Zapfenstreich

Hat das Jammern je ein Ende? Der Kälteschock hat uns für eine Woche den Corona-Lockdown vergessen lassen. Okay, nicht richtig vergessen, aber vorübergehend verdrängen lassen. Wir hatten ein neues beklagenswertes Leid: Schnee! Und wir fühlten uns »schneelend«. Das böse C. versagt uns jede Freude, auch die des Shoppens und dann das! Unsere ersatzkauflustigen Online-Bestellungen konnten nicht oder nur verzögert zugestellt werden, weil kristallines Wasser in apokalyptischen Mengen alles Treiben auf vier oder mehr Rädern unmöglich machte. Was uns Kindern noch einen Heidenspaß bereitete, wurde zur Zerreißprobe für erwachsene Geduldsfäden. Nicht einmal unser Überflussgesellschaftsmüll konnte abgefahren werden und wir müssen ihn bis zur nächsten Abfuhr beherbergen. Wir schaufelten und schälten unsere Gehwege und Autos nach und nach aus dem weißen Puder und schufen Straßenrandgebirge, die für wirklich wichtige Dienste, wie beispielsweise Pflegedienste oder Rettungseinsätze zu unüberwindbaren Hindernissen wurden.

Unser Kleinstadtbauhof meisterte die Situation zu meiner Überraschung vorbildlich und mit immensen freiwilligen Hilfseinsätzen ortsansässiger Landwirte und Baufirmen. Bagger versetzten buchstäblich Berge, die dann auf Traktor-Anhängern aus der Altstadt transportiert wurden. Doch statt Lob, immer wieder nur Jammern und Klagen. Uns kann man einfach nichts recht machen! 

Im Januar las ich u.a. von Stefan Zweig »Sternstunden der Menschheit« und »Magellan – Der Mann und seine Tat« und dachte währenddessen immer wieder darüber nach, welch unsägliche Entbehrungen und Torturen Menschen vor wenigen Jahrhunderten auf sich nahmen, um sich selbst oder die sie umgebende Welt zu erforschen und zu entdecken. Vor fünfhundert Jahren, als Magellan die Passage vom Atlantik zum Stillen Ozean fand, lag die Lebenserwartung des Menschen etwa zwischen dreißig und vierzig Jahren und diese Jahre waren, nehmen wir die dünne wohlhabende Schicht aus, geprägt vom täglichen Kampf ums physische Überleben. Keine Kranken- oder Sozialversicherung, keine Unterhaltungsindustrie, keine arbeitserleichternde Technik, keine Hintertür, ausgenommen vielleicht der Kirche. Eine Zeit, geprägt von der alltäglichen Suche nach Befriedigung der grundlegendsten Bedürfnisse. Aber auch der Neugier und des Wissensdurstes. So manches Mal dachte ich, wie verloren ich wäre, würde man mich in das Mittelalter »beamen«. Ich hätte vermutlich nicht einmal das Rad erfinden können! 

Inzwischen haben wir es uns in den meisten Industrieländern komfortabel und bequem gemacht und mit jeder Errungenschaft wächst die Neigung zum Lamentieren und Jammern über die weniger werdenden, aber noch verbliebenen Übel. Natürlich darf man über vielerlei Alltagsärgernisse meckern, doch ab und zu wünschte ich mir ein Innehalten, ein Mitgefühl für all die Mitmenschen, die wirklich gute Gründe für Beschwerden hätten. Dieses Empfinden darf kein deprimierender Dauerbegleiter werden, kein belastendes, schlechtes Gewissen, aber zumindest eine hin und wieder auflodernde Flamme der Dankbarkeit oder der Zufriedenheit. 

Träume und Neugier treiben auch uns auch heute an und machen einige zu Magellans der Gegenwart, andere zu couragierten Alltagshelden. Was wohl, sofern es sie dann noch gibt, unsere Folgegenerationen in fünfhundert Jahren über uns denken mögen? Finden sie unsere durchschnittliche Lebenserwartung von rund achtzig Jahren bemitleidenswert, weil sie locker ihren zweihundertsten Geburtstag begehen können und das in einem bis zum Schluss hochleistungsfähigen Körper? Werden sie sich kurz nach dieser letzten Geburtstagsfeier in eine besondere Einrichtung begeben, in der sie betreut und begleitet ihre »letzte Tablette« einnehmen, um das Sozialgefüge nicht zu belasten? Werden sie unseren Ehrgeiz den Mars bemannt oder befraut zu erreichen, bewundern, obwohl sie ihn selbst, genauso wie wir gerade die Erde schinden, ruiniert schon wieder verlassen haben, um noch weiter entfernt zu siedeln? Lachen sie über unsere kurzsichtige Genderdiskussionen, weil Geschlechterrollen irrelevant geworden sind, genauso wie unser Rassismusproblem, weil unsere Spezies sich endlich so vermischt hat, dass äußerliche Unterschiede absolut keine Rolle mehr spielen? Schlimmer noch: Wird es jemanden wie Stefan Zweig geben, der von neuen »Sternstunden der Menschheit« erzählt oder haben wir uns womöglich intellektuell so verblöden lassen, dass wir weder lesen noch schreiben können, geschweige denn Sternstunden erschaffen? 

Gedankenspiele, wann immer ich sagen möchte: Sch*** dies oder das. Ich kann mich ärgern, bin aber nicht dazu verpflichtet.

Vielleicht lerne ich einfach mal, mich mit genauso viel Hingabe zu freuen!

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