Cherchez la réalité?

Wer schreibt, will jemanden erreichen. Dabei ist es einerlei, ob es sich um den handschriftlich verfassten Brief der Tochter an ihre Mutter oder einen dicken Roman für ein breiteres Publikum handelt. In der Schule lernen wir, Briefe und Aufsätze so zu formulieren, dass wir gedanklich beim Leser sind. Was erwartet die Mutter, was interessiert das Romanpublikum? Oberstes Gebot: Eine möglichst lebendige Erzählung, eine, die nachfühlbar ist und die den Angeschriebenen mitnimmt, Fragen stellt, Fragen beantwortet, Interesse und Neugier weckt und vorausschauend mitdenkt, denn anders als im Gespräch, erhält der Schreibende kein sofortiges Feedback.

Weil all das darauf keinen Platz findet, sind die ausgestorbenen Urlaubsansichtskarten zwar wegen des Motivs und der Grußgeste nett (immerhin mit Aufwand des Kaufes von Karte und Marke und von Zeit für das Schreiben der Zeilen verbunden), aber wegen ihres oft stereotypen Inhalts bezüglich der Wetterlage am Urlaubsort und »mir geht es gut, ich hoffe, euch auch« auch überflüssig wie Kropf und Blinddarm zusammen. Vielleicht liegt darin der Grund, warum sie nicht mehr geschrieben werden. Allerdings finde ich den zeitgemäßen MMS-Ersatz weit schlimmer, der nur noch von geänderten Statusmeldungen auf Social-Media-Plattformen getoppt wird, die so breit gestreut werden wie Schnupfenviren beim Niesen! Warum? Weil der Absender wieder »bei sich ist«, nicht beim Empfänger. Hey, du willst wissen, wie´s mir geht, wo ich bin oder was ich gerade tue? Ja, log dich doch bei Facebook, Instagram & Co. ein, und schau einfach nach! Innerhalb der Familie ist das tolerabel, aber für Arbeitskollegen und nicht ganz so eng verbundene Bekannte eher eine unhöfliche Peinlichkeit.

Wenn wir uns schon mit ein, zwei Briefseiten so schwer tun, den Adressaten für uns einzunehmen, wie kann dann ein Schriftsteller mit einem umfangreicheren Werk sein Publikum erreichen? Ich lese gerne, wobei zwei von drei gelesenen Büchern bevorzugt auf Spannungsliteratur entfallen. Am liebsten Thriller, die eine subtile, psychologische Tiefe haben und ihre Spannung nicht aus einer übertrieben bildhaften Darstellung von Gewalttaten ziehen – sich also, wie ich es nenne, nicht zu »saftig« präsentieren. Spannung entsteht durch vielerlei Aspekte, für mich immer dann, wenn eine Bedrohung von mir als real empfunden wird. Sie muss deswegen nicht zwangsläufig realistisch sein. In etlichen Nachwort-Danksagungen habe ich schon Hinweise zur Kenntnis genommen, wie viel Zeit und Mühe beim Entstehungsprozess des Buches auf Recherche verwendet wurde. Von Volontariaten bei Bestattungsunternehmen bis hin zu Kreuzfahrten reicht die Palette und im Idealfall können sich manche Autoren sogar auf ihren Hauptberuf als (Ex-)Profiler, Kriminaltechniker oder Leichenbeschauer berufen. Da stellt sich mir sofort die Frage: »Schreiben sie deswegen auch zwangsläufig bessere Thriller oder Krimis? Ist eine optimale Abbildung der Realität unabdingbar für eine erstklassige Story?« 

Ich habe mir mal wieder ein paar hübsche, bis zum Rand gefüllte Fettnäpfchen aufgestellt, in die ich jetzt im Vollbesitz meiner geistigen Fähigkeiten hineintreten werde, denn meine Antwort auf beide Fragen lautet vehement und eindeutig »Nein!« 

Wir leben in einer Zeit, in der eine Flut von Informationen direkt bis zu uns nach Hause abrufbar ist. Wir halten alles für authentisch, wollen immer dichter dran sein und gieren nach immer mehr Realität. Wirklich? Echt jetzt? Really? OMG! WTF! Fälschungen bemerken wir manchmal gar nicht, weil wir unser Bauchgefühl oder (entgegengesetzte Richtung) unseren gesunden Menschenverstand nicht mehr nutzen und weil sich doch beispielsweise das Internet, das Reality-TV so echt verkauft. Wir fahren auf den legalen Voyeurismus ab, fast so, als wären wir als Gaffer mittenmang. Die Vorstellung von dem, was wir nicht sehen, verselbstständigt sich und wird zu unserer eigenen Realität – wir sehen, was wir sehen wollen! Das bedeutet, dass allein die Verheißung einer fundierten Buch-Recherche uns alles glauben lässt, was wir lesen. Sowohl im Fall des Volontariats im Beerdigungsinstitut als auch der Kreuzfahrt (beides nur stellvertretend genannt) standen, wie ich es sehe, Aufwand und Ergebnis in keinem gesunden Verhältnis, denn die fertigen Thriller waren im Gros so unglaubwürdig und überzogen, dass es auf die Detailtreue der letztlich wenigen und unbedeutenden Informationen aus der Recherche kaum ankam. Der Buch-Markt ist hart umkämpft und wichtiger noch als das Werk selbst ist sein Schöpfer geworden. Sie oder er muss sich verkaufen, sich darstellen, um das Buch zu verkaufen. Da ist die Aussage, beispielsweise Profiler gewesen zu sein, marketingtechnisch ein Gütesiegel, ein Lottogewinn. »Ja, also der/die muss es ja wissen!«

Wenn mir ein Autor im Plot ein Opfer nahebringen will, dessen Leben durch einen Teppichmesser  schwingenden Psychopathen bedroht wird, ist mir die realistische Abfolge, wie er die Klinge durch Haut und Fleisch zieht, egal bis widerwärtig – allein die agierenden Personen, ihre Situation, ihre Gefühle, ihre Biografien, die Glaubwürdigkeit der Gefahr an sich, erzeugt die Gänsehaut und erreicht mich, wenn sie in ihrer ganzen Tiefe ausgeschöpft werden. Meine eigene Fantasie lässt mir sogar den Spielraum zur Steuerung meiner Anspannung, denn ich will spannend unterhalten werden, nicht schockiert im negativsten aller Sinne. Bemerken wir überhaupt die Absurdität, dass wir einerseits immer realere Detaildarstellung erbetteln und gleichzeitig den Triggeralarm außen sichtbar auf dem Buch gesetzt sehen wollen oder im Anhang nach der Telefonnummer der Telefonseelsorge suchen? Als wüsste ein traumatisierter Mensch nicht von sich aus, wie er belastenden Situationen und Büchern aus dem Weg gehen muss. Wichtiger als genaue Sachinformationen ist der Gesamtaufbau des Plots, denn je unglaubwürdiger die Prämisse, die Ausgangslage oder die Abfolge, desto weniger gehe ich mit, da können die Details einer Nebenspur so realistisch sein wie sie wollen. Es muss nicht immer ein neuer, total verrückter Irrsinn erdacht werden – letztlich gab es ohnehin alles schon mal so oder ähnlich. Wir sind inzwischen so abgestumpft, dass wir subtilen Nervenkitzel überhaupt nicht mehr wahrnehmen. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Schauerroman-Gänsehaut, als ich, etwa fünfzehn Jahre alt, erstmals »Rebecca« von Daphne du Maurier las, weiß aber auch, dass ich das Buch heute vielleicht mit anderen Augen lesen würde.

Wie war es dem Kleinkriminellen Karl May möglich, die Leser seiner unzähligen Abenteuer- und Reiseromane allein durch die Macht seine Fantasie zu fesseln, wo er doch erst sehr viel später, kurz vor seinem Tod, zu Reisen in den Orient und nach Amerika kam? Seine Geschichten waren glaubhaft geschrieben. So glaubhaft, dass er sich tragischerweise sogar selbst darin verlor. Das Genre Fantasy wäre ohne diese Fähigkeit nicht denkbar. J. R. R. Tolkien hat nicht nur für die Dauer eines Buches Hobbits, Elben und andere Wesen glaubhaft gemacht. Gandalf lebt, oder etwa nicht? Realität? Fiktion? Für die Dauer einer Geschichte ist gelungene Fiktion die Realität. Oder die beliebten Liebesschmachtromane – alle nach ähnlichem Muster gestrickt, A liebt B, aber B liebt C und letztlich »kriegen sich« A und D, die sich anfänglich eigentlich nicht leiden konnten – funktionieren immer, wenn sie so intensiv und glaubhaft erzählt sind, dass sich die Leserschaft trotzdem in jeder denkbaren Unmöglichkeit auflöst. 

Natürlich sollte ein Krimi-Schriftsteller, wenn sein Protagonist bei der Polizei arbeitet, wissen wie es dort zugeht. Schreibe nur über Dinge, die du kennst, heißt es. Das ist richtig und Recherche ist im normalen Maß unumgänglich – niemand weiß alles, und es wird schlussendlich nach Genuss jeden Buches, jedes Films jemanden geben, der hierin oder darin mit Fachwissen glänzt und »Blödsinn« schreit. Mir erscheint ein geringfügiger Irrtum in der Bezeichnung der Polizei-Hierarchie oder im KTU-Ablauf weitaus verzeihlicher (ich, Leser, weiß es schließlich nicht besser) als ein Schwerverletzter, der Morse- oder Binärcodes auf dem Sterbebett blinzelt! Die Macht der beiderseitigen Vorstellung nutzen, Leser glauben machen, den Strom liefern, der ihren Fantasiemuskel  anregt und in freudiger Erwartung zucken lässt, Botschaften im Nichtgesagten verstecken, damit sie unverhofft irgendwann fertiggedacht werden, Funken schlagen für das Feuer eines Abenteuers, Leser aus ihrem Alltag auf eine Reise entführen, von der sie nur unwillig zurückkehren und die über die viel zu schnell schwindende Seitenzahl trauern – das ist Schreiben. Keine Geschichte für den Autor oder den Verlag – eine für einen Leser. Ein Doppelgleis. Eine Geschichte, die nur im Zusammenspiel von Autor und Leser klappen kann. Und manchmal ist dann weniger einfach mehr! Ergo: Cherchez les lecteurs!

(Das würde ich auch gerne können.)

Nachtrag in eigener Sache: Nein, ich melde mich noch nicht aus meiner kleinen Auszeit zurück – dieser Beitrag, die kleine Parabel Das Glück der Unvollkommenheit und die autobiografische Minigeschichte Erika sind lediglich Ausdruck meiner Prokrastinationsleidenschaft, denn ich lese gerade viel und lasse mein eigenes Manuskript im warmen Ordner „gehen“. Dort wird es zwar nicht ohne mein Zutun an Volumen zulegen, aber ich erkenne nach angemessener Gärzeit vielleicht besser den Reifegrad und kann noch nachbessern.🤔 

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