Lesen, das flüchtige Können

Egal, ob wir sparen müssen, wollen oder können, und egal, mit welcher Begründung, der Kauf und Verkauf von Gegenständen des täglichen Gebrauchs oder vielleicht sogar von Luxusgütern gehört dazu. 

Früher bin ich mit unseren regelmäßig aussortierten Kleinteilen – größere Sachen wurden per Annonce in der Zeitung angeboten – auf regionale Flohmärkte gefahren, um ein wenig Ordnung zu schaffen und das ewig hungrige Portemonnaie für notwendige Anschaffungen zu füttern. Auf den Trödelmärkten genoss ich außerdem die inspirierende Atmosphäre in vollen Zügen. Dinge zu sehen und sie sich, vielleicht gepimpt und an den eigenen Geschmack angepasst, in den eigenen vier Wänden vorzustellen, fand ich ebenso spannend, wie die zahlreichen Gespräche und Kontakte mit den, die Stände entlang flanierenden, Interessenten. Doch die Zeit prägte auch hier ihren Stempel der Veränderung tief ins Mark. Gebrauchtes verlor zunehmend den Reiz beim breiten Publikum, denn schließlich konnte man sich inzwischen neben mehreren Urlaubsreisen im Jahr, Zweit- und Drittwagen, vor allem Neues leisten und jeder sollte es sehen. Die Improvisationsjahre waren für die meisten vorüber, wobei die Individualität und Originalität nach meinem subjektiven Empfinden auf der Strecke blieb. Etliche Wohnungsinterieurs gleichen einander auf´s Haar. Die verbliebenen Interessenten auf den Märkten, die noch immer ihr Geld stramm zusammenhalten müssen, wollen nicht mehr nur sparen, sondern beschenkt werden oder greifen bei der Flut der Neuwaren-Ramschständen dubioser Asia-Herkunft zu. Flohmärkte der liebenswerten Art, adé!

Virtuelle Internet-Märkte florieren heute an ihrer Stelle und nehmen den Suchenden lediglich das Laufen ab. Da ohnehin die Computernutzungszeiten länger werden, kann der User auch gleich nach Nützlichem Ausschau halten und entweder sofort kaufen oder mit der Hoffnung eines Auktionsschnäppchens bieten. Hui, wie aufregend! Anfangs. Und wie werden die Plattformen befüllt? Na, klar, mit unserem ausrangierten Kram und mit dem bekannten Asia-Ramsch (sorry, ich polarisiere mal absichtlich)! Nein, ich will an dieser Stelle auch nichts über die Betrüger dieser veränderten Kauf- und Verkaufsgewohnheiten erzählen (obwohl auch ich es durchaus könnte!) und auch nichts darüber, dass inzwischen auch hier eine deutliche Sättigung spürbar wird, sondern ich möchte einen gewagten Bogen zu der letzten, mir in Auszügen bekannten, Pisa-Studie des Jahres 2019 schlagen. Was das eine mit dem anderen zu tun hat, wird sich der Leser nun vielleicht fragen, und zur Erklärung will ich wieder meine ganz persönliche, äußerst subjektive Beobachtung heranziehen.

Biete ich selber Artikel auf einer der Angebotsplattformen privat an, bemühe ich mich um eine präzise, sachliche Artikelbeschreibung, möglichst gestützt durch Maße und zahlreiche Fotos. Schließlich kann der Verkäufer nur auf diese Weise das In-Augenschein-Nehmen durch den Interessenten ersetzen, um Enttäuschungen vorzubeugen. Mich ärgern Angebote, in denen lapidar steht: Bei Fragen einfach melden, weswegen ich nur selten frage. Für mich heißt die Übersetzung nämlich: Ich will nur deine Kohle; kauf´s halt einfach und nerv nicht mit zusätzlichem Schreibaufwand

Dennoch stehe ich kurz vor der Kapitulation und ich drohe mich anzupassen, es genauso zu machen. Nicht wegen zunehmend tumber Unhöflichkeit und ersatzweise fehlender Netikette à la »Noch da?« (Was lernen die Kids eigentlich an praktischem Alltagswissen und Umgangsformen in Schule und Elternhaus?), sondern weil ich permanent um Details gebeten werde, die samt und sonders in der Beschreibung zu finden sind, würde man sie LESEN! Tja, und genau jetzt fällt mir die Pisa-Studie ein!

Als bedenklich eingestuft wird, dass jeder fünfte 15-Jährige beim Lesen nur ein sehr geringes Leistungsniveau erreicht. Das heißt, er oder sie kann mit ganz einfachen Leseanforderungen nicht umgehen. Neben den Tests, die die Schüler absolvieren mussten, wurde auch das Thema „Lesefreude“ abgefragt. Im Zehnjahresvergleich wird dabei sichtbar, dass das Interesse der Jugendlichen am Lesen abnimmt. Jeder zweite befragte 15-Jährige in Deutschland sagte: Ich „lese nur, wenn ich lesen muss“ oder „um Informationen zu bekommen, die ich brauche“. Lesen als liebstes Hobby gab nur jeder Vierte an. Mehr Schüler (34 Prozent) sagten dagegen, für sie sei Lesen Zeitverschwendung.

Zitat: hub/dpa

Frei interpretiert bedeutet die mangelhafte Lesekompetenz, dass ein Wort zwar »technisch« gelesen und erkannt werden kann, der Kontext und der mögliche Textinhalt aber unverständlich bleibt. Am Beispiel einer sogenannten Textaufgabe im Bereich der Mathematik wird deutlich, wie fatal sich das bemerkbar machen könnte. Paart man diese wachsende Inkompetenz noch mit der immer schlechter werdenden Handschrift-Leistung, muss man kein Wissenschaftler sein, um wahrhaft Übles für die Zukunft zu fürchten, und nicht nur ich frage mich, wer endlich für eine Trendwende sorgen will und wie? 

Das wird nur möglich sein, wenn wir die Konsequenzen aus dieser Entwicklung alle in ihrer ganzen, traurigen Dimension verstehen und jeder in seiner Position dagegen angeht. Solange viele junge Eltern glauben, Feinmotorik bräuchte ihr Kind nur zum Popeln und vielleicht noch zum Seitenwechsel-Wisch auf dem Tablet und für alles andere zeichnen ohnehin die KiTa-Erzieher und später die Schulen verantwortlich, ist Hopfen und Malz, oder besser Hoffen auf Hirnschmalz, verloren! Unsere Kinder lernen zunächst aus Vorbildern. Wer Kinder den ganzen Tag vor der Glotze (auch scheinpädagogische Sendungen sind nur in winzigsten Dosen akzeptabel) parkt und sich wundert, warum das Kind erschreckt, wenn urplötzlich das selten zu sehende Gesicht von Papa oder Mama hinter dem Smartphone-Display auftaucht, kann nicht darauf hoffen, dass überforderte Pädagogen den angerichteten Schaden wieder richten. Es ist reiner Zweckoptimismus oder schlichte geistige Faulheit, wenn Eltern behaupten, sie gäben ihren Kids mit dem frühzeitigem Zugang zu digitalen Medien absichtlich die besten Entwicklungschancen. Den Umgang mit dem PC lernt jedes Kind ohne jegliche Vorkenntnisse in Nullkommanichts in der Schule. Aber unzureichend erfolgter Zugang zu Büchern, zum (Vor-)Lesen, zu Geschichten, zu Schrift, zu Wörtern und deren Bedeutung, zu Gesprächen, zu feinmotorischen Spielereien, wie Kneten, Bauen, Stecken, Ausschneiden, Malen etc., die allesamt durch ihre direkte Verbindungen zum Gehirn auch unzählige andere Fähigkeiten trainiert, ist nur mit immensem Einsatz aufzuholen!

Erfreut nehme ich zur Kenntnis, wie viele Hobby- oder Jungautoren es gibt. Hat aber schon mal jemand ernsthaft darüber nachgedacht, für wen sie/wir künftig schreiben wollen, wenn es heute schon nur noch jeden dritten Fünfzehnjährigen interessiert? Spinnen wir den Faden weiter und lassen diese Jugendlichen gedanklich altern und Eltern werden. Wer jetzt glaubt, dass diese Eltern Interesse bei ihren Kindern für das Lesen wecken können, glaubt auch an Einhörner und die Regenbogenbrücke! Geht die Entwicklung weiter in diese Richtung, haben wir in Kürze mehr Schreiber als Leser! Es werden (auch noch aus anderen Gründen) kaum noch Blogs oder längere Posts oder Beiträge gelesen; viele, aber leider nur brandaktuell gehypte, Bücher werden (noch) gekauft, oft aber nicht mehr, um sie zu lesen, sondern weil das Cover so »unfassbar schön« im Deko-Regal aussieht. Gäbe es tatsächlich noch genauso viele Käufer, wenn die Bücher so unspektakulär und trist aussähen, wie sie sich in alten Bibliotheken präsentieren? Nackt, in schlichtem Leinenschwarz und ohne megacoolen Schutzumschlag? Seit einem Jahr biete ich erfolglos etliche fast neue Belletristik-Hardcover Bücher für ´n Appel und ´n Ei zum Verkauf an. Sie sind alle nach 2000 erschienen, vermutlich also einfach „uralt“. In einem wirklichen Land der Dichter und Denker, in dem Inhalt vor Fassade kommt, wären sie längst an Frau oder Mann gebracht! 

Anzeigen werden nicht zu Ende gelesen, weil eine Frage viel schneller getippt ist und die Antwort vom Gegenüber geliefert werden muss, aber wehe, es sind zwei Sätze auf einmal – ja, das wird´s für manche schon wieder brenzlig! Für die nahe Zukunft prognostiziere ich einen Scancode auf allen Produkten, der bei Eingabe ins Handy dem Käufer eine mündliche Erklärung vorblubbert oder sogar ein Minivideo im bildhaften Comicstyle mit Benutzungshinweisen und anderen Produktinfos abnudelt. Hörbücher werden vermutlich unser allerletzter Zugang zur Welt der Literatur sein. Man möchte heulen!😭 

Wir machen zu viel und denken zu wenig.

(Das von mir verfremdete Titelbild habe ich ausnahmsweise nicht selbst gemacht, es ist von Gerd Altmann auf Pixabay – vielen Dank!)


Lust auf eine unanspruchsvolle Fastfood-Story zwischendurch? Schaut mal unter Tiny Tall Tales (eine etwas plumpe Form der Eigenwerbung 🥴)!

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