Freiräume

Wie ein Zuckerjunkie, der von allerlei süßen Leckereien magnetisch angezogen wird, versuche ich immer noch den Instagram- und Internet-Verführungen zu widerstehen. Und so wie sich Ersterer täglich erneut auf die langen Finger in der Bonbonière schlagen muss, erwische ich mich beim Routinegriff nach meinem Ackerschnacker. Ich gestatte mir etwa zweimal am Tag einen Handy-Blick in meinen Account und schaue und lese, was meine Abonnenten/Follower machen und ob ich auf Kommentare reagieren muss, nein, möchte. Ansonsten wird nicht abseits des Weges gelünkert oder in die „Das-könnte-ihnen-gefallen“-Falle getappt und ich resümiere: Ich versäume nichts, ich vermisse nichts – es ist nur eine schlechte Angewohnheit! Gewonnen habe ich allerdings tatsächlich Zeit, denn erst durch die Enthaltsamkeit bemerkte ich, wie viele Minuten sich in der Vergangenheit ganz unbemerkt davongeschlichen haben mussten. Zeit ist, das konstatiere ich mit voranschreitendem Alter immer deutlicher, ein so immens kostbares Gut, das ich oft vergeudete und von dem ich jetzt kaum genug bekommen kann. 

Ich habe meine neue Freiheit genutzt, um mein reifendes Romangeschöpf einer intensiven Untersuchung auf Herz und Nieren zu unterziehen, habe zusätzlich einen herrlichen Winlingsspaziergang (mehr Frühling als Winter) dafür genutzt und mich kurzerhand entschlossen, in der noch frühen (gerade noch rechtzeitigen) Phase einen Planungsneustart zu wagen. Das bisher Geschriebene ist dadurch zwar nicht hinfällig, aber eine neue Vorarbeit notwendig geworden, die ich aus laienhafter Unkenntnis  zuvor sehr fehlerhaft erbracht hatte. Damit reinvestiere ich meine gewonnene Zeit, wie ich finde, optimal und hoffe, dass mein neu und ganz auf meine Bedürfnisse zugeschnittener, strukturierter Alltag mir hilft, zielorientierter zu arbeiten und nicht das Gros meiner Zeit mit Nebensächlichkeiten zu verplempern.

Ich lerne zudem, wie wichtig die individuelle Anpassung an den eigenen Arbeitsrhythmus ist. Als ich im vergangenen Jahr anderen Autoren und Autorinnen über die Schulter sah, ist mir erst klar geworden, wie unnütz eine Verallgemeinerung des Schreiballtags ist. Einige wenige gute, allgemeine Ratgeber zum Aufbau und zur Struktur des Romanprojekts zu lesen ist natürlich sinnvoll, aber Augen weg von Tipps der Mitstreiter und selbsternannten Lehrern, die derzeit, dem Ruf des wachsenden Marktes folgend, wie Pilze aus feuchtwarmer Erde sprießen – so meine persönliche Erfahrung! Schreiben ist einer von zahlreichen anderen kreativen Prozessen, der, mit Ausnahme weniger, die damit in Festanstellung einen Brotjob haben, frei gestaltet werden kann (frei klingt immer toll, ist aber auch voller Tücken!). Prioritäten müssen festgelegt, Familienroutinen und Termine eingeplant werden et cetera, et cetera. Aber wie wollen wir die Kreativität für ein ganzes Buch zusammentragen, wenn uns nicht einmal ein Tagesplan gelingt oder ein persönliches, aussagekräftiges Tagesposting auf unserem Hauptkanal?

Wichtig! Auch wenn wir unsere Schreibtätigkeit monetarisieren wollen oder müssen, dürfen wir uns niemals Zeit stehlen lassen! Frei sein heißt auch, sich bewusst Freiräume zu schaufeln, um unseren Kindern beim Wachsen zuzuschauen, den Familienhund nicht nur zum Pieseln auszuführen, sondern ihn gebührend zu bespaßen, den Blick für Mitmenschen zu schärfen, Neues zu erlernen und Erinnerungen zu schaffen, von denen wir später zehren können. Eine halbe Stunde Lachen oder Weinen mit den Eltern, den Kindern, dem Partner/der Partnerin oder den Nachbarn ist unendlich viel wertvoller, als eine halbe Stunde fremde Feeds und Tweets zu durchfilzen. Ich übe, das Schreiben in mein Leben zu integrieren, nicht umgekehrt.

Freiräume muss man sich nicht schaufeln, sie sind schon da. Wir füllen sie nur unsinnig.  

2 Thoughts

  1. Ein schönes Resümè am Ende. Ich könnte meinen Handykonsum auch mal noch deutlich nach unten schrauben. Mein Problem ist am meisten, dass ich gelangweilt auf Youtube abhänge, weil ich die Stille allein Zuhause nicht so ganz ertragen will. Da muss ich noch irgendwie Abhilfe schaffen…

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    1. Vielen Dank für den netten Kommentar, den ich leider erst jetzt entdecke – ich rechne kaum noch damit, dass jemand liest, was ich schreibe😲! Unter dem Stille-Problem litt ich auch sehr lange, aber es gibt anregendere, inspirierendere Inhalte, als bspw. TV, YT & Co.. Ein Hörbuch, ein Podcast oder selbst ausgewählte Musik als Untermalung, sie nehmen uns nichts weg – sie geben uns etwas. Zeit, an die ich mich erinnern kann, ist wertvoll für mich. Handyzeit stiehlt Zeit (wir reden sie uns nur wichtig). Liebe Grüße – du hast, habe ich auch erst jetzt gesehen, einen sehr ansprechenden Blog!

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