Spieglein, Spieglein

Spiegelungen. In der Natur liebe ich diese mystischen Doppelbilder – Realitäten, die sich entlang einer Ebene auf den Kopf stellen und die je nach Glätte der reflektierenden Oberfläche, meist Wasser, so klar sind, dass wir sie bei Fotos nicht von ihrem Abbild unterscheiden können. 

So dürfte es sich auch um Wasser gehandelt haben, das uns Menschen erstmals unser eigenes Abbild vor Augen führte. Wie uns vielleicht noch vage aus der griechischen Mythologie in Erinnerung ist, wies Narziss in seiner eitlen, stolzen Selbstliebe zu seinem Spiegelbild in einer Wasserquelle sämtliche Verehrer ab und ging an der Unerfüllbarkeit dieser Liebe zugrunde. Aus der Verhaltensforschung kennen wir den Spiegeltest, der ein Indikator für Intelligenz und Abstraktionsvermögen ist, eine Fähigkeit, die Kleinkinder in ihrer Entwicklung erst erlernen müssen. Die Spiegelbild-Informationen auf sich selbst zu übertragen und das „Ich“ darin zu erkennen, gelingt vielen Tieren nicht, weshalb sie den vermeintlichen Gegner im „Spiegelfechten“ bekämpfen. So steht in der Symbolik der Spiegel sowohl für die Eitelkeit und Wollust (aus diesem Grund in vielen Klöstern verboten) als auch für Selbsterkenntnis, Klugheit und Wahrheit.

Spiegel waren auch im Aberglauben fest verankert und boten Stoff für zahlreiche Geschichten. Bei einigen antiken Völkern war das Wort für Spiegel und Leben dasselbe und somit auch die Bedeutung. Spiegel zeigten angeblich das Abbild der Seele einer Person und somit liefen sie Gefahr sogar darin gefangen und festgehalten zu werden. Im Hause von Verstorbenen sollten alle Spiegel verhängt werden, um zu verhindern, dass sie sich dort ansiedeln und die Lebenden erschrecken könnten oder, so eine jüdische Sitte, um eine doppelte Ansicht des Toten zu unterbinden.

„Jemandem einen Spiegel vorhalten“ (erkenne dich, bzw. was du tust), das „Spiegelbild der Seele“, der „Spiegel der Erkenntnis“ (Wahrsagerei) oder der zerbrochene Spiegel, der für sieben Jahre Pech steht. Das ist nur ein Bruchteil aller Redewendungen, Volksweisheiten und Sprichwörter, die sich um den Spiegel ranken, so wie natürlich auch die allgemein bekannteste, dass Vampire kein Spiegelbild haben.

Auch in meinem Kinderbuch widmete ich der Spiegel-Symbolik ein eigenes Kapitel

Wie sieht es aber in unserem Alltag mit dem Blick in den Spiegel aus? Damit meine ich natürlich nicht den lebenswichtigen Blick in den Rückspiegel beim Autofahren. Wer mit sich im reinen ist, scheut vermutlich sein Abbild nicht und sieht vielleicht sogar öfter hinein als es notwendig wäre (es soll ja noch Schaufenster und hochglanzpolierte PKW geben). Wir suchen die Wir-sind-toll-Bestätigung oder das Haar in der Suppe oder besser, den kleinen Makel (wer ist schon makellos?), an dem wir festhalten, den wir dann zu einem Problem aufblasen und der uns die grundfalsche Information liefern muss, warum uns niemand mögen kann. Zuviel Eitelkeit macht unsympathisch und selbstherrlich, zu viel negative Eigenbeschau macht krank. Schönheitschirurgen leben ein fürstliches Leben von der, unter Seelenqual zusammengetragenen, Entlohnung  operierter Selbsthasser. 

Unsere Welt ist meschugge, wie ich es sehe. Die Einen predigen gefällige Selfcare- und Achtsamkeitsregeln mit der Betonung, wie unwichtig das Äußere doch ist, denn nur der Charakter zählt, während sie gleichzeitig unbeobachtet und wenig tolerant ablästern. Andere wiederum prollen und haten anonym, dass die Schwarte kracht – nicht selten genau die, über die reichlich gelästert wurde und deren Selbstwert am Boden liegt. Was wir wirklich sehen ist: Mehr Busen for Likes, mehr Selfies for Hearts! Das Schlimme ist, es funktioniert! Der optische Sinn ist unser ausgeprägtester, erst wenn er ausfällt, „blickt“ man tatsächlich tiefer. Das passt zu unserem Unterhaltungskonsum-Verhalten: Schnelle Bilder, Action, Bildersprache, aber bitte mit immer weniger Text – er wird kaum gelesen, noch, Tendenz zunehmend, verstanden. Diese Wahrheit müssen wir akzeptieren, wenn wir in den Spiegel blicken. In ihm entsteht zwar ein unverzerrtes, wahrheitsgetreues Abbild, aber leider „spiegelbildlich“ und keineswegs so, wie andere uns wirklich wahrnehmen.

Über die Zerrspiegel in Kuriositätenkabinetten können wir uns voller Selbstironie schlapp lachen, bemerken aber nicht, dass viele von uns längst der modernen Form dieser Trugbilder verfallen sind. Facebook, Instagram, Twitter und wie die Selbstdarsteller-Plattformen noch heißen mögen, sie sind unsere neuen Zerrspiegel, die aufgrund oft fehlender Authentizität nur Wunschbilder und Idealvorstellungen zeigen. Es heißt nicht mehr „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die/der Schönste im ganzen Land?“, sondern „Handy, Handy in der Hand, wer ist die/der Beliebteste im ganzen Land?“ Wir schauen auf die Display-Oberfläche und haben dabei die Fähigkeit, bis auf den Grund zu schauen, verloren. Wir werden im wahrsten Sinne des Wortes immer oberflächlicher und gefährlich abhängig vom Urteil dieses Spiegels. Zu viel Bestätigung führt schnell zu Selbstverliebtheit, Blasiertheit oder Egozentrik, zu wenig Aufmerksamkeit hingegen zu Selbstzweifel und Verlust des Selbstbewusstseins. Ja, natürlich hat es dieses Phänomen schon immer gegeben. Aber dieser Wahn wird durch Social Media enorm befeuert, wobei die Flammen, wie so oft, gerade den Jüngeren und/oder Schwächeren Schaden zufügen. Wie sehr, erkennt man am Selbstbetrug der „gekauften“ Likes, Follower, Rezensionen etc.! Das Smartphone hat heute fast jeder dauerhaft vor Augen, immer auf der Suche nach Short-Entertainment, aber eben leider auch auf der Suche nach sich selbst.

Ach, was waren das noch für entspannte Zeiten, als ein Spiegel im besten Sinne nur dazu diente, sich optimal herauszuputzen und das Ergebnis zu kontrollieren. Mehr kann man in ihm auch nicht entdecken und es sollte wichtigere Dinge geben, als die wenige Zeit, die uns geschenkt ist, mit der Suche nach unserem Bild, das wir bei Fremden von uns erzeugen, zu verplempern und uns selbst zu vergiften. 

Wir verdanken Narziss die schönen Blumen, aber ich hätte ihm lieber ein erfülltes (Liebes-) Leben gegönnt! Spieglein, Spieglein …

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