Tunnelblick

Unlängst erntete ich, leider wenig charmant verfasst, den »Kommentadel«, ich würde einen unerträglich nervigen Selbstbejammerblog führen und ich dürfe mich nicht wundern, dass ich kaum Follower habe. Dass ein sachlicher Austausch mit einem Forentroll dem Versuch einen Pudding an die Wand zu nageln, gleich kommt, ist mir bekannt, aber ich nehme jede Kritik, wenn auch mir nicht zu Herzen, so doch, zumindest vorläufig, an. Ich begann daher die Spurensuche in meinen eigenen Kolumnen und fand heraus, dass meine gewählte Erzählperspektive des kollektiv erlebenden »Wirs« durchaus Raum für Missverständnisse lässt. So wie manche Menschen für Sarkasmus, Ironie oder Humor blind sind, erkennen andere möglicherweise auch nicht den Sinn dieser Sicht-/Schreibweise. 

Wenn ich krittelnd über oder von »wir/uns« (Menschen) schreibe, dann um mich auf die gleiche Stufe zu stellen, mich einzubeziehen und nicht oberlehrerhaft von oben herab auf »ihr/euch/sie« zu schauen. Schließlich bin ich tatsächlich oft genug beteiligt und verstehe daher diese Perspektive auch als Selbstkritik.

Zum Vorwurf des Jammerns sei gesagt, dass es beim Schreiben (episch oder lyrisch) eigentlich nur zwei für den Leser wirklich spannende Positionen gibt. Die überschwänglich, rauschhaft positiv-optimistische Betrachtung (Natur, Liebe, Heldentum, Welpenvideos auf YouTube…) oder die negativ-pessimistische (Naturkatastrophen, Tod, scheiternde Beziehungen, menschliche Abgründe…). Die neutral-objektive Ansicht ist den Nachrichten vorbehalten und selbst da gilt die böse Behauptung, Zuschauer zögen Katastrophen schönen Ereignissen vor.

Ob ein Mensch eher Typ »mein-Glas-ist-halb-voll« oder »mein-Glas-ist-halb-leer« ist, ist genetisch vorprogrammiert las ich kürzlich, und ich denke, das ist korrekt und daher pathologisch wertfrei. Ich gehöre der letzten Fraktion an und dementsprechend habe ich meine ureigene Sicht auf Ereignisse in meinem Umfeld und in meinem Leben. Aber nicht einmal einem eingefleischten Optimisten strahlt 24/24 Stunden die Sonne aus dem Popöchen! Und, sein wir (hey, da ist ja das kleine Wir wieder) ehrlich: Wir suchen doch als Leser auch die Kontroversen, den Austausch, die Diskussion, die Reibungspunkte. Streitgespräche locken Zuschauer, denn das ist der Stoff, aus dem eigene Meinung entsteht. Die »Gute Nachricht« oder Botschaft finden Suchende in der Bibel, aber selbst da wird geMOSErt und geschimpft. Nur die Vielfalt unterschiedlicher Standpunkte hilft uns, unseren eigenen zu definieren. Jeder ist frei und befähigt, seine ganz persönlichen Angebote heraus zu filtern. Wem etwas zu düster, zu larmoyant oder zu klagend ist, sucht sich eine andere Entsprechung aus der Fülle aus. 

Nörgeln und Mäkeln ist nach meinem Verständnis legitim, wenn es nicht verletzt und mit einem humorvollen Augenzwinkern verfasst ist und das Fazit positiv gerät. Und das habe ich am Ende meiner Beiträge stets versucht, zu formulieren. Mein Blog fällt zudem weder in die Kategorie eines sachlichen Beratungs- oder Informationsfundus´ , einer professionellen Autoren-Website noch als therapeutisches »Von-der-Seele-Geschreibsel« und ich möchte nicht auf ein Gleis geschoben werden, das ohne Weichen geradewegs an einen bestimmten Ort führt. Wer und was ich bin, kann jeder hier lesen – ich, Mensch, schreibe und fabuliere. Kleine Geschichten, wie unter Tiny Tall Tales (neu: Kurz und Klein und An meinem Baum der Erkenntnis wachsen Birnen) oder kleine Blogkolumnen, wie diese, um mich von zwei etwas umfangreicheren Projekten abzulenken, in die ich mich manchmal zu sehr verbeiße. Den angelasteten Tunnelblick, alles nur verengt in krankhaft deprimierter Stimmung zu betrachten, lasse ich mir, trotz Faibles für Dichtung, nicht andichten. 

Selbst wenn ich mitten im Tunnel stehe, rechts und links und oben und unten steinerne, kalte Dunkelheit, so sehe ich vor mir das helle, grüne Leben, aus dem heraus ich ihn betrat!  Alles eine Frage des Blickwinkels!

Und wem das immer noch zu depressiv war: Halloho, der meteorologische Frühling ist da, ich habe heute zwei Schmetterlinge gesehen und draußen ist es einfach wundervoll! 🌱😉

2 Thoughts

  1. ach weißt, mach dir nichts draus …viele Follower sind zwar eine schöne Sache, aber wir halten doch im Regelfall innigeren Kontakt zu ein paar wenigen …
    würden wir mit allen so innig korrespondieren, dann bräuchte der Tag weit mehr als 24 Stunden 😉

    außerdem, vieles kommt ja auch erst mit der Zeit – wenn es stimmt, dann passt es, wenn nicht dann nicht …

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  2. Da gebe ich Dir vollkommen recht – der Zeitfaktor verhindert leider immer öfter genaues Hinlesen oder auch kommentieren. Wir leben im Eichhörnchen-Zeitalter, hier ein Nüsschen, da ein Früchtchen, nie ruhen, immer umherflitzen, aber nichts Dauerhaftes, Intensives – außer vielleicht einer vergessenen Eichel, die dann Muße hat zu keimen …
    Zwar sollte man, wie ich es sehe, während des Schreibprozesses, egal ob Beitrag oder Buch, beim Leser sein, um ihn möglichst „bei der Stange“ zu halten (WEM erzähle ich vor WAS erzähle ich), aber dennoch immer authentisch bleiben. Es war nie meine Art, nur anbiedernd für mehr Follower zu arbeiten, was sowieso nicht funktioniert, aber ich freue mich wie Bolle, wenn ich jemanden ansprechen oder erreichen konnte. So eitel bin ich trotz aller Freude beim Schreiben dann schon🤭.

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