Die Zeit ist da

»Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann.«

Marie Freifrau Ebner von Eschenbach (1830 – 1916)

Morgen ist der Juni Vergangenheit und der gegenwärtig verfasste Text, gestern geschrieben. So verrinnt Tag um Tag und mit jedem von ihnen, gleiten einst künftige Pläne und Vorhaben ins vertane, vergeudete, verschwendete Gestern. Wir haben den Zeitvertreib perfektioniert, die Zeit wahrhaftig aus unseren Augen vertrieben (eine optische Lüge)  und genießen diesen Terrorakt sogar. Viele von uns leben so luxuriös, dass wir es uns erlauben können, die arbeitsfreie Zeit mit Hobbys, Spiel, Sport, Körper- und Seelenbetrachtung, mit buchbaren Streaming-Diensten für alle Sinne, mit Warten auf das große Glück ferner Urlaubsziele oder rotierender Lostrommeln zu verplempern. „Wenn dies oder jenes geschieht, dann mache ich …“ – so fangen viele Vorsätze an und enden noch im Augenblick der Idee. 

Neben den Dingen, die ich alltäglich tun muss, führe ich seit Jahr und Tag eine To-do Liste mit den Tätigkeiten, die ich machen möchte. Erstaunlicherweise wird sie nicht kürzer, sondern sie wächst wie Unkraut auf dem Mist. Und wie in jedem Jahr murre ich darüber voller Unzufriedenheit und bringe die Inhalte meiner Freizeit auf den Prüfstand. Okay, essen und schlafen muss ich, Pflichten abarbeiten ebenso, auf das Lesen will ich ebenso wenig verzichten, wie auf regelmäßige Spaziergänge (mit denen hat es eine bedeutsame Bewandtnis, doch dazu wird es zu gegebener Zeit einen gesonderten Beitrag geben müssen) und Familienzeit. Viel bleibt nun vom nutzbaren Tag kaum übrig. Also heißt es, mit Bedacht mit dem kostbaren Rest umzugehen, abzuwägen und Entscheidungen zu fällen. 

Da ich einige Schreibprojekte in Arbeit habe, noch vieles lernen möchte und einen großen Bilder- und Tagebuchnachlass aus der Familie sichten und in eine private »Form« bringen will, die dann weitere Generationen übersteht, muss ich diese kostbare Zeit von der abzwacken, die ich bisher für Instagram und für dieses Blögchen reservierte. (Es gibt sicher Blogger*innen, denen diese Tätigkeit förmlich aus Hirn und Hand flutscht – ich benötige für Texte, Bilder und deren Bearbeitung leider eine etwas längere Vorbereitung.)

So lange wir jung sind, mag man uns sagen, was man will, halten wir das Leben für endlos und gehen danach mit der Zeit um. Je älter wir werden, desto mehr ökonomisieren wir unsere Zeit. Denn im späteren Alter erregt jeder verlebte Tag eine Empfindung, welche der verwandt ist, die bei jedem Schritt ein zum Hochgericht geführter Delinquent hat.

Arthur Schopenhauer (1788 – 1860)

Meine Blögchen-Sommerpause wird kaum ins Gewicht fallen, da meine Beitragsabstände ohnehin bisher zufällig, unregelmäßig und von unterschiedlicher Länge waren. Bei Instagram fällt sie mir leichter, denn ich erlebe zunehmende Inhalte derzeit als schläfrig, urlaubsreif, ausgebrannt, uninspiriert und ermüdend und nehme mich davon selbst nicht aus. 🥱 Womöglich eine Corona-Nachwirkung? Ich hoffe auf regenerative, beiderseitige Besserung und freue mich darauf, mich irgendwann Euch und beiden Plattformen wieder mit vollem Elan und gebührender Aufmerksamkeit widmen zu können, und dass ich den wertvollen Zeitgewinn zufriedenstellend in die Verkürzung meiner Liste verwandeln konnte. Passt gut auf Euch auf und bleibt gesund!

Bezogen auf das erste Zitat, sage ich nun: »Ich kann jetzt!« Und in Bezug auf das zweite: »Moment, nicht so schnell!“😉

8 Thoughts

  1. Ja, da hast du Recht: Wenn man erstmal anfängt, eine To-DO-Liste zu erstellen, wird die Zeit immer knapper und der Zwang immer größer.

    Ich leide da wohl unter einer Krankheit, denn ich kenne keine Zeit. Für mich ist das Leben ein einziger großer Tag. Wenn mein Bruder etwas sagt: „Ja das war im August 2001“, dann kann ich nicht mitreden, weil ich diese Chronologie der Zeit nicht kenne. Manche Dinge aus der Kindheit empfinde ich wie heute, meine Erinnerung ist so plastisch, dass schon Vater sagte: „Du kannst dich ja wirklich an alles erinnern“. Ich erinnere mich nicht wirklich, weil alles zwar nicht gleichzeitig in mir abläuft, aber doch eben wie an einem langen Tag. Mein Leben ist ein langer Tag. Ich führe keine To-Do-Liste, sondern eine Abhakliste:

    Wenn ich weiß, das Bad muss geputzt werden, dann hack ich ab, dass ich das Fenster geputzt habe, dass ich die Badewanne geputzt habe, dass ich die Kacheln gewischt habe, dass ich den Boden geputzt habe, dass ich den Badspiegel gesäubert habe usw. Das bringt mir positive Energie mit jedem Haken.

    Dann fällt mir ein den Keller aufzuräumen und da hake ich auch immer nur ab: Alten Schrott rausräumen, zwei neue Regale aufbauen und einräumen, alte Umszugskisten sichten und Beschriften, das Kellerfenster putzen, Spinnweben entfernen usw.

    Ich bin nicht normal, aber ich setz mich nicht unter Druck: Alles nach der Devise: Du bist nicht auf der Flucht ^^

    Lieben Gruß dir und eine schöne Zeit, Sven ❤

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  2. PS: Es nützt ja auch nichts, To-Do-Listen anzulegen, wenn man zuletzt nicht weiß, wo man anfangen soll und deshalb alles liegen lässt. Da tu ich lieber etwas, was getan werden muss. Und da stellt sich das Dringlichste immer zuerst ein. Wenn etwa das Bad geputzt ist und der Keller aufgeräumt, dann kann man auch aufgeräumt die Dinge angehen, die dem tieferen Sinn dienen: So arbeite ich eben an einem Gedichte-Manuskript, das meine vollste Aufmerksamkeit beansprucht ..

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    1. Das, was Du die „Ich-kenne-keine-Zeit-Krankheit“ nennst, ist weitaus gesünder, als meine Zwanghaftigkeit, Struktur in etwas bringen zu wollen, das sich nicht ordnen lässt. In meinem Beitrag schloss ich die täglichen oder regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen aus, denn auch die erfasse ich nur noch grob. Die, für die ich gerade Zeit zusammenklaube wie Totholz aus dem Wald, ist eher eine Wishlist, denn eine To-do-list und sie enthält, ähnlich Deiner Vorhaben z.B. meine vernachlässigten Schreibprojekte, die stets hinter dem Alltagsdruck zurück stehen mussten.
      Ich danke für die netten Wünsche und hoffe, Du schaffst es, Dich mehr Deinen Gedicht-„Sinnweben“ als den Spinnweben im Keller zu widmen.😉 LG, Heather

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  3. Es ist an der Zeit – für dich und mich – das wirklich Wichtige anzugehen, Prokrastination ist ein Übel, das man in den Griff bekommen kann. Ich gehe es an und wünsch dir ebenfalls, dass du anfängst, das zu bearbeiten, was wirklich wichtig ist. Halten wir zusammen. Ich bin schon dabei und sende dir Kraft, LG Sven ❤

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      1. Du bist ein Diamant wie all meine Freunde, die ich auf meinem privaten Blog zugelassen habe. Ich brauche keine hundert Follower, ich brauche nur einige wenige Menschen, die ich mir selbst auswähle und die nicht mit Gold zu bezahlen sind .. Du gehörst daszu 🙂

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