Schreiben für eine Nichtleser-Zukunft?

Lesen. Wieviel Lust und Vergnügen verbirgt sich doch hinter diesem Wort! Wieviele Geschichten, wieviel Wissen, wieviel Kommunikation, wieviel Leben und wieviele Chancen! Für einen immer schneller wachsenden Prozentsatz unserer Bevölkerung ist Lesen jedoch gleichbedeutend mit Unlust, Minderwertigkeitsgefühl, Versagensangst und deutlicher Minderung ihrer Lebensqualität durch drohenden funktionalen oder sekundären Analphabetismus oder, bei Jugendlichen, mangelhafte Ausbildungsfähigkeit, trotz normaler oder sogar überdurchschnittlicher Intelligenz.

Es ist nicht nur eine mögliche Legasthenie, eine anerkannte und austestbare Lese-Rechtschreib-Schwäche, die einigen Grundschülern den Unterricht zur Qual werden lässt und ihnen Lernerfolge nur mit Mühe und therapeutischem Aufwand ermöglicht. Immer häufiger attestieren Pädagogen unserem Nachwuchs mangelnde Lesekompetenz, das ist die Fähigkeit, den zwar richtig gelesenen Text dem Sinn nach zu erfassen und mit dem Inhalt zu „arbeiten“. Hierbei handelt es sich nicht um eine Lernstörung, sondern eher um ein Defizit, dem gut vor zu beugen wäre, könnte man werdenden Eltern und Erziehern den großen Wert von Büchern und die immense Wichtigkeit des geschriebenen Wortes für die kindliche Entwicklung noch drastischer, noch plastischer vor Augen führen!

Viele Eltern sind der irrigen Annahme erlegen, dass ein frühstmögliches Angebot digitaler Medien ihre Kids schlauer macht. Ich fürchte allerdings, es handelt sich eher um den Verschleierungsversuch des eigenen Überkonsums. Heute schuften beide Elternteile (sofern vorhanden), um ihre Kinder mit der aktuellsten Unterhaltungselektronik zu überschütten – soll es ihnen schließlich an nichts fehlen. Alle haben doch jetzt dies, das oder jenes! Gruppenzwang. Woran es tatsächlich mangelt, ist Zeit. Zeit und Information. Und das in DEM Informationszeitalter! Weil wir so hart arbeiten, sind wir in unserer Freizeit entweder ausgleichend hyperaktiv oder couchbequem. Wir gehen auf dem Zahnfleisch, wir brauchen die wenige freie Zeit für uns selbst. Das schlechte Gewissen, wenn die Kinder ihr Zeitrecht erfolglos einfordern und wir sie mit Zeichentrickfilmen und Smartphone trösten, meldet sich immer seltener und leiser. Wir reden uns sogar ein, damit etwas Sinnvolles zu tun. Aber ein Zweijähriger braucht definitiv kein Tablet, um Mama mal ein wenig Ruhe mit ihrem Handy zu gönnen – es wird ihn nicht die Bohne intelligenter machen, wenn er schon das „perfekte Wischen“ beherrscht. Computernerd oder Informatiker kann man tatsächlich auch dann werden, wenn der PC-Erstkontakt erst in der Schule stattfindet. Dass Mama oder Papa Tag und Nacht im elektronischen Erreichbarkeitsmodus leben, hat schon einen dauerhaften Prägestempel hinterlassen.

Die Lust am Lesen mit all seinen wichtigen Konsequenzen für die spätere Lesekompetenz der Kinder, beginnt spätestens in den ersten Lebensmonaten. Besser noch früher, denn die Eltern sollten ebenfalls gerne zu Büchern greifen, weil nichts motivierender ist als ein Vorbild! Ein Kind gern lesender Eltern wird sich eher zu einem Kinderbuch verführen lassen als ein Vergleichskind von Dauer-TV-Konsumenten (es sei denn, das Kind heißt Matilda Wurmwald*). Schon Kleinkinder lieben es, der Stimme ihrer Eltern zu folgen, wenn sie einfache Dinge erklären oder Geschichten, vielleicht anhand simpler Bilder- und Fühlbücher oder im einfachen Rollenspiel mit den Kuscheltieren, erzählen. Es entsteht eine Wechselbeziehung, von der beide Seiten profitieren. Wenn das klassische Vorlesealter erreicht ist, ist die Freude auf die „Zusammenzeit“ schon so gut gediehen, dass man gemeinsam geeignete Bücher auswählen kann (man muss nicht alle neu kaufen, bei Flohmärkten, in Secondhand-Läden oder öffentlichen Büchereien wird man immer etwas finden), und auch die Ausdauer und Konzentration hat sich bei den Kindern deutlich erhöht. Mit Kindern in entspannter Atmosphäre und ohne Hektik im Gespräch bleiben, sich über das Gelesene austauschen – das ist die Basis der Lesekompetenz. Mit Schuleintritt und dem Erlernen des selbstständigen Lesens ist die Vorlesezeit noch lange nicht vorüber. Im Idealfall haben sich inzwischen Rituale entwickelt, wie beispielsweise die gute alte Gute-Nacht-Geschichte, aber bitte keinesfalls das Bunte-Nacht-Tablet oder der Gute-Alptraum-TV.

Wenn Schrift- und Printmedien genauso selbstverständlich zum Haushalt gehören und genutzt werden wie Geschirr, Möbel und andere Unterhaltungsangebote und „geistige Nahrung“ für ebenso wichtig angesehen wird wie körperliche Frühförderung oder gesunde kindliche Ernährung, steht einem sinnvollen Umgang mit Buchinhalten kaum noch etwas im Weg. Gelegentlich sollten Eltern dennoch ein Auge auf die Botschaften und Inhalte der Kinder- und Jugendbücher haben, denn leider ist nicht jedes deklarierte Kinderbuch per se gewaltfrei oder altersgerecht. Die Entdeckung, dass die Fantasie, die ausschließlich beim Lesen gefordert wird, absolut einzigartig und mit keiner elektronisch erzeugten vergleichbar ist, machen Kinder ohne pädagogisch erhobenen Zeigefinger oder Strafandrohung, auf diese Weise vollkommen selbsttätig. Sie ist die eigentliche Belohnung, die das Lesen letztlich zur freudigen Erwartung und Lust werden lässt. Ohnehin stets neugierige Kinder erkennen später fast von alleine, dass sich so auch Wissen aneignen lässt und der Wortschatz sich mit jeder gelesenen Zeile erweitert.

Warum verfasse ich diesen Beitrag für meinen Blog über das Schreiben? Aus dem gleichen Grund, weshalb es einem Koch nicht reichen darf, nur Kenntnisse über die Zutaten und die Art der Zubereitung seiner eigenen Gerichte zu erlangen. Er muss vom Vorgang des Essens und Genießens Verständnis erlangen, Vorlieben und Abneigungen seiner Kunden kennen und er muss sich über die Produkte seiner Mitbewerber informieren, um seine zahlenden Gäste mit den Vorzügen seiner Kochergebnisse zu überzeugen. Auch gute Ernährung beginnt am Anfang – beim Kind.

Egal für welche Zielgruppe wir schreiben, ob für Kinder und Jugendliche oder für ein erwachsenes Publikum (das der Eltern und Großeltern), wir schreiben immer in einen Entwicklungskreislauf hinein. Können wir den Funken Lesefreude bei Erwachsenen wecken, geben sie das Feuer an ihre Kinder weiter, die wiederum gute Bücher brauchen, um in eine chancenreiche, erfüllte Zukunft zu schauen. Wenn wir keine Funken mehr schlagen können, wird es keine Leser und keine Bücher mehr geben. Und das wäre eine Story ohne Happy End!

Was ist ein Buch? Die Chance auf ein erfülltes Lesen Leben!

*Matilda ist ein Kinderroman von Roald Dahl aus dem Jahr 1988. Es wurde 1996 unter der Regie von von Danny deVito verfilmt.

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