Die Kranich-Kurve

Jedes Jahr das gleiche Spektakel – die Kraniche ziehen vom Norden in ihre wärmeren, südlichen Winterquartiere. Ihre Route verläuft dabei stets diagonal über unser Häuschen (aus dem ich dann auch regelmäßig gerate), und fast immer geschieht das an einem milchtrüben Oktobernachmittag oder in den frühen Abendstunden. Man hört sie schon lange, bevor man die wabernde V-Formation erkennen kann, denn eine so lange Reise ist langweilig und so plappern sie sich lautstark motivierende Geschichten zu. Woher nur, staune ich, nehmen sie die Kraft und mit welcher bewundernswerten Präzision fliegen sie akkurat die Linie wie im Vorjahr! Und noch ehe ich den Fotoapparat aus der Tasche gefrickelt habe, sind sie schon fast zu weit fort. Sie fliegen mit bis zu achtzig Stundenkilometern schnell, las ich. Das ist schneller als ein Afrikanischer Strauß zu Fuß rennen kann und ich bin von Herzen froh, dass diese Riesenvögel nicht beabsichtigen, sich auf vergleichbare Land-Wanderungen zu begeben!

Mit der gleichen Regelmäßigkeit trifft der herbstliche Vogelzug auf unerklärliche Weise einen höchst sensiblen Nerv bei mir. Ich fühle mich seltsam zurück gelassen, irgendetwas von mir wäre gerne dabei. Rhein, Frankreich, weiter gen Südwesten … auch ich mag es lieber warm! Ich traue dem Instinkt der Tiere und bin sicher, dass der Termin des Vogelzugs auch das Ende des Spätherbstes mit seinen milden Tagen markiert. Ich neide ihnen ihre bedingungslose Gewissheit auf ein angenehmeres Klima am Ende ihrer Reise, ihr Streben nach einem Ziel, das sie mit äußerster Anstrengung und sicherem Instinkt verfolgen. Generation auf Generation. Gehen und zurückkehren. Wellen. Kurven. Atem des Lebens. Vielleicht sollte ich mir davon etwas annehmen?!

Nun gehöre ich einer vernunftbegabten Spezies an und weiß natürlich, die Zugvögel kehren in ihrem ureigenen Rhythmus wieder und ich weiß auch jetzt schon, wie fröhlich mich das stimmen wird. Doch im Moment entspricht mein Gemütsbarometer der Kranich-Kurve, die ich in aller Eile und Hektik in Pixel bannen konnte. Neulich fragte bei Instagram, ich glaube, es war ein Verlag, was für uns das Schönste am Winter sei. Für mich ganz klar: Dass er im März vorüber sein wird!

Ich bin ein Kind des Frühlings und des Sommers – da machste nix!

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