Schwacher Geist – müdes Fleisch?

Drei Beiträge habe ich erst verfasst, seit ich über die Kranichkurve schrieb, und inzwischen kehren die Ausflügler schon wieder zurück. Die Winter werden immer kürzer oder die Zeit ist buchstäblich wie im Fluge vergangen! Das für Ausreden so beliebte Bibelzitat „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“ steht bildhaft für die Unfähigkeit des Menschen, sich aufzuraffen, um gute Absichten in Taten umzusetzen. Ich fürchte jedoch, dass es sich meistens umgekehrt verhält, denn genau betrachtet schwächelt der Geist, noch genauer die Selbstdisziplin, denn das Fleisch fügt sich, sofern kein physisches Hindernis vorliegt, immer dem Befehl „von oben“.

Meine ehrliche Fleischbeschau führte mir deutlich meinen erschlafften Geist, insbesondere meine kümmerliche Konzentrationsfähigkeit vor Augen. Physisch bin ich durchaus in der Lage, mein Romanprojekt weiter voran zu bringen. Ich habe gesunde Tipp- und Schreibpfötchen und darüber hinaus die erforderliche Hard- und Software. Aber meine Gedanken huschen wie kleine Kaninchen aufgeregt und neugierig in der Gegend herum und ich kann sie partout nicht einfangen! Die Netzmaschen sind zu grob, meine Hände wollen nicht zu rabiat zupacken und die kleinen Scheißerchen sind einfach zu flink, zu wuselig und vermehren sich überdies noch legendär.

Letztendlich stehe ich jetzt vor vier recht weit gediehenen, äußerst unterschiedlichen  Projekten und kann mich einfach nicht entscheiden, in welcher Reihenfolge ich die notwendige Disziplin zusammenkratzen muss, um wenigstens ein befriedigendes Ergebnis zu erzielen. Ein „bisschen schwanger“ gibt es nicht und es ist unprofessionell nichts zu Ende zu bringen. Arbeite ich gerade an A, weht ein B-Gedanke vorüber und gebe ich B nach, so ist die Konzentration schon bei C oder wieder bei A oder womöglich schon bei D. Es ist zum Kaninchenmelken! 

Ich vermute, eine instinktive inhaltliche Unsicherheit ist für diesen unerfreulichen Zustand verantwortlich – vielleicht lehne ich mich unbewusst gegen meinen eigenen Stoff auf! Eine schreiballergische Reaktion also? Undenkbar. Unhaltbar. Unmöglich. Unduldbar. Einfach un.

Kurzerhand habe ich dieses Un genutzt, um meinen Blog ein wenig zu pimpen, damit die Lust zurückkehrt, neue Beiträge zu verfassen, die wiederum zu neuer Post-Lust bei Instagram führen soll (noch so ein Gedanken-Kaninchen). Ordnung im Kopf schaffen – gelingt Euch das und wenn ja, wie? Oder kennt Ihr diesen chaotischen Zustand hoppelnder Gedanken überhaupt nicht? Die Logik schlägt mir vor, eine zeitliche Rangordnung nach Umfang vorzunehmen, weswegen ich den Roman (vorerst) hintan stelle und dafür ein kleineres, überschaubareres Projekt in den Tagesfokus stelle. Es ist textlich weniger umfangreich, mir aber eine persönliche Herzensangelegenheit und ich werde deshalb mit dem Inhalt noch ein bisschen hinter dem Berg halten, bin aber sicher, hier bald wenigstens ein Schleierzipfelchen zu lüften. In der Zwischenzeit tröste ich mich mit einer Prise Selbstbetrug über meine mangelnde Zielstrebigkeit hinweg und erinnere mich, dass ich das Privileg habe frei zu sein in meinen Entscheidungen, auch wenn sie zuweilen anecken oder mir als Schwäche ausgelegt werden könnten. Ein schlechtes Gewissen lasse ich mir leider viel zu leicht durch Social Media Konsum einimpfen und ich scheine empfänglich für Erfolgsbotschaften Dritter zu sein, die mich in Folge aber nicht motivieren, sondern derbe runterziehen. Auch wenn mein Fleisch, so wie ich nun festgestellt habe, erfreulicherweise nicht schwach ist und ich also körperlich fit bin, könnte ich mir ein dickeres Fell, wehrhafte Stacheln oder eine resistentere Hornhaut zulegen, die mich diesen Zerrbildern (glaubt bloß nicht alles, was Ihr lest) gegenüber unempfindlicher machen könnten.

Also, Panzer gesucht für meinen weichen Keks, äh, Kern. Für einen starken Geist in einem starken Körper.

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