Geständnis und Trigger-Warnung

Ich habe es wirklich getan! Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich bewusst getötet. Eine grauenvolle Tat, begangen an einem Mann in der Blüte seines Lebens. Ein Mensch mit Familie, voller Zukunftspläne und wissenschaftlicher Neugier. Wann ich die arme Seele umbrachte? Nun, das war vor etwa 130 Jahren. Auf einer Seereise mit Kurs auf Borneo irgendwo auf dem Pazifik. Und ich musste es tun, weil sonst meinem aktuellen Schreibprojekt buchstäblich das Wasser abgegraben worden wäre. – Puh, also habe ich es mir NUR ausgedacht!

Wie werte ich als Erzählerin eine solche Gedankentat? Ruht in uns allen die Fähigkeit zu töten – zumindest „im Geheimen“, wie es die kleine Lotta aus Astrid Lindgrens Krachmacherstraße nennen würde? Wie oft sagen wir ohne nachzudenken „So ein A****, ich könnt´ den umbringen!“, wenn wir uns über jemanden so richtig ärgern? Bei meinem Faible für Thriller und Krimis bin ich schon mit etlichen Morden und Toten konfrontiert worden und wenngleich ich die richtig blutigen, „saftigen“ Beschreibungen ablehne, so bin ich vielleicht doch ein wenig abgebrühter geworden. Dennoch hätte ich nie erwartet, dass es mir tatsächlich Probleme bereitet, mir eine solche Szene vorzustellen, um sie detailliert zu (be)schreiben.

Gerne hätte ich an dieser Stelle ein Feedback von Autoren, denen täglich Brot es ist, zu morden. (Dann seid ihr eigentlich Auftragsmörder 🤭?) Wundert man sich über sich selbst und seine Fantasien? Oder gelingt eine professionelle Abspaltung, so wie auch Gamer oft Ballerspiele spielen, ohne entstehende Gelüste, es in der Realität auszuprobieren? Schreibt mir doch mal was in der Kommentarfunktion – bitte!

Mal sehen, was für Scheußlichkeiten mein Plot noch für mich bereit hält. Reizt mich nicht, ich bin offensichtlich zu allem fähig!

Und schwupps, da lauert schon die nächste Hürde! Die Trigger-Warnung. Das Pro und Contra wird derzeit heiß diskutiert, wobei ich zwar die Begründung dafür nachvollziehen kann und ich diese Warnungen z.B. auf Selbsthilfeforen durchaus sinnvoll finde, aber nicht generalisiert für sämtliche, öffentliche Inhalte, hier speziell für Romane! Ich glaube an eine gute Selbsteinschätzung der von tatsächlich traumatisierenden Ereignissen betroffenen Menschen. Sie haben ein sicheres Gespür dafür, wo sie eventuell auf verstörende Schlüsselreize treffen könnten. Allein die Überlegung, wieviele mögliche Auslöser es geben könnte, angesichts der Vielfalt psychischer Beeinträchtigungen, führt die Diskussion auf ein viel zu weites Terrain. Es liefe letztlich darauf hinaus, dass nahezu jedes Buch, fast jeder Film, jede Reportage oder auch Interview mit ernsterem Inhalt gekennzeichnet sein müsste – macht das Sinn? Vergewaltigungsopfer oder Kriegstraumatisierte und andere Betroffene haben (wie wir alle) einen natürlichen Instinkt, der sie vor vergleichbaren oder erinnernden Situationen schützen hilft, mehr als ein Logo oder ein Hinweis überhaupt könnte. Es dürfte in Romanen ohne Vorwarnung weder Alkoholismus oder Drogensucht thematisiert werden, noch Pornografie, Missbrauch, Krankheiten, Suizidgedanken, Gewalt und jede Form der physischen oder psychischen Erkrankung. Selbst meinem Beitrag hier hätte ich eine Warnung voran stellen müssen.

Wer soll das Limit definieren? Darf ich dieses Bild ohne Warnung zeigen, wohl wissend, dass es bei Menschen mit Ornithophobie Panikattacken auslösen könnte? Ich leide selbst an diversen Phobien, weiß aber, dass ich mich ihnen sogar stellen muss. Also wären Warnungen doch nur bei einem gewissen Schweregrad einer eventuell auszulösenden Reaktion angebracht?! Wer oder was ist Entscheidungskriterium? Die psychischen Attitüden, mit denen sich heute manche Leute im Zuge der Selfcare-Welle gerne schmücken, um erhöhte Aufmerksamkeit und Mitgefühl auszulösen, nehme ich ohnehin mal aus. Empathie, Rücksicht und Toleranz sollte schließlich JEDEM Menschen entgegen gebracht werden, unabhängig davon, ob er sich öffentlich etikettiert hat oder genau das nicht möchte. Wie sollte denn eine solche Warnung überhaupt aussehen? Über Vorschläge oder Korrekturen meiner gedanklichen Verwirrung wäre ich dankbar!

Als junge Erwachsene hatte ich Anfang der 1970er Jahre mit einer Jugendgruppe zweimal die wundervolle Gelegenheit, in einem Kibbuz im Norden Israels zu arbeiten. Ein äußerst intensives Erlebnis, das mich dauerhaft geprägt hat. Unsere Gruppen war zur Birnensaison angereist und zum Pflücken eingeteilt. Wir lebten und arbeiteten Seite an Seite mit Holocaust-Überlebenden und deren Familien und wir konnten uns trotz intensiver Vorbereitung auf diese Reisen kaum wirklich eine Vorstellung davon machen, welche immense Überwindung es die Kibbuznikim gekostet haben musste, mit uns Deutschen zusammen zu sein. Ein Mitglied unserer Pflückergruppe wurde nach wenigen Tagen gebeten die Kolonne zu wechseln, da er rein äußerlich unseren jüdischen Vorarbeiter zu stark an einen bestimmten Nazi und die Shoah erinnerte, die seine gesamte Familie vernichtet hatte. Es tat ihm menschlich einerseits um den Jungen leid, doch sein Körper hatte seine eigene Sprache und er wollte eigenem, möglicherweise ungerechtem Verhalten vorbeugen.

Warum erzähle ich das? Das liegt eigentlich auf der Hand. Das äußere Erscheinungsbild eines eigentlich harmlosen Mitmenschen oder aber auch eines Gegenstandes reicht bei schwer Traumatisierten als Schlüsselreiz aus, um Flashbacks oder Panikattacken auszulösen. Es ist nahezu unmöglich dem vorzubeugen! Ein Coveraufkleber mit dem inzwischen abgenutzten Trendwort Trigger oder ein textlicher Hinweis beruhigt vielleicht das Gutmenschgewissen, bedeutet aber sicher keinen echten Schutz für Betroffene. Wie gut (oder schlecht) das funktioniert sieht man vergleichsweise an der freiwilligen Alterskontrolle der Filmindustrie FSK. Eine Jugendschutz-Übertragung auf Printmedien gibt es bis heute nicht – etwas, das ich fast für wichtiger hielte, angesichts zunehmend gewaltgeprägter Buchinhalte für Kinder. Aber das ist ein anderes Thema für einen anderen Beitrag!

Schreiben ist heute schon ein Lauf über Blitzeis geworden. Überall politisch korrekt sein zu wollen, niemanden versehentlich auszuschließen, zu benachteiligen oder zu diskriminieren, führt zu seltsamen Stilblüten in einer einerseits verrohenden Handlungswelt, die sich andererseits sprachlich hypersensibel gibt. Machen wir es uns doch nicht noch schwerer!

Nur weniger Fettnäpfchen reduzieren das Risiko, in eines hinein zu treten!

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