Es war einmal … die Gier

Zum Weltkindertag, am 20. September, verschenkte die gemeinsame Initiative von Amazon, Stiftung Lesen, DHL, Thalia, Mayersche und Hugendubel insgesamt eine Million Märchenbücher (gedruckt, eBook und Hörbuch) deutschlandweit. Gefördert werden sollte durch die Aktion „Lesen ist ein Geschenk“ die Lese-, bzw. Vorlesefreude der Kinder, ganz besonders der Kinder benachteiligter Gruppen unserer Gesellschaft. So weit, so gut gemeint! Eigentlich doch ein Anlass zur Freude und Dankbarkeit, sollte man glauben.

Genforscher haben ihn schon längst entdeckt – den schlummernden Code für den menschlichen Zahn, den noch kein Zahnarzt zu Gesicht bekam. Er wächst zu plötzlich, dann aber rasend schnell, um kurz nach Erledigung seiner Aufgabe wieder unsichtbar zu werden. Die Rede ist vom Gemeinen Raffzahn. Bei entsprechenden Anlässen bricht er sogar kollektiv hervor und lässt unsere, ohnehin schon auf einem unguten Egotrip befindliche, Gesellschaft im dunkelsten Licht erscheinen. So wie an diesem besagten Aktionstag! Die Printausgaben des Märchenbuches Es war einmal – Neue und klassische Märchen waren schneller vergriffen als die meisten Interessenten in die Buchhandlungen kommen oder ihre Mäuse klicken lassen konnten. Allein darüber wundert sich sicher noch niemand, denn wenn irgendwo jemand „gratis“ ruft, findet ihn unsere Schwarm-Intelligenz und hält im Laufen schon die Hände und Tüten auf. Auf die eBooks und Hörbücher gab es keinen Run (um den Lese- oder Hörgenuss ging es offensichtlich nicht), sie sind noch immer verfügbar. Schneller jedoch als ein normal Sterblicher lesen oder gar vorlesen konnte, landeten die ersten Exemplare noch am Abholtag auf Internet-Verkaufsplattformen. Diese Exemplare wurden also – Achtung Spiegel – nur zu diesem Zweck abgegriffen und, ich sag´s mal wie es wirklich ist, den Kindern weggenommen! (Dass es nebenbei ziemlich blöd ist, diese Wucherpreise auch zu bezahlen, werden Käufer vermutlich erst viel später merken. Dieser Markt reguliert sich selbst.)

Der nächste Schritt ist so vorhersehbar wie menschlich. Es hagelte Unmut und Kritik. Auch wenn ich mir jetzt Feinde mache, setzte auch der übliche Shitstorm gegen den großen A*****-Online-Markt ein, der zuweilen schon an Verfolgungswahn einiger Verschwörungstheoretiker grenzt. Was immer Böses auf der Welt geschieht (leider viel zu viel), A***** hatte sicher seine Finger im Spiel. Ich möchte hier weder Partei für die eine oder andere Seite ergreifen oder argumentative Haarspalterei betreiben – mir ist nur an einem kurzen Gedankenabriss von dem gelegen, was mich an dieser Aktion bewegt hat. Die Kunden, die ein Exemplar ergattert hatten, waren glücklich und hoffentlich dankbar, die anderen naturgemäß stinkig und auf Krawall gebürstet. Neben mangelnder Lesekompetenz oder motorischer Schwächen, können viele Menschen auch nicht verlieren. (Das kann man übrigens, möglichst schon im Kindesalter, auch erlernen!)

Ich erwähnte es schon unter https://heathermkaufman.com/persoenliches/ , dass ich selber einige Jahre lang einen kleinen Inhaberbuchladen betrieb, spezialisiert auf Kinderbücher und auf Sach- und Fachbücher für Eltern, Lehrer und Therapeuten im Themenbereich LRS, Dyskalkulie und diverser anderer Lernstörungen und Auffälligkeiten bei Kindern. Ich weiß, wie schwer es ist, Kinder zum Lesen zu bewegen und das ist heute noch schwerer als in der Zeit, in der ich in diesem Bereich aktiv war. Der Weg führt meiner Meinung nach nur über die Eltern, Erzieher und Lehrer. Eltern müssen vorlesen wollen und können, müssen idealerweise selber viel lesen (ein gutes Vorbild ist hundertmal besser als ein Buchgeschenk) und ihre Kids darin tagtäglich bestärken und fördern, elektronische Kurzweil-Medien oder verdummendes TV-Fastfood zu Gunsten eines Buches zurück zu stellen. Aber wie war das doch gleich mit dem Kamel und dem Nadelöhr?

An der Zielgruppe, die man erreichen wollte, so sehe ich es, ist diese Märchenbuch-Aktion, mit Vollgas vorbei gerauscht! Man hat weder tatsächlich die Kinder erreicht, erst recht nicht die, die den höchsten Förderbedarf haben und, jetzt will ich ehrlich sein, der Buchinhalt ist sicher u.a. wegen der Honorarfreiheit ausgewählt worden, aber leider am „Nerv“ und Zeitgeist der Kinder vorbei. Auch empfinde ich die Illustrationen eher für ein erwachsenes Publikum geeignet und sprechen vermutlich unsere Kleinen wenig an. Wir Erwachsenen lieben die alten Märchen, wir verbinden auch eine gänzlich andere Erlebniswelt und kulturelle Epoche mit ihnen, und zu glauben, Rapunzel in der Grimm´schen Textfassung hätte heute noch die gleiche fesselnde Kraft, ist weltfremd. Märcheninhalte kennen die meisten Kids aus Disney-Adaptionen. Wenn Kinder zuhören, dann weil sie es generell gerne mögen, dass Eltern oder Erzieher ihnen Zeit widmen und Geschichten erzählen. Aber ich bekomme einfach kein Bild in meine Vorstellung von 2019-Grundschülern, die es sich zuhause mit einem alten Märchenbuch kuschlig machen. Vielleicht fehlt mir ja die Fantasie?

Natürlich weiß auch ich nicht, wie dieses Problem besser anzugehen wäre und finde ein geschenktes Buch generell immer eine gute Idee. Nur haben hier Kind und Buch irgendwie nicht zueinander finden können. Der Vertriebsweg glich dem einer riesigen Gießkanne! Warum suchte ihn man nicht den gezielten Zugang über Kitas, Schulen, Kinderarztpraxen, Kinderpsychologen, Sozialämter, Aphabetisierungsklassen etc. ? Die an der Aktion beteiligte Stiftung Lesen engagiert sich für eine wirklich bedeutungsvolle Aufgabe und finanziert sich u.a. auch über Spendengelder. Gerade deshalb hätte ich mir eine sensiblere Vorüberlegung gewünscht, ob eine so umgesetzte, sehr teuere Aktion einen erhofften Beitrag leistet.

Um mir hier eine Meinung bilden zu dürfen, habe ich die eBook-Version kostenlos erhalten und bedanke mich herzlich dafür. Eine gelungene Marketingaktion war es allemal!

„Honi soit qui mal y pense“!

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