Reden ist Blech, Schreiben ist Gold.

Wenn ich Texte lese, interessiere ich mich oft auch für die Persönlichkeiten dahinter. Wer hat die Zeilen verfasst und was hat sie/ihn dazu inspiriert? Warum schreiben einige von uns überhaupt gerne? Lustig finde ich Aussagen wie: »Ich bin 18 Jahre alt und  schreibe schon mein ganzes Leben lang«, oder: »Ich habe seit ich denken kann Geschichten geschrieben«, oder: »Ich wollte immer schon Schriftsteller*in werden«. Es scheint also Menschen zu geben, die mit Stift oder Tastatur in den winzigen Fäustchen das Licht der Welt erblickten und sofort wussten, was man damit machen kann. 

Ich gestehe, dass das bei mir überhaupt nicht so war. Zunächst habe ich die schönste, intensivste Zeit auf der anderen Seite der fantastischen Ideen und Geschichten verbracht und ließ erst lesen (meine Hörbuchsprecherin trug den Namen Mama) und bald las ich selbst. – Inzwischen gibt es mehr Aphorismen und Zitate, die sich in schwülstiger Kürze mit dem Gefühl, was Lesen für uns bedeuten kann, befassen, als Sandkörner an der Copacabana, und wenn ich noch öfter das Verb »abtauchen« in diesem Zusammenhang lesen muss, wird mir vermutlich wegen Sauerstoffmangels übel! Aber ja, Lesen macht tatsächlich etwas mit uns. Nach rund sechzig Lesejahren finde ich immer noch Perlen bei meinen Tauchgängen, um im abgegrabbelten Bild zu bleiben, und ich habe inzwischen so viele Wörter inhaliert, dass sich immer häufiger ein paar von ihnen davonstehlen, um eigenen Fantasien und Gedanken Gestalt zu verleihen.

In der Schule hatte ich mit dem Erzählen nur Probleme. Nacherzählungen, egal in welcher zu erlernenden Sprache, waren mir zuwider. Ich erreichte mit Ach und Krach das Mindest-Wörter-Soll, wohingegen meine Freundin und Banknachbarin locker das Doppelte der Ausgangsgeschichte aus dem Ärmel ihrer Schreibhand zauberte. Ich war nie Freundin vieler Worte, weil sie in meinen Augen dazu neigen, Inhalte zu verwässern oder im Gespräch das Gegenüber ermüden können. Erst im Laufe noch weiterer gelesener Stoffe enthüllte ich mir selbst, und auch nur dann, wenn die jeweilige Betrachtungsweise meine eigene anreizte, dass eine Geschichte etwas Lebendiges ist. Sozusagen ein Wesen, das interagieren kann. Natürlich muss für mich immer eine fiktive oder wahre Begebenheit, etwas Erzählenswertes, im Zentrum stehen. Aber erst der jeweilige Narrator haucht ihr mit seiner Wortwahl und seinem Tempo Leben ein – malt ein Gedankenbild in die Vorstellung des Lesers! Aus Wörtern werden Worte, aus Worten ein Text, ein Buch. Die Magie eines Buches liegt einzig in der lebendigen Beziehung von Autor*in zum Leser. Deswegen haben wir einen unterschiedlichen Geschmack und »gehen so unterschiedlich ab«. Der eine mag´s schmalzig-kitschig-overdone, ein anderer bevorzugt kühle, puristische Sachlichkeit oder poetische Ausführlichkeit. Je nach Biografie des Autors und seinem gewählten Stil und des Erlebnishorizonts des Lesenden, entstehen lebendige, unterschiedlich interpretierte Romane. Für mich ist die Geschichte (bei Romanen) von gleich großer Bedeutung, wie die gewählte Sprache, Stil, Form, Ausdruck. Vor allem aber muss ich Authentizität spüren! Passt alles, verfange und verliere ich mich und komme erst zurück, wenn ich die letzte Seite beendet habe. In der Schule hatte ich die Probleme deshalb, weil ich längst nicht genug gelesen hatte, und es sich bei diesen Nacherzählungen nur um ziemlich trockene Übungen handelte, die durch stete Wiederholungen nur nervig wurden. 

Es gibt Menschen, denen fällt das Fabulieren leicht, sogar aus dem Stehgreif und frei gesprochen, teils schlagfertig oder witzig, auf jeden Fall eloquent, und manchmal auch ohne Konzept. Nicht schwer zu erraten, dass ich zu denen nicht gehöre. Ich lege gerne auf die Goldwaage, prüfe, bin unsicher, korrigiere, werde noch unsicherer und äußere mich wenn, am liebsten schriftlich. Das bekannte Sprichwort »Reden ist Silber, schweigen ist Gold« lautet in meiner Version: »Reden ist Blech, Schreiben ist Gold, Schweigen ist Platin«. Letzteres allerdings nur, wenn man nichts zu sagen hat. Warum hatte ich aber eines Tages das Bedürfnis eine kleine erfundene Geschichte in Worte zu kleiden und selber ein Büchlein zu schreiben?

Unzweifelhaft hat jedes normale und gesunde Kind ein enormes Potential an Fantasie, mit dem es Erwachsene oft verblüfft. Aber Kinder erfinden keine Geschichten, sie leben in ihnen. Erst mit zunehmendem Lebensalter sind sie mehr und mehr in der Lage ihre Spiel-/Fantasiewelt gegen die Realität abzugrenzen. Genau das macht ihren Alltag in der Erwachsenenwelt übrigens auch so gefahrvoll! Also, wer sich als Schreiberling darauf beruft, dass sie/er sich schon als Kind tolle Geschichten ausgedacht hat, befindet sich in der besten Gesellschaft nahezu aller Menschen. Vielleicht aber dürfen einige die Gabe behalten oder ihnen gelingt die spätere Abgrenzung von der realen zur fantastischen Welt schlechter oder sie lassen es nicht zu. Womöglich brauchen sie den Akt der Schöpfung ihrer eigenen Welten, um in der wirklichen bestehen zu können. Sie schreiben.

Mein kindlicher Berufswunsch stand früh fest – ich erwähnte es schon an anderer Stelle. Mein fünfjähriges Ich strebte danach, Zeichnerin in den Walt Disney-Studios zu werden, wobei ich mir fast ebenso zeitig darüber im Klaren war, dass mein Talent beileibe nicht zur Figurenentwicklung gereicht hätte, aber ich sah mich gerne beim Kolorieren der Folienvorlagen. Noch im Puppenspielalter von etwa 11 Jahren, zu dieser Zeit spielten Kinder noch deutlich länger mit Spielsachen (ohne Stimme und Display), lud ich wöchentlich meine Freundin mit samt ihrer Puppen- und Teddyfamilie zum Kinotag ein. Ich hatte ein »Kino« im Tischformat gebastelt und sehr lange, auf leere Füllerpatronen aufgewickelte Papierröllchen im Format damals gebräuchlicher Kamerarollfilme hergestellt, die aus vielen aneinander gereihten, farbigen Bildchen bestanden – dem »Film«. Weit entfernt an einen Comic erinnernd, erzählten die Minibilder den Ablauf einer kleinen Geschichte, die dem Puppenpublikum vorgeführt wurde, indem ich an einer kleinen Kurbel drehend, Bild für Bild »vorführte« und dazu erzählte. Eigentlich hätte es mich späterhin eher zum Film ziehen müssen! Ich muss nicht betonen, dass ich mir bei meinen Eltern dafür diverse Rüffel einhandelte, weil die Zeichnerei während der Hausaufgabenzeit entstand und ich diese in aller Hektik am nächsten Morgen im Zug – ich war Fahrschülerin – erledigte. Meine Prioritäten waren einfach andere. Kurz vor dem Abi sprach dann mein Kunstlehrer mit mir und riet mir von einem Beruf im grafischen Bereich dringend ab. Nicht wegen mangelnden Talents, sondern den schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Die Realität tritt viele Träume in den Dreck!

Sehr viel später begann ich, meine Gedanken in Ordnung (oder in Schach?) zu halten, indem ich in unregelmäßigen Abständen, Einträge in ein Notizbuch vornahm. Ähnlich einem Tagebuch, nur nicht täglich, sondern nach Bedarf geführt. Es wurden derer zehn, aber die Unordnung im Kopf blieb und ich hörte auf mit der, inzwischen als Unfug identifizierten, Selbstbetrachtung. Inzwischen war ich Mutter geworden und ich durfte mich wieder intensiv mit Kinderliteratur beschäftigen. Yeah! Wort, Bild und Kind begannen allmählich aufeinander zuzusteuern. Bis zum ersten fertigen Manuskript für ein Kinderbuch sollte trotzdem noch Reifezeit vergehen. Ich bin in vielerlei Hinsicht schon immer ein Spätzünder gewesen und tröste mich mit der Idee, dass die erste Zündungsstufe einer bemannten Weltraumrakete den Start ermöglichte, es aber die letzte Zündung war, die den Traum vom Menschen im All, erfüllte. Ich erliege nicht der Illusion, es in meinem Alter noch zu schriftstellerischen Meriten zu bringen, weil, wie in fast allen Bereichen nur Jungem, Frischem, Unverbrauchtem Förderung und Chancen zuteilwerden – ich hatte meine und habe sie anders genutzt. Das führt mich wieder zur Motivation. Schreibe ich um eines möglichen Erfolges willen oder weil ich an der Tätigkeit als solcher Freude habe? Gerade zu künstlerischen Berufen fühlen sich viele hingezogen, doch die wenigsten schaffen eine Karriere, oder erlangen Ruhm oder Reichtum oder gar beides. Ich habe nichts zu verlieren, also will ich ehrlich sein: Ich hätte einfach nur große Freude daran, ein, durch einen »richtigen« Verlag veröffentlichtes, Buch aus meiner Feder in den Händen halten zu dürfen! Einzig aus dem Wunsch heraus, eine Idee auf eine Reise zu schicken, die mich überdauert und die einen Funken mitträgt, der gemeinsam mit vielen anderen, bei irgendjemandem ein kleines Feuer entfacht. Bis dahin schreibe ich mit Vergnügen weiterhin Beiträge für meinen Blog, den niemand liest oder zeitgleich an zwei Projekten unterschiedlichen Genres, um einer verfrühten Demenz vorzubeugen. 😉

Einen unserer Träume sollten wir immer wie eine Kostbarkeit bewahren und unerfüllt lassen, denn jeder muss nach etwas streben können, um zu leben. 🚀Arm ist, wer alle Wünsche erfüllt bekommt! 

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