Von Hashtag wirschreibenzuhause zu wirleidenzuhause

Etliche Wochen voller Fleiß, Erwartung, Neugier und Hochspannung liegen seit dem Startschuss am 3. April 2020 hinter uns Teilnehmern an der Schreibchallenge #wirschreibenzuhause, die der beliebte Thrillerautor Sebastian Fitzek initiierte und über seinen Instagram-Kanal kommuniziert. Während der lebenseinschränkenden und lebensbedrohenden Corona-Quarantänezeit wurden ambitionierte Hobbyschreiber und Autoren zum Verfassen einer Kurzgeschichte aufgerufen, die, in einer Anthologie zusammengefasst, zu Gunsten des krisengebeutelten Buchhandels im Herbst  erscheinen soll. Neben den etwa 7 Beiträgen etablierter Profi-Autoren – das Charity-Buch soll sich schließlich gut verkaufen lassen – werden 13 Storys mit hineingenommen, die soeben von einer Fachjury aus den Einreichungen der Challenge ausgewählt wurden. Die Macher rechneten anfänglich mit etwa 100 bis 300 Teilnehmern (🙄 waaaas?), wurden jedoch mit 1142 eingereichten Geschichten, deren gemeinsame Parameter zuvor durch die aufgebaute Community festgelegt wurden, vollkommen überrascht.

Nach dieser unerwarteten Geschichten-Flut, war eine Ausleseverfahren-Anpassung notwendig geworden und so wird es neben den inzwischen feststehenden Auserwählten für die Printausgabe eine zusätzliche eBook-Ausgabe mit weiteren Geschichten geben, die jedoch nicht von einer Jury ausgesucht werden, sondern sich dem Community-Voting auf der Seite https://wirschreibenzuhause.de stellen müssen. Dort kann übrigens jeder Interessierte sämtliche Storys lesen, es sind wirklich sehr starke und außergewöhnliche dabei, und sich über die Vorgeschichte und die Parameter informieren. Soweit das Prozedere.

Als am 2. Juni die Namen der GewinnerInnen – Euch allen herzlichen Glückwunsch! 👏 – für die Printausgabe bekannt wurden, war es vorerst mit Euphorie vorbei und kollektive Enttäuschung und Frustration zeigte sich, bis hin zur hässlichen Fratze der Missgunst! Ich würde lügen, wenn ich behauptete, ich hätte nicht wie alle Teilnehmer gehofft, dass auch mein Name dabei wäre (warum sollte man sonst teilnehmen?), aber unterbewusst war mir klar, dass das nicht so kommen wird. Jetzt, wo ich es definitiv weiß, bin ich sogar seltsam erleichtert. Ich kann nicht gut lange Zeit in Träume investieren. In das erwähnte eBook möchte ich es nicht schaffen, weil ich glaube, dass die Ideengeber hiermit nur die Eitelkeit der Teilnehmer und die enttäuschten Gemüter besänftigen möchten und letztlich hoffen, dass die Teilnehmer selbst zu Käufern werden. Davon würde mich nicht einmal der Charitygedanke überzeugen können. Ein Community-Voting 50 oder 100 aus 1142 lehne ich für mich prinzipiell ab, da die Bedingungen fragwürdig und nervig sind. Kaum ein Teilnehmer wird zum Vergleich sämtliche Geschichten lesen, um möglichst objektiv zu werten oder Kommentare und Likes zu hinterlassen, und damit wird es letztlich nur um Reichweiten der Teilnehmer bei Social Media gehen, die uns bis zum Ergebnis im Herbst permanent belatschern werden, doch für ihre Story zu voten. Schon jetzt wird bei Instagram um Kommentare und Likes gebettelt, gedealt, gelitten und geschleimt. Hier geht es nicht mehr um Inhalte, sondern ihre Verfasser. Der folgende Fast Run durch die Geschichtenübersicht auf der Homepage, verdeutlicht diese Qual der Wahl und gleicht einem Gang über einen „Friedhof der Träume“.

Screencast der Geschichten-Übersicht auf https://wirschreibenzuhause.de / Stand 09.06.2020

Deshalb habe ich meinen Kurzthriller „ins Leben“ zurück geholt, bzw. mein komplettes Benutzerkonto gelöscht (ich will auch nicht voten), aber wer Lust hat, kann ihn hier, mit dem Titel Schaf im Wolfspelz lesen. Mir hat die Challenge, von der ich leider erst recht spät erfuhr, außerordentlich viel Freude bereitet, weil ich sie als Disziplinübung ansah, sowohl vom Zeit- und Formalrahmen, als auch den geforderten Parametern und ich warte nun auf den Herbst und das Erscheinen der Printausgabe, die ich mir mit Sicherheit zulegen werde – natürlich auch, um zu sehen, wie die Profis, deren Geschichten noch niemand zuvor sah, an die Thematik herangegangen sind! Bleibt lesegierig und legt Euch das Buch ebenfalls zu, denn was wären wir, gäbe es keinen Buchhandel mehr? Im nächsten Schritt verschwänden noch mehr Leser, dann die Bücher, zuletzt … nun, das mag man sich überhaupt nicht vorstellen.

Das wäre schon ein Schlusssatz, hätte ich nicht noch ein Fläschchen mit dem berüchtigten Wermutstropfen. Ich bin Laie auf diesem Gebiet, aber mich interessieren psychologische Mechanismen, die unser Handeln bestimmen und nicht nur ich werde geahnt haben, wie diese, noch unmittelbar vor dem Höhepunkt der Auflösung (die Bekanntmachung der Namen der GewinnerInnen) nervenzehrende und euphorische, Erwartung vieler Follower, in das komplette Gegenteil umschlug. Eine zu niedrige Frustrationsschwelle? Übersteigerte Erwartung? Romantisierte Vorstellung des Autorenlebens? Sucht nach Geltung und Ruhm? Und warum unterschätzten die Macher die Teilnehmerzahl? Fan-Communitys und Laienautoren – beide erfahren einen anhaltenden Boom, den man sich eher für die Gruppe der Leser wünschen möchte. Etliche erfolgreiche Verlagsautoren haben deshalb längst ihr Genre-Repertoire um Schreibratgeber für ambitionierte Hobbyschriftsteller erweitert.

Ich liebe den Film »Ratatouille« und wer ihn kennt, weiß, was ich meine, wenn ich mich an die darin enthaltene Botschaft »Jeder kann kochen!« erinnert fühle. Sebastian Fitzek hat, sicher in bester Absicht, in seinen regelmäßigen Live-Storys bei Instagram seine Follower mit vergleichbaren Motivationssprüchen angefeuert. Vielleicht hatte man ja Angst, zu wenige Geschichten zur Auswahl zu bekommen. »Jeder kann schreiben!«, »Glaubt an euch!«, »Es ist eure Geschichte!«, »Schreiben ist wie Schwimmen!«, auch die Parameter, die Teilnahmebedingungen, alles wurde lässig und weit offen kommuniziert und vielen Träumern und Hoffenden damit suggeriert, dass irgendwie alle schon so gut wie gewonnen haben. Ich denke, das war der Kardinalfehler und der Grund, weshalb viele sich verar***t fühlten (O-Ton). Die Botschaft des bezaubernden Animationsfilms lautet jedoch genau genommen nicht »Jeder kann kochen!«, sondern »Es gibt überall Talente und es gibt so viele unterschiedliche Talente«. Aber wer hat Schreibtalent? Wer unterscheidet Talent von Wunschdenken? Wir gieren also nach Feedback für unser Tun, dem einzig verfügbaren Maßstab. Von Agenturen und Verlagen gibt es im besten Fall ein höfliches, aber bestimmtes »…passt leider nicht in unser Programm…« oder im schlechtesten Fall gar keine Antwort und Familie oder Testleser, eignen sich nur bedingt. Ohne Rückmeldung ist, selbst wenn die Protagonisten im Kopf alle durcheinander quatschen, Schreiben der einsamste Job der Welt. Selbst eine begründete Ablehnung oder der dezente Hinweis, dass es noch andere schöne Berufe gibt, wäre hilfreicher als eine unerfüllte, naive Hoffnung.

Den ermutigenden Motivationsrufen folgten weit mehr rauschhaft Schreibende als erwartet, und jeder sah sich im Geiste schon veröffentlicht. Allein der Gedanke an die lesende Fachjury, die anfangs noch zusicherte, sie würden ALLE Geschichten lesen, beflügelte die Fantasie und streichelte die Fan-Seelen. Die Wettbewerbsbedingungen änderten sich von einer Live-Story zur nächsten, mussten natürlich angepasst werden. Und nun, am Ende der ersten Entscheidungsrunde, wittern einige Verrat, haben doch die meisten Auserwählten schon viel Schreiberfahrung und einige haben auch schon veröffentlicht. Sie waren doch aber deshalb nie von der Teilnahme ausgeschlossen! Wo wollte man auch die Grenze Laie – Profi ziehen? Und natürlich hat sich ihre Erfahrung und ihr Know-how im Ergebnis niedergeschlagen. Auch Talent benötigt Übung und Ahnung. Ein Auswahlkriterium war vielleicht auch die Aussicht auf ein weniger aufwändiges Lektorat, als es für einen absoluten Neuling notwendig gewesen wäre, denn der Zeitdruck für die Printausgabe ist sicher immens. Ich habe zahlreiche Kommentare unter den entsprechenden Posts bei Instagram gelesen und als Grund für den größten Unmut in der Angst erkannt, nicht richtig wahrgenommen worden zu sein, untergegangen in einer Menge, die eventuell nur grob vorsortiert wurde (nach einem bewährten Verfahren, das mit viel Gehüstel und verdächtigem Gestammel als hochkompliziert, aber seeehr professionell beschrieben wurde). Wahrnehmung – ein Aspekt, der heute stark an Bedeutung  gewonnen hat. Social Media ist ein Spiegel dieser Sucht nach Anerkennung und Aufmerksamkeit. Etliche TeilnehmerInnen sahen ihre Kurzgeschichte in den fachkundigen Händen ihrer Lieblingsautoren und nun wurden sie womöglich »nur« von unbekannten Helfern einer erweiterten Jury beäugt? Hatten die Macher nicht selber die selbstverständlich unrealisierbaren Betteleien nach Feedbacks und/oder Namensnennung aller Teilnehmer im Buch gelesen? Ahnten sie denn nicht, dass sich einige TeilnehmerInnen aufs Glatteis geführt fühlen würden, um ihnen beim Ausrutschen noch zusehen zu können? Sozusagen als »Drachenfutter« schob man zur Nachbesserung die Idee zum eBook nach, gefolgt von den tröstenden Biografien prominenter Autoren, die auch nicht sofort Erfolg hatten. Das Lenken der neuen Begehrlichkeit auf einen der Plätze im eBook hat offensichtlich gefruchtet, denn der Köder wurde geschluckt! Das ist auch wichtig, denn die Community muss noch für einige PR-Projekte zusammenstehen, wie bspw. eine Titel- und Coverabstimmung etc.. Der Charity-Gedanke trägt und macht´s erträglich!

Was ich weniger erträglich, ja, richtig schräg finde, – ich wollte ursprünglich gar nicht darauf eingehen, kann aber mal wieder meine Klappe nicht halten – ist etwas, was ich im Nachgang der namentlichen Bekanntgabe der Auserwählten 13 las und was ich nur grob und ohne Identität umreißen möchte. Von einer Gewinnerseite wird Nichtgewinnern gegen einen Sonderpreis-Obulus eine Sichtung ihrer Geschichten angeboten, ein professionelles Feedback mit Tipps zur Verbesserung. Ein Lektorat, das das Nichterscheinen erklärt, sozusagen. Für ein CHARITY-Buch! Motto: Alle arbeiten umsonst, nur ein/e GewinnerIn, samt weiterer für diesen Zweck noch gesuchter Lektoren, nicht. So lieb und empathisch, ganz auf Augenhöhe von Gewinner zu Verlierer eben. Das nenne ich Geschäftssinn! Noch bin ich mir im Unklaren darüber, was mich tatsächlich mehr ärgert: Das Angebot selbst (dafür ist extra eine Community angedacht – ja, geht heute alles nur noch in Communitys?) oder, dass es so viele Naive gibt, die voller Freude und Erwartung schon am Haken hängen. Mit diesem Instinkt für den materiellen Aspekt dieses Wettbewerbs befindet sich der/die Auserwählte jedoch in der guten Gesellschaft des Ideengebers Fitzek, dessen Werbeeinblendungen zu seinen Schreib-Online-Kurs „Meet Your Master“ bei Instagram geschaltet werden. Honi soit qui mal y pense! Versteht  mich bitte nicht falsch: Lektorate, Korrektorate und Schreibkurse sind elementare Werkzeuge für alle Schreibprojekte, meinetwegen auch Manöverkritik als Nachlese, die es jedoch für die Teilnehmer kostenlos derzeit in Form von Laien-Kommentaren auf der o.g. Website unter den eingereichten Storys gibt! Ich fühlte mich an Alkoholproduzenten erinnert, die mit ihrem Fuselverkauf zunächst für eine solide Abhängigkeit sorgen, um uns dann freundlicherweise noch eine Suchttherapie zu verkaufen. Sollte, wie die Abstimmung der Community befürchten lässt, der Titel der Printausgabe die Teilnehmerzahl 1142 enthalten, sollte er vielleicht mit dem Substantiv Schafe, Lemminge oder Kunden ergänzt werden. Sensibel geht anders, oder habe ich etwa einen an meiner alten Waffel?

Und so schnell wird aus #wirschreibenzuhause (weil ich es gerne mache, jetzt erst recht) #wirleidenzuhause (dagegen kämpfe ich hart an )!😤 Den noch teilnehmenden Kurzgeschichten-Autoren wünsche ich auf diesem Wege ganz viel Erfolg und Glück für den Einzug in das eBook! Ich weiß, sie wurden ALLE mit Herzblut geschrieben!

6 Thoughts

  1. Von dem Projekt habe ich nur am Rande mitbekommen und jetzt aus diesem Beitrag erfahren, was das eigentlich ist und wie es läuft. Unfassbar, besonders die „Idee“ mit dem eBook! Wie gut, dass ich Fitzek nicht mag, sonst wäre ich sehr enttäuscht von ihm.😜
    Danke für diese ausführliche Erklärung! 👍

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    1. Hallo Rosa A.,
      ganz lieben Dank für Deinen Kommentar. Allerdings sollte man nicht den Fehler begehen, einzelnen Personen ein Fehlverhalten zuzuweisen, denn so ein Projekt funktioniert eher wie ein Spiegel, aus dem zurückschaut, wer hineinblickt. Die von mir kritisierten Mechanismen sind eher allgemein funktionierender Natur, und wir „naiven Lemminge“ durchschauen sie aufgrund unserer Eitelkeit nicht. Am Ende bedanken wir uns sogar für etwas, an dem wir einen Anteil trugen. Über 1100 Hobbyschreiber mit annähernd ebenso vielen Social-Media-Accounts rührten (und rühren z.T. noch) mit ihren Posts die Werbetrommel sowohl für das Charity-Projekt, als auch die professionellen Autoren, die alle im Herbst auch Neuerscheinungen auf den Buchmarkt bringen! Zudem werden diese 1142 Schreiberidentitäten (zzgl. Angehöriger und Freunden) auch (hoffentlich!) zu den allerersten Käufern/Spendern gehören! Wohlgemerkt, das alles finde ich legitim und bzgl. des Charity-Gedankens lobenswert hoch 2, wollte aber mit dem Beitrag das Augenmerk der „Macher“ wenigstens kurz auf die Sicht der vielzitierten „Community“ lenken. Denn die zweite Enttäuschungswelle wird im Herbst kommen, wenn das eBook die große Restmenge von rund 1000 Teilnehmern ausschließt.😢

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      1. Recht hast Du. Es sind wohl einfach zu viele, die schreiben und auch gelesen werden wollen. Aber das hätten die ProjektleiterInnen ja von vornherein wissen müssen und es vielleicht anders angehen sollen. In heutiger Zeit sind vielleicht solche Mechanismen für Literaturausschreibungen etwas veraltet. Oder Corona ist schuld, dass alle sich darauf gestützt haben😉, ich meine – auf das Projekt. Ich hatte auch schon an einigen Anthologien teilgenommen und es sind gute Bücher daraus geworden, auch Spendebücher.
        Liebe Grüße
        Rosa

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