Roter November

Nein, keine Sorge, dieser Beitrag handelt nicht vom Kalten Krieg und nicht von U-Booten (da handelte es sich zudem um den Oktober). Es geht um eine der beliebtesten und zugleich symbolträchtigsten Farben. ROT! Rot wie Blut. Rot wie die Liebe und die Leidenschaft. Rot wie Hitze, Feuer und Glut. Rot wie das Tuch, das den Stier zur Raserei bringt. Rot wie Stopp, Warnung, Gefahr und Tod. Rot wie Weihnachten, wie Scharlach, wie die Morgen- oder Abendröte. Roter Mars. Rosenrot, tomatenrot, erdbeerrot. Rot, die Farbe der Arbeiter, die des kommunistischen Banners. Oder aber verdreht, so rot wie Schnee und weiß wie Tod.

Ist Euch dieses Phänomen vertraut? Ich habe nicht nur eine innere Uhr, die mich grob durch den Tag führt, sondern verfüge zudem über eine innere Farbuhr, die mich durch das Jahr begleitet. Ohne es bewusst zu beeinflussen, sehne ich mich im Herbst ganz automatisch nach Kleidung in Gewürzfarben, nach warmen orange-roten Nuancen, die zum Jahreswechsel hin immer mehr zum kräftigen Rot tendieren. Ab Januar kühlen sich die Farben deutlich ab. Frostige Blau- und Türkisabstufungen drängen sich auf, in die sich zunehmend ein Hauch Grün mischt – so wie es die Natur vorgibt. Je weißer – weiß ist die perfekte Vereinigung aller Farben des Spektrums – mir wird, desto weiter geht es auf den Sommer zu, bis das Weiß sich zart rötlich bis hin zu altrosa einfärbt. Und damit schließt sich mein Farbkreis. Nun bin und war ich nie eine »Modemaus«, die sich ständig neu einkleidet oder Opfer der aktuellsten Jahrestrendfarben ist. Meine Farbuhr ist seit je her nahezu unverändert und ich muss lediglich aufpassen, in welcher Jahreszeit ich beispielsweise einen Raum neu streiche, denn ich will ihn schließlich ganzjährig nutzen. Letztlich ist tatsächlich weiß die erste Wahl, allenfalls mit Akzenten in sehr hellem Grau oder Sand.

Es ist ein alter Hut, dass Farben uns in unserem Wohlbefinden beeinflussen. Die Werbung zieht daraus für ihre gewinnoptimierten Zwecke schon längst ihren Nutzen, so wie Innenarchitekten diese Kenntnisse bei der Planung öffentlicher wie auch privater  Räume mit einbeziehen. Wir alle kennen die emotionalen Verknüpfungen und beachten sie fast abergläubisch, wenn es um ihren Symbolwert geht. »Grün und Blau ist Narrentracht, wer das trägt, wird ausgelacht!«, spöttelten Kinder einst hinter mir her. Aber hat man jemals die Natur ausgelacht? Sie erlaubt dem strahlenden Himmelblau auf ein dunkles Waldgrün zu treffen. Genauso, wie sie dem atlantikblauen Ozean das Kontrastieren mit den saftgrünen Wiesen Irlands gestattet! Niemand lacht, außer den Herzen der Bewunderer. Inzwischen avancierte die Kombination längst zum Trend und da ging noch mehr, denn wir kennen die soeben verklungene Mode des »Colourblocking«, wo tatsächlich Farben aufeinandertrafen, von deren Existenz ich zuvor noch nicht einmal wusste. 

Erlaubt ist, was gefällt! Das sollte für viele Lebensbereiche gelten. Solange ich mit meiner Freiheit nicht die meiner Mitmenschen beeinträchtige oder behindere, nehme ich sie mir. Allein mein Mut, meine Vorstellung ist Maßstab. Angeblich soll rot aggressiv machen. Ist das so? Mich macht nur aggressiv, wenn Meinungen und persönliche Ansichten zu Vorurteilen werden. Erdbraun, schokoladenbraun sind herrliche Farben, die mich, missbraucht in verblendeter, gefährlich-dummer Ideologie oder im unterscheidenden Ausdruck xenophobischen Denkens, stinkwütend machen. 

Ginge es nach mir, so wünschte ich mir mehr Baumarten, die uns im Herbst mit anteilig mehr roten Blättern beglückten und an den wundervollen nordamerikanischen »Indian Summer« erinnern! Ich liebe dieses intensive Farbenspiel, das kraftvolle Leuchten, bevor die Natur sich in weißen Kissen zur Ruhe bettet. Okay, das mit den weißen Kissen ist in unseren Breiten selten geworden. Farben! Sinneseindrücke, die nur durch Licht entstehen. 

Man muss kein Maler sein, um sich an Licht und Farben zu ergötzen, aber man wäre gerne einer.

6 Thoughts

  1. Ich liebe Rot! Es stimmt mich fröhlich, es beruhigt mich, es bedeutet „Leben“ für mich. Das war nicht immer so. Lange Zeit habe ich das Rot gemieden, so weit es ging, und in meiner Erinnerung nun sind diese Jahre ziemlich langweilige, nichtssagende, farblose. Mit dem Rot kehrte viel Energie und Kreativität zurück. Meine Rot-Geschichte.
    Liebe Grüße, Ella.

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    1. Danke, liebe Ella, für die Hommage Rouge! Letztlich haben wir sie doch alle lieb, die Farben! Ich kann beispielsweise „an mir“ das Gelb nicht leiden, aber was wäre die erste Frühlingsfarbexplosion ohne Forsythien, Kornelkirschen ohne Löwenzahn, ohne Narzissen, Tulpen & Co.? Alles eine Frage der Dosis und des „Vorkommens“.
      Liebe Grüße und eine farbenfrohe Adventszeit (welche Farbe präferierst du in dieser Zeit?), Heather

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  2. Der Dichter denkt ja auch in Farben: So gehört der wohllautende Vokal „a“ der roten Farbe an.
    Der insistierende Vokal „i“ gehört der blauen Farbe an. Der Vokal „o“ ist sonor und gehört der dunklen Farbe an. Das „u“ ist der Vokal der Trauer ..

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  3. Das stimmt. Diese Vokalfarbenspiele wurden von Dichter zu Dichter recht unterschiedlich interpretiert oder besser, gefühlt. Nach Jacob Grimm müsste mein Beitrag „(Roter) Nivimbir“, nach August Wilhelm von Schlegel „(Roter) Navambar“ betitelt sein.😀

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  4. Poe hat das in seinen Gedichten hervorragend umgesetzt. Müsste man dann aber im Original lesen. „The Bells“ beginnt mit der hellsten Glocke und endet mit der dunklen Totenglocke und die Vokale der Strophen sind darauf ausgerichtet. Rachmaninoff hat dies Werk kongenial vertont.

    Oder Poes Gedicht „The Raven“, das zu den zehn weltbesten Gedichten zählt, endet in jeder Strophe gegen das Ende hin mit dem sonoren und langgezogenen „o“ in dem Wort „Nevermore“. Bei Helga Lachmann wurde daraus: „Nimmer!“. Auch schön, aber kommt nicht an den Effekt des Originals ran.

    Es gibt auch ein Text, wo Poe die Entstehung des Raben beschreibt: „Philosophie der Komposition“ bzw. „Methode der Komposition“, die ich dir ans Herz lege, weil nebenbei auch eine sehr lehrreiche Poetik. Sollte in deiner Gesamtausgabe eigentlich enthalten sein. Ich habs im Band I unter der Überschrift: „Zwei Aufsätze Poes“.

    Was kann uns Corona anhaben, wenn wir über die Werke der Unsterblichen verfügen? Ich wünsch dir noch viel Freude beim Lesen und ebenfalls einen schönen Advent. Meine Farbe ist das Tannengrün im Advent in Verbindung mit allen Rottönen, weil die Liebe für mich rot ist. Und das Rot ist nicht immer Warnfarbe, sondern auch Verlockung und Verführung 🙂

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    1. Meine letzten beiden Lebensjahrzehnte habe ich, so gestehe ich freimütig, literarisch arm verbracht. Nicht in der Menge, aber im Anspruch und im Herausfordern meiner Möglichkeiten. Buchburger mit Seitenpommes. Davon bin ich bequem im Kopf geworden. Dank Deiner Inspirationen (solltest Du Dich je gefragt haben, warum Du bloggst) gewinne ich Happen für Happen den Geschmack an „haute littérature“ zurück, und kaum, dass der Geschmack des einen Werkes nachgelassen hat, giere ich nach mehr. In Poes Gesamtwerk, Deinem Tipp folgend meine derzeitige Speisekarte, bewege ich mich hin und her, habe zwischendurch eine Heißhungerattacke bei Sir Arthur Conan Doyle befriedigt, und werde auch Deinen obigen Hinweis beherzigen (leider ist der Aufsatz nicht in meiner Gesamtausgabe, aber ich habe eine günstige Kindle-Version gefunden). Auch Dir eine erfüllte, gesunde Adventszeit 🕯und herzlichen Dank für die Inspirationen!

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