Das Fossil

Die Vergangenheit von morgen beweint mich mit zähen Honigtränen und reißt mich aus meiner reglosen Gegenwart. Der erste dickflüssige Tropfen fängt, der zweite lähmt mich. Goldgelbe, klebrige Hoffnung auf Unsterblichkeit umhüllt meinen Körper und meine Welt wird still. Für immer müde, für immer wach, für immer tot, für immer lebendig.

Das Verhärten meines Tränenpanzers spüre ich genauso wenig wie das Schmirgeln der Gezeiten, das meine Oberfläche rau und blind macht. Blickdichte Verborgenheit in beide Richtungen. Bald unterscheidet mich nichts mehr von den Kieseln neben mir, außer meinem Gewicht, denn sie wogen schwer in der Brandung, doch ich bin federleicht.

Äonen verrinnen und ich treibe in ihrer Strömung, bis ich plötzlich vom Zufall gefunden werde. Es wird hell und klar, als die Sonne in das uralte Gefängnis dringt, in dem mein junger Körper zu schweben scheint. Des Zufalls große Augen blicken hinein und entdecken staunend die Vergangenheit. Eine von unendlich vielen. Meine.

Der Zufall denkt an mich, überdenkt die Zeit an sich, wenn er im Herbst den Wald atmet, der sich alljährlich bernsteinfarben entblättert. Und während die Blätter wie Honigtränen regnen, fühlt er sich ein wenig wie ich. Was wohl von seiner Winzigkeit eines Tages bleibt? Ist die Ewigkeit etwa nur ein unsichtbarer Tropfen Harz, der seine Seele konserviert?

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