Wimmeln für den Umsatz

Vom 16. bis zum 20. Oktober findet die Frankfurter Buchmesse 2019 statt – neben der Leipziger Buchmesse großes und internationales Event für Verlage, Autoren, Buchhandel, Fachpublikum und natürlich auch für Leser. Auf jeden Fall aber ein Meet and greet und See and be seen, sofern man einander in dem Gewusel des Riesen-Ameisenstaats überhaupt noch findet. Wenn man mich das nächste Mal an dem Stand vorbei schiebt, schere ich rechtzeitig aus, war schon meine Devise vor rund 20 Jahren als ich das letzte Mal dort war, denn ich verabscheue hysterische Ausnahmezustände und habe Probleme mit diesen tsunamigleichen Reizfluten. Zugegeben ziemlich schlechte Voraussetzungen für jemanden, der einen Roman veröffentlichen möchte.

Neben diesem Blögchen, bin ich nur noch auf einer weiteren Plattform mit einem Account sozial aktiv – bei Instagram. Weniger ist für mich mehr. Doch die Buchmessenriesenwelle hat mich sogar hier gefunden, rauscht über meinen Feed hinweg und bis zum Ende der FBM wird das wohl so bleiben. Die hektischen Stories derer, die uns Daheimgebliebenen „mal über einen Messetag mitnehmen wollen“ und eine lange Nase drehen, verstopfen den Kanal und verleiten mich zum stumpfsinnigen Durchtippen der zahlreichen Spam-Takes. Nur geeignet für User mit dem Eichhörnchen-Aufmerksamkeits-Syndrom. Zuviel Doppeltes, Überflüssiges, zu wenig Content (und die seltenen tatsächlich vorhandenen gehen gnadenlos unter), viel zu viele Kaffeebecher und Snackansichten, zu viel Selbstbeweihräucherung, zu viele Selfies mit „der lieben @tüdeldei und @tüdeldum“ und/oder dem eigenen #-Buch. Nicht grundlos bezeichnen Journalisten die Buchmessen gerne als Jahrmärkte der Eitelkeiten. Da das Attribut auch auf Instagram zutrifft, ist das Zusammenspiel beider derzeit der absolute Overkill der Geltungstriebe, Koketterie und Gefallsucht!

Selbstverständlich poste auch ich eigenwerblich bei Instagram, bemühe mich dennoch um ein ausgewogenes inhaltliches Verhältnis, da das Netzwerk an sich schon reichlich unangeforderte Werbung und gesponserte Beiträge zeigt (was naturgemäß der eigentlichen Profitabsicht entspricht). Dass Verlage ihre Neuerscheinungen täglich in den Fokus bringen müssen, akzeptiere ich, wenngleich ich mir von einigen deutlich mehr Professionalität und Abwechslung für diese kommerziellen Auftritte wünschen würde. Mein povokantes Alter Ego (eigentlich sind es eher 2in1 und gleicht Waldorf&Statler aus der Muppet Show, Ihr wisst schon, die Nörgelopas auf der Tribüne) motzt immer öfter „nicht mehr folgen“, wenn für mich nur noch geringer Mehrwert erkennbar ist, denn meine Zeit ist mir persönlich kostbar und ich möchte in ihr wissenswerte Dinge erfahren, interessante, vielseitige Menschen und das wofür sie brennen kennenlernen. Die selbst aufgebuckelte Regel, sich jeden Tag erneut in Erinnerung zu bringen, ist purer hausgemachter Stress, den wir nur deshalb haben, weil es, auch mit banalsten Inhalten, alle tun. Denn wer von uns erlebt schon JEDEN Tag Highlights? Um in der Fülle wahrgenommen zu werden, glaubt man ständig winken und Hallo rufen zu müssen, wobei wir mehr an uns als an unsere Zielgruppe denken. Viele Medien predigen Minimalismus und wir schmücken uns gerne mit dem Trend – aber wo ist er in den sozialen Netzwerken zu finden? Oder wird Wasser gepredigt und tatsächlich Wein getrunken?

Zurück zur Frankfurt Book Fair: Ob Autoren-Signierstunden, Lesungen, Vorträge, Fototermine mit Presse oder Fans, Give-aways, Gewinnspiele, nach Aufmerksamkeitkeit schreiende Präsentationen, Cover und Aktionen, nur schillernde Illusion, Fassade, Äußerlichkeiten, das Buhlen um die Gunst schwindender Leserzahlen. Der Autor ist längst wichtiger als das Werk geworden. 7.503 Aussteller aus 109 Ländern, 285.024 Besucher (Quelle: Wikipedia), etwa die Hälfte davon Fachpublikum, waren es im Vorjahr, die durch die Gänge zwischen den Rummelbuden pilgerten. Hier geht es kaum noch um Buchinhalte, hier geht es knallhart um Verkauf und Marketing. 2018 sind 71.548 Erstauflagen erschienen, also echte Novitäten (Quelle: Börsenverein des Deutschen Buchhandels). Da muss ein Titel schon mit viel Getöse herausknallen, um einem frühen Schredder-Aus zu entgehen! Der Unterschied zwischen Bibliothek und Buchmesse liegt eben, neben dem extrem unterschiedlichen Geräuschpegel, im Wert. Verlagen und den Buchhandel ist es letztlich egal, aus welchen Gründen ihre Produkte Absatz finden (man versucht sich anzupassen), doch ob Bücher Zukunft haben, ist etwas anderes als ob Lesen eine Zukunft hat.

Wenn Lesen aber keine Zukunft mehr hat, für wen schreibe ich dann eigentlich? Ach ja richtig, für mich! Aus dem selben Grund bitte ich jetzt auch nicht um einen Kommentar, denn wer hat schon bis hierher gelesen?! 😩

Dieser Pessi ist auf meinem Mist gewachsen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s