Bunte Welt – Vielfalt leben

Die Welt ist bunt! So lautet mein simples Credo, wann immer mir Schubladendenken oder sogar beleidigende, diskriminierende Grundeinstellungen begegnen. Diversität, im Gegensatz zu Diskriminierung, ist der soziologische Begriff für Vielfalt bzgl. der Kultur (Ethnie), des Alters, des Geschlechts, der sexuellen Ausrichtung, einer Behinderung, der Weltanschauung und etlichen anderen Bereichen, die geeignet sind, Unterschiede in der sozialen Anerkennung zu machen.

Ich tue mich mit diesem wichtigen Thema deshalb so schwer, weil ich den Eindruck habe, dass wir uns damit auf einen sprachlichen Eiertanz-Weg begeben haben, aus lauter Angst, eine unbedachte, ungewollte Formulierung zu wählen, die „politisch nicht korrekt“ ist. Natürlich sollte man sich seiner Äußerungen jeder Zeit bewusst sein, aber das elementarere Problem sehe ich eher in der unsichtbaren Geisteshaltung, die dahinter steht. Akzeptanz, Toleranz, Empathie, Sympathie, Verständnis und die Einsicht, dass wir alle unterschiedlich sind und sein dürfen und dennoch der selben Spezies angehören, das müssen wir aktiv lernen und weitergeben. Wenn einige Mitmenschen sinnlos Kraft verschwenden, um Unterschiede zu suchen und passende Schubladen dafür zu kreieren, ist das schlicht dumm; die gleiche Intensität für die Suche nach Gemeinsamkeiten zu verwenden, hingegen fruchtbar. Wäre jeder Mensch ein Puzzle mit 1000 Teilen, suchten sie nach dem einzigen Teil, das auffällt, statt den 999 angemessene Beachtung zu schenken! Ich glaube aber auch, dass in der humanoiden Art der Wahrnehmung das Filtern nach Unterscheidungsmerkmalen, egal in welchem Bereich, verankert ist. Beim Einkauf ist das durchaus recht nützlich, wir erkennen sofort eine faulige Erdbeere oder aber auch das „Glas mit jetzt 10% mehr Inhalt“ – es geht also offensichtlich um die Wertung dessen, was wir wahrnehmen. Ist sie bei Dingen unter Umständen nützlich, ist jedoch unter uns Menschen ein absolutes No-go! Wir haben im finsteren Mittelalter nicht Menschen mit roten Haaren auf den Scheiterhaufen gebracht, sondern angebliche Hexen. Die Geschichte ist voll von Dramen und unglaublichem Schrecken, der nicht aus dem Erkennen eines Merkmals sondern aus seiner Wertung heraus geboren wurde.

Ich verabscheue in diesem Zusammenhang auch das Wort „Randgruppe“. Ist den Verwendern mal aufgefallen, dass eigentlich WIR ALLE uns in die eine oder die andere Gruppe einsortieren ließen? Vielleicht sogar in mehrere? Selbst die, die nicht in die ganz oben genannten Unterscheidungskategorien fallen, könnten Abhängigkeitsprobleme haben, gerade trauern, heimlich ihre Kinder schlagen, geschieden sein, Vollwaisen sein, kriminelle Angehörige haben, mobben, traumatisiert sein, inkontinent oder farbenblind sein, lieber Himbeeren statt Erdbeeren mögen, lieber zu Fuß gehen als zu radeln, Piercings und Tattoos lieben, ein niedrigeres Bildungsniveau haben, hochbegabt sein, Steuerzahler sein, Aussteiger sein oder, oder, oder … . Unsere Gesellschaft ist in seiner Gesamtheit nichts anderes als ein Konglomerat aller Randgruppen. Oft ist nur Unwissenheit, Angst und Unsicherheit die Ursache für Schubladendenker der unterschiedlichen Gruppen. Sie verstehen etwas nicht und machen es deshalb runter. Indem sie andere klein machen, sie erniedrigen, empfinden sie sich selber größer. Auch eine Randgruppe, also! Mobber und Diskriminierer sind nur so stark, wie die sie umgebene Gemeinschaft schwach oder sogar feige ist, weil sie sie ungestört gewähren lassen. Aufklärung und Zivilcourage sind sicher kein Allheilmittel, aber doch wirksame Strategien und man muss bestimmt nicht sein Leben riskieren, wenn man mit dem Mut zur eigenen Meinung einschreitet oder eingreift. Je mehr das tun würden, desto stärker und effizienter würde diese Gegenkraft wirken, und die Angst selber ins Fadenkreuz von Klischeedenkern oder vorurteilsstrotzenden Hatern zu geraten, würde schwinden. Mitläufer, Wegseher und Nichthinhörer waren und sind ebenso tragende Säulen in traurigen Geschichtskapiteln wie die Täter selbst.

Für unser Leben reicht es aus, wenn wir uns mit Menschen umgeben, denen wir uns auf die eine oder andere Weise verbunden fühlen. Familie, Freunde, gute Bekannte. Gibt es nicht sogar ein Sprichwort „Fremde sind Freunde, die man nur noch nicht kennen gelernt hat“? Begegne ich Menschen, die mir aus irgendeinem Grund Angst machen oder die ich nicht verstehe, ist es Zeit, etwas über dieses Gefühl in mir zu erfahren und über das, was mich befremdet. Vorurteile reichen oft in einer Familie weit zurück und werden an die nächste Generation wie ein Staffelstab weitergereicht. Niemand muss mit der ganzen Welt befreundet sein, auch wenn uns die sozialen Netzwerke das gerne erzählen wollen! Aber leben und leben! Erst die winzigen Unterschiede machen die Welt so bunt und aufregend und uns neugierig auf sie. Viele behaupten, sie reisten gerne, um andere Kulturen kennen zu lernen – wohnt die andere Kultur im selben Haus, mauern sie.

Ich persönlich will keine schwarz-weiße Welt, in der ich ständig aufpassen muss, was und wie ich etwas sage. Wenn ich erzähle, mich hätte eine Frau mit dunkler Hautfarbe angesprochen, bin ich ebenso wenig Rassistin als wenn ich erzähle, ein weißhaariger Mann mit skandinavischen Akzent hätte mich nach dem Weg gefragt. Ich will offen sein, nicht verklemmt und gehemmt. Diese oft so überzogene Empfindlichkeit geht auf das Konto der Schubladendenker – ups, und da trete ich doch selber wieder rein! Lese ich bspw. AGG-konforme, geschlechtsneutrale Stellenanzeigen, erkenne ich die umständliche Suche nach sprachlicher Korrektheit, die in meinen Augen seltsame Blüten treibt: „Elektriker/in (m/w/d) gesucht“. Irgendwann wird die Anzeige Hinweise darauf enthalten müssen, dass auch Depressive, Katholiken oder Übergewichtige sich bewerben dürfen. Es muss reichen, wenn ein „Elektriker“ gesucht wird und einfach JEDER sich bewerben kann, weil es ausschließlich auf die berufliche Qualifikation ankommt. In der Nacht sieht man den Mond, tags die Sonne – nicht „den/die Mond/in (m/w/d)“ oder die/den Sonne/r (w/m/d)“. Besser noch, wir schaffen die bestimmten und unbestimmten Artikel radikal ab.

Alle schreibend oder zeichnend Kreativen können ihren Beitrag am besten dadurch leisten, dass sie für Diversity sorgen, denn lesen bildet, sagt man. Ein schwuler Protagonist ist genauso normal wie ein Hetero. Ein Held mit Tic ebenso liebenswert wie ein übergewichtiger. Erwähnen ja, aber nicht werten! Wenn ich einen Roman plotte, denke ich mir Buchrealitäten aus, in denen fiktive Charaktere agieren, leben, handeln, sprechen und denken. Sie können sowohl ein Spiegel meiner eigenen Realität sein, sowie gänzlich frei erfunden. Es können Erdlinge sein, aber auch Außerirdische. Oder Trolle, Hexen, Magier, Kobolde und andere Sagen- oder Spukgestalten. Ich weiß, dass Klischeedenker natürlich auch Gefallen an High-Fantasy haben, aber ich staune darüber, dass sie dreiäugige Monsterkraken akzeptieren können, aber nicht die syrische Flüchtlingsfamilie in der Wohnung über ihnen oder die adipöse Frau, die mit ihrer Gehhilfe vor ihnen beim Bäcker steht. Man sollte ihnen vielleicht raten, in einem schwedischen Möbelhaus nach einem manns-(ja, ja, und frau-)hohen Spiegel Kolladetta Ausschau zu halten. Das heißt in etwa: Guck mal.

Die Welt ist tatsächlich bunt!

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