Mit Vorsatz provokant

Fast zwei Monate sind seit meinem letzten Beitrag vergangen. Inzwischen haben wir das alte Jahr in Würde zu Grabe getragen und die Geburt eines neuen begossen. Aus dem Neugeborenen ist ein zappeliger Säugling geworden, der uns täglich fordert. Die Weihnachtsdekoration ist verstaut, die letzten Plätzchen sind verdrückt und nur das eine oder andere Speckröllchen an unserem überverwöhnten Körper erinnert an die lustvollen Sünden des vergangenen Monats. Womit sich die meisten von uns gleich selbst ihren ersten guten Vorsatz für Twenty-twenty schufen. Alle Jahre wieder!

Es ist schon belustigend, wie wir uns in das sich ewig drehende Hamsterrad jagen lassen, und am deutlichsten spiegelt diesen Irrsinn der Blick auf die Hauptthemen sogenannter Frauenzeitschriften wieder. Mir ist unbegreiflich, warum sie sich nach wie vor so großer Beliebtheit erfreuen. Das illustrierte Jahr beginnt immer mit Abnehmtipps und trendigen Diätvorschlägen (für die tolle Bikinifigur im Sommer) und Fitness- und Sportanfeuerungen für den gestylten Body (so lange wir noch gute Vorsätze haben). Danach wird die Lust auf Urlaube geschürt, beginnend mit romantischen Kurztripps auf bunte (Oster-) Inseln und mit dem Thema Nummer zwei: Schmink- und Kostümvorschläge für die tollen Tage. So geht es munter und durchwirkt mit schmackhaften Rezepten und entlarvten Modetrends der Promiwelt weiter durchs Jahr, bis die leckersten Plätzchenrezepte und die originellsten Geschenkvorschläge für jedes Alter wieder an der Reihe sind. Neue, wechselnd plüschige oder puristische Fotos, denen man die komplizierte Inszenierung kaum ansieht, Rezepte, bei denen nur Vanille gegen Rum getauscht und die Glasur an die aktuellen Saisonfarben angepasst wurden und schon hat das Rad sich ein weiteres Jahr weiter gedreht! Und obwohl wir es besser wissen, trampeln wir eifrig mit. Nur nichts verpassen! Irgendwann habe ich aufgehört, diese Zeitschriften zu kaufen, erst recht als ich feststellte, dass ich für das gleiche Geld ein Taschenbuch bekomme, in dem nicht jede Seitenhälfte von einem Unternehmen für Produktplatzierungen gebucht wurde.

Internet und Social Media haben der Tradition dieser Trend-Abhängigkeit noch einen entscheidenden Beschleunigungskick gegeben. Die Sucht etwas zu verpassen, einen Anruf, etwas Wichtiges, einen Hype nicht mitzubekommen, ist übermächtig geworden. „Guten Tag, mein Name ist Heather und ich bin Smartphonikerin.“ Über die Hälfte junger Frauen geben an, Sie könnten nicht auf Social Media verzichten und/oder fürchten das Gefühl, online etwas zu verpassen (und natürlich gibt es dafür schon einen Begriff: FOMO = Fear Of Missing Out). Männer betrifft es inzwischen ebenfalls. Als ich neulich bei geöffnetem Fenster den Geräuschen der Stadt lauschte, glaubte ich, einen vom Tourette-Syndrom Betroffenen zu hören, der laut vor sich hin schimpfte – inzwischen weiß ich, dass es kaum mehr jemanden zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr zu geben scheint, der den kurzen Fußweg vom Supermarkt bis nach Hause ohne Handytelefonat schafft, bei dem die ganze Innenstadt mithören muss. Wenn man dann noch schnell gecheckt hat, dass die Welt noch so ist wie vor fünf Minuten, als man es das letzte Mal geprüft hat, müssen noch diverse „Wir haben uns so lieb“-Community-Likes abgeglichen, der Tagespost abgesetzt und ein paar Knuddel-Kommentare getippt werden, bevor man, rein zufällig, Oma Krippke beim Rollatorsurfen auf Glatteis filmt, um ihr nach dem Sturz zu erklären, dass man die flotte Rolle auf Video festgehalten hat und man deswegen erst jetzt dazu kommt nachzufragen, ob sie okay ist.

Einer meiner wenigen Vorsätze für dieses Jahr ist die Absicht, mich unabhängiger von medialen Inhalten dieser Art zu machen. Dienst nach Vorschrift, sozusagen. Meinen Instagram-Account – Twitter hatte ich schon nach einer Testwoche wegen unerträglichem Linkcontent abgeschossen und IG segelt allmählich auf ähnlichem Kurs – will ich noch weiter pflegen, jedoch weder zwanghaft, neurotisch oder manisch. Es scheint immer mehr Usern ähnlich zu gehen, denn ein schleichender Überdruss macht sich breit, die hausgemachte Reizüberflutung und Übersättigung! Beiträge werden rarer zu Gunsten von Stories (damit der Feed nicht versaut wird), die aber dafür prallvoll mit allen angebotenen Filtern und animierten GIFs, inklusive nervtötender Jingles nach Aufmerksamkeit schreien. Nee, da bin ich raus – Stories schaue ich deshalb nicht mehr! Beim großen Jahresendaufräumen habe ich bedauerlicherweise auch einige sympathische Selfpublisher deabonnieren müssen, weil mich die werbliche Überflutung für ihre Bücher schlicht genervt hat! Ich schrieb es schon einmal in einem früheren Beitrag: Eine ästhetische Autoren-Homepage mit Informationen zum erschienenen Buch, vielleicht sogar mit Trailern, einer interessanten Vita etc. und einem Social Media Post-/Tweetrhythmus, der in inhaltsabhängigen Abständen allgemein Interessantes zur Person liefert und dazwischen gerne auch mal eine Buchvorstellung mit Verlinkung zur Homepage zeigt – das ist spannender und auffälliger als eine tägliche Dauerwerbung. Neue Leser finden wir aller Wahrscheinlichkeit nach nicht im Pool der „Kollegen“ (ich lese dein Buch, du meins), sondern nur in der Zielgruppe, für die wir schreiben. Man stelle sich vor, J.K. Rowling hätte uns noch vor der Erstveröffentlichung täglich einen Textschnipsel aus dem neuesten Potter-Band offeriert oder Stephen King die Biografie von Pennywise. Undenkbar! Aber einige tun genau das. Genauso gehaltlos ist die tägliche Information der geschriebenen Wörter, die doch ausschließlich für den Schreibenden bedeutsam ist, sagt sie doch genauso wenig über die Qualität aus wie die Anzahl der Atemstöße oder der Herzfrequenz des/der Autors/Autorin. Vielleicht soll auch nur aufgetrumpft, anderen eine lange Nase gedreht werden: „Guckst du, isch schreib immer dreima mehr wie du!“ Dennoch ist es nur Caption, leider kein Content. 

Ich denke, es wird mir guttun, mich nicht mehr von unzähligen Abonnierten wuschig machen zu lassen, die sich gegenseitig an ihrem stetig steigenden Quantum mehr oder weniger sinniger Posts hochziehen, sondern einen überschaubaren, individuell angepassten Kreis aus der gigantischen, vielseitigen Community auszuwählen, dem ich mehr Aufmerksamkeit schenken kann. Das schafft Schreibressourcen und reduziert den Druck ungemein. Wir lassen uns zutexten und fremdbestimmen mit „Man-muss-Regeln“ und Marketing-Ratschlägen, statt einige davon für sich selbst mutig in Frage zu stellen. Wenn sie tatsächlich so wirkungsvoll wären, wären ja alle Anwender damit erfolgreich! Wir träumen von Entschleunigung – es liegt doch an uns! Manchmal auch: Willst du gelten, mach dich selten.

Außer, dass ich mich an meinem individuell angepassten Routineplan, der meine Schreibzeiten und andere Tätigkeiten umfasst, durch 2020 hangeln möchte, habe ich mir nicht mehr vorgenommen. Schließlich bietet ein Jahr nicht nur den Neujahrstag für Veränderungen an, sondern noch weitere 365 Tage. Und jeder einzelne kann für einen guten Vorsatz genutzt werden. Klappt ein Vorhaben nicht, muss man sich nicht der Frustration hingeben, sondern legt einen Neustart hin. Who cares?!

Besser als gute Vorsätze sind vorsätzliche, also bewusste, Verbesserungen. 

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