Follow me or let it be

Mein Blögchen hat das Säuglingsalter und das Krabbelstadium hinter sich gelassen und läuft nun, seit seinem ersten Schrei am 01.09.2019 artig, zuweilen noch strauchelnd an meiner Hand. Es hat sein soziales Umfeld erweitert, erste Kontakte geknüpft, wird regelmäßig durchgecheckt und zeigt sich aufgeschlossen und neugierig gegenüber der Welt. Aber es wird ein Mamakind bleiben, denn ohne mich, hat es zu nichts Lust. Und oft fehlt uns beiden der Elan, was natürlich nicht gut ist, denn ohne meine Pflege und Unterstützung würde es schlicht verkümmern.

Ein Kind habe ich schon vorübergehend wegen Überforderung abgegeben. Meine kleine InstaGram lebt seit zwei Monaten in der Deaktivierung, um sich dort zu erholen. Nach einem guten Start ins Leben begann sie unter einer massiven Entwicklungsstörung zu leiden und konnte mit Gleichaltrigen nicht mehr mithalten. Nun fürchte ich ein ähnliches Schicksal für mein Zweitgeborenes, denn auch hier stagniert die Entwicklung inzwischen. Zuviele Blog-Kinder betteln im Net um berechtigte Aufmerksamkeit und Förderung.

Okay, ich bin froh, dass ich das nicht über zwei reale Menschenkinder schreiben muss, sondern über zwei meiner Kreativbabys. In diesem allegorischen Sinne bin ich sogar Mehrfachmama und zusätzlich chronisch dauerschwanger mit enorm langer Gravidität! Meine Lieblingskinder sind die, die noch nicht ausgereift sind, denn da sie vermutlich ziemlich pummelig werden, benötigen sie reichlich Reifezeit. Sowohl den Instagram-Account als auch das Blögchen legte ich mir primär zu, um mich selber im Marketing zu supporten. So der Plan und Rat vieler angehender Autoren/Autorinnen. Doch in einem Abschiedspost bei IG erläuterte ich kürzlich nach etlichen Jahren und schweren Herzens meinen vorläufigen Ausstieg, da mir der Hausherren-Algorithmus, ich muss es einfach mal deftig-ordinär ausdrücken, auf den Piss ging! Ohne das weiter zu vertiefen, ärgert mich der wachsende Trend, alle Inhalte nur noch in Euro und Cent, in Follower und Likes aufzurechnen. Zunehmend schwindsüchtiger Content (wenn überhaupt) in redundanten Sequenzen, immer mehr Werbung, Eigenwerbung, Selbstliebe ohne Scham und Grenzen – Statistiken, Verweildauer, neue Features, die das nervige Verhalten noch verstärken und die Kleinen unter das Radar drücken – nein, von dieser Community wollte ich nicht länger Teil sein. Dann doch lieber hier der gemütlich dahinplätschernde Blogfluss, auf dem Ideen ausreichend Raum haben, um sich zu entwickeln. Das macht mir auch nach wie vor Spaß. AAAAber … immer gibt´s irgendwo ein Aber! Dieses ist im Kern dem meines vorangegangenen Instagram-Erlebnisses nicht unähnlich, denn (nicht nur ich) beschwere mich, ich gebe es offen zu, über mangelnde Wahrnehmung!

Jetzt könnte man sich in einer langen psychologischen Diskussion verlieren, wie und warum sich Reize, Wahrnehmung und unser Drang nach Aufmerksamkeit in den vergangenen Medien-Jahren verändert haben und auch uns verändert haben, aber das wissen wir. Und ich weiß auch, dass man als Blogger durchaus zur Suchmaschinenoptionierung (SEO) beitragen kann, fühle mich aber mit der Erlangung detaillierten Sekundärwissens überfordert. Ich bin sechsundsechzig Jahre alt und habe nicht mehr die Geduld, die Zeit und Lust, um mich intensiv mit Marketingstrategien zu befassen und mir selbst Computergeheimnisse zu entzaubern. Ich schreibe primär, ich fotografiere, ich zeichne und lese neben meinen alltäglichen Anforderungen und Zwängen. Da ich letzten Endes um Social Media doch nicht herumkommen werde, egal ob ich Selfpublishing anstrebe oder mit viel Glück eine Agentur finde für meine Projekte, bin ich bereit, auch dafür noch Zeit und Engagement aufzubringen, aber ohne dabei »meine Seele zu verkaufen«. Da ich weder Facebook noch Twitter mag, werde ich zu IG zurückkehren, aber erst, wenn ich verinnerlicht habe, es genauso geschäftsmäßig zu handhaben, wie es die Macher und User offensichtlich genussvoll tun – denn Kritik lese ich höchst selten.

Neugierig schaue ich mich um, registriere, was Mitbewerber tun, was die Profis tun und entdecke, dass sogar die Großen mit im Social-Pool schwimmen müssen und, ich staune, den berühmt-berüchtigten Content betreffend auch nur mit Wasser kochen! Merke: Literarisch längst erlangter Ruhm schlägt sich nicht zwangsläufig in innovativen, geistreichen Posts nieder, und Top-Autor*in XY bebeitragt auch nur zum drölfzigsten Male den Lesungen-Terminplan oder die letzte Neuerscheinung. Entsetzlich langweilig, aber dennoch beliebt und beliked?! Zweite Lektion: Wer es nach oben geschafft hat, seine Fangemeinde aufgebaut hat, hat freie Bahn. Der Matthäus-Effekt: Der Teufel sch***t immer auf den größten Haufen oder es regnet immer dahin, wo es schon nass ist! Doch – dritte Lektion: Dorthin schaffen es die wenigsten von uns und je eher wir das akzeptieren, desto lockerer können wir damit umgehen.

Also, meine kritische Jahresbeginn-Selbstbeschau führt mich wie auf dem Monopoly-Spielbrett eine volle Runde weiter und gleichzeitig zurück an den Ausgangspunkt. Mein Hauptfokus muss wieder verstärkt auf dem Buchprojekt liegen, das es voranzutreiben gilt. Social Media ist nicht wirklich sozial, sondern lediglich ein nützliches Tool, um durch geschicktes Verlinken und Supporten an Reichweite zu gewinnen. Es fröstelt mich bei dieser abgebrühten Sichtweise, aber so ist das Spiel, dessen Regeln ich nicht mag. 

Gehe ich trotzdem über »Los«, um die wertvolle Glücksspielwährung, Follower und Likes, zu gewinnen?

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