Schneckentempo für COVID-19

Da kommt etwas so Winziges wie ein Virus und hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor. Nur mag niemand gerne hinein schauen, denn wir wissen, dass uns nicht gefallen wird, was wir sehen. 

Als sich COVID-19 in China auf den Weg machte, um wie wir mobil und mopsfidel um die Welt zu reisen, interessierte es uns hier in Europa zunächst genauso wenig, wie die zahlreichen anderen Katastrophen und Nöte, die wir in weiter Ferne wähnen. Solange woanders gelitten und gestorben wird, stellen allenfalls Newsanbieter die sensationsgeile Frage: „Kann das auch bei uns geschehen?“ Ein bisschen wohlig-schauriges Horrorszenario für Chips knabbernde Sesselpupser bereichert einen gemütlichen Fernsehabend.

Doch Corona hat Pläne. Es will nicht in Asien bleiben, es will etwas erleben. Aber es kann alleine weder Auto, Bahn oder Bus fahren oder gar fliegen – es benötigt ein besonderes Vehikel, einen Wirt. Uns. Wir bringen den Erreger nun überall hin, zunächst ahnungslos, dann oft leichtfertig und verantwortungslos oder auch mit einer idiotisch großen Portion Fatalismus. Auf diese Weise sorgen wir für die Pandemie und weil wir selber immer schneller, mobiler und agiler geworden sind und wir uns jeder anderslautenden Belehrung entziehen, ist die Ausbreitungsgeschwindigkeit inzwischen derart rasant, dass nicht nur unser aller Leben und Gesundheit bedroht sind, sondern unser Gesundheitssystem, unsere Wirtschaft und unser soziales Miteinander. Dabei bewegen wir uns permanent zwischen Hysterie und Verharmlosung. Unsere heiligen Kühe Egoismus und Selfcare werden zum Schlachthof geführt und wir fallen in längst überwunden gehoffte Verhaltensmuster zurück. Irrwitzige Hamsterkäufe mit dem Symbolcharakter der Hilflosigkeit (Toilettenpapier, Nudeln, Mehl und Desinfektionsmittel), die im besten Fall die eigene Panik besänftigen sollen, im schlimmsten für den neuentdeckten Schwarzhandel gedacht sind. Wenn schon Unglück, dann doch aber bitte mit Profit! Dass eher besonnen veranlagte Bürger vor leeren Regalen stehen, um ihren ganz normalen Tagesbedarf zu decken, ist den Hamsterern schnurz. Haushaltsübliche Mengenbeschränkungen? Ach, was, da geht eben jedes Familienmitglied einkaufen – passt schon!

Am bittersten schmeckt der Gemeinschaft die bislang einzige Pille (andere Medikamente sind leider noch nicht verfügbar) der geforderten Solidarität mit den Risikogruppen deutlich erhöhter Mortalitätsrate, denn die Geschwindigkeit der Neuinfektionen muss gebremst werden! Das Schneckentempo (nebenbei nur etwa 0,003 km/h) ist natürlich bloße bildhafte Utopie, aber tatsächlich nur drastisches Beschneiden sozialer Kontakte helfen derzeit, die Kurve abzuflachen. Keine Reisen, kein Kino, keine Party, kein Museum, keine Veranstaltungen, kein öffentliches „Sonstewas“. Oh, Gott, wir sind auf uns selbst zurückgeworfen! Und die Schrauben werden weiter angezogen (vielleicht zu spät?). Kitas und Schulen werden geschlossen, Ausgangssperren drohen. Jetzt reicht´s aber! Mal abgesehen von den Familien, in denen alle im Brotjob sein müssen und die aus dem Stand heraus dringend Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kids benötigen, sehen sich manch andere Eltern dem „belastenden“ Problem gegenüber, ihre (eigenen!) Kinder OHNE Oma und Opa (die gehören schließlich zur besonders schützenswerten Risikogruppe) bespaßen zu müssen. Tja, Selfcare und Selbstverwirklichung gelingen nur, solange es Menschen oder Institutionen gibt, die in diesem Sinne funktionieren und den Preis für die Entlastung und dafür zahlen, dass es uns deutlich besser geht als noch zu Zeiten, in denen es weniger Doppelverdiener gab. Ich weiß, das ist extrem vereinfacht und provokant, aber deswegen nicht zwangsläufig weniger wahr. Wir haben uns einen Zweckoptimismus zugelegt, der uns suggeriert, wir hätten sogar nur Gutes und Sinnvolles für unsere Kinder vorgesehen, wenn wir sie praktisch schon in irgendeine Einrichtung hinein gebären. Sozialisation und so …. Wir sind geschickt darin, für fast jede These immer passende wissenschaftliche Aussagen und Untersuchungen zu finden, aber wir hören nicht mehr auf unseren Bauch, unsere Intuition. Ab und zu sollte man Entwicklungen und Trends in der Gesellschaft auch mal selbstehrlich hinterfragen. Ich bin schon ein älteres Semester, habe mich aber immer gefragt, warum die „einfache Hausfrau“ belächelt wird und keinerlei Ansehen genießt, obwohl sie eine Tätigkeit ausübt, für die ein Familienmitglied heute arbeiten gehen muss, um genau diese bezahlen zu können. Heißt das Berufsbild nicht mehr „Hausfrau und Mutter“, sondern „Tagesmutter“, schießt das Ansehen trotz gleicher Tätigkeit in die Höhe. Finde nur ich das paradox? 

Die Gesellschaft ist kein starres Modell, sie unterliegt einem steten natürlichen Wandel. So gerne wir es uns anders wünschen, es geschehen immer wieder Katastrophen, Krisen und  Notfälle und trotz aller Tragik erhalten wir, sozusagen als Abfallprodukt, einen Denkanstoß mit Chancen zur Kurskorrektur, jedoch nur, wenn wir dafür offen bleiben. Wir können nicht nur Solidarität mit den Risikogruppen beweisen, wir müssen es sogar! Letztlich hängen alle „Gruppen“ mit unsichtbaren Bändern zusammen und wir schaden uns gemeinsam selbst. Werdet nicht müde, Corona-Party-Feiernden auf der Straße, in den Parks und in den sozialen Netzwerken zu erklären, warum sie mit ihrem verdammten Hintern zu Hause bleiben müssen (#wirbleibenzuhause, #flattenthecurve) oder Dummbeuteln, was exponentielles Wachstum bedeutet! Unterbindet hysterietreibende Regalbilder oder Videos aus leergehamsterten Supermärkten und auch Produktwerbung mit dem fiesen Virus als Werbemodel. („Das Gute daran, zuhause bleiben zu müssen, ist, dass wir uns Zeit zum Lesen nehmen können. Deshalb gibt es jetzt mein Buch Der Profiteur mit 50% Rabatt zum Download.“ o.ä.)

Wir sind zu einer Ego-Gesellschaft mutiert, müssen es aber nicht bleiben. Wir haben die Wahl, uns zwischen Hysterie, Panik, Habsucht und Profitgier oder Solidarität, Altruismus mit Verantwortung für die Allgemeinheit zu entscheiden. Dem Corona-Virus ist unsere Entscheidung egal, aber wir können ihm mit der richtigen den Nährboden vergällen. Diesem und denen, die mit Sicherheit noch folgen werden. Pessimistische Bürger sehen in diesen Tagen, was alles nicht mehr möglich ist, optimistische richten sich moralisch neu aus und bauen auf. 

Vertraut auf verlässliche, sachlich Informationen von Fachleuten, macht Euch nicht in sozialen Netzwerken mit laienhaften Nachrichten über Tod und Verderben gegenseitig irre, sondern helft und tut, was wirklich notwendig und angeraten ist. Jeder auf seine Art und mit seinen Fähigkeiten, aber unbedingt mit physischer Distanz.

Machen wir das unternehmungslustige Virus zur Schnecke! Einzig Solidarität, Humor und Empathie haben jetzt die Legitimation viral zu gehen. Bleibt zu Hause und vor allem gesund!

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