Kritik bedeutet nicht Negation, nicht Destruktion, nicht Wertung, sondern konstruktive, objektive Prüfung! Was kann ich gut, mit welcher Wesensart (nie optische!!) hadere ich. Indem ich mein Verhalten hin und wieder auf meinen eigenen Prüfstand bringe, erspare ich vielleicht meinem Nächsten das schmerzhafte Gefühl der Minderwertigkeit.

Der Baum, an dem ich beim Spaziergang vorüberkam, ist schief gewachsen. Er ist dennoch solide, fest verwurzelt, trägt Laub und Früchte, ist gesund und scheint sich »gut zu fühlen«. Er ist ein Solist, ein Solitärgewächs, der das Bild trotz oder gerade wegen seines schiefen Wuchses dominiert, dem Bild Spannung verleiht und edle Schönheit ausstrahlt. Er ist eine Landmarke und ich sehe ihn immer gerne. Kein Förster hat sich an ihm vergriffen, nur weil Bäume gefälligst senkrecht zu wachsen haben – man respektiert ihn in seiner Eigenart. Er ließe sich ohnehin nicht verbiegen, denn das wäre sein Ende. Er darf bleiben, wie er ist. 

Niemand darf verlangen, dass Du Dich änderst, aber Du darfst es jeder Zeit tun. ⚖️ 

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