Sinn-voll schreiben

Der Sommer hat sich leise und grußlos durch die Hintertür aus dem Jahreszimmer geschlichen, um dem Herbst den ihm gebührenden Auftritt zu gönnen. Ich bin ein wenig traurig darüber, denn ich bin ein Kind des Frühlings und des Sommers. Die noch junge Jahreszeit kommandiert mich rücksichtslos vom Schreibtisch und meinem Romanprojekt ab, denn bevor die richtig kalten und nassen Tage kommen, muss ich mein Gärtchen winterfest machen. Pflichtprogramm. Alltag. Ich füge mich widerwillig und murrend und finde Trost, indem ich mir vorgaukle, einige Fakten meines aktuellen Plots im Kopf vorklären zu können, während ich eine rein körperliche Tätigkeiten ausübe. Drei Tage verbringe ich knöchel- und ellenbogentief in der schweren Erde und gestalte unter anderem ein komplettes Beet um. Durch den vorjährigenTrockenstress ist ein zehn Jahre altes Kugelahörnchen eingegangen und musste mit Stumpf und Stiel ausgebuddelt, verschiedene Stauden um- oder neugepflanzt werden. Als mein Ziel endlich erreicht war, war ich erleichtert und zufrieden, stellte aber erst jetzt fest, dass ich gedanklich die ganze Zeit über nur mit der Gartengestaltung beschäftigt war. Mein Gehirn ist an meine Hände gebunden, meine Hände an mein Gehirn, wenn ich etwas „richtig“ mache. Bewusst mache. Körper und Geist sind eins – na, klar, das weiß man doch!

Verloren ist die Zeit, die man ungeliebten, unbequemen Tätigkeiten widmet nie – jedenfalls nicht für Schreibende – das habe ich gelernt! Mit dem Plot bin ich zwar nicht weitergekommen, aber ich fühle, wie zäh lehmige Erde ist, sehe, dass ihre Farbe von ockergelb bis rötlich-braun changiert, dass nasser humoser Boden fast schwarz ist, weiß wie feuchte Erde riecht, wieviele Regenwürmer sich auf nur einem Quadratmeter ringeln, wie unterschiedlich Regentropfen auf Blättern aussehen, wie sich ein Atemstillstand anfühlt, wenn sich gerade eine riesige Gartenspinne aus meinen Haaren hangelt (Arachnophobikerin!) … All diese bewussten und „be-griffenen“ Erlebnisse werde ich vielleicht eines Tages benötigen. Vielleicht leidet mein Protagonist auch an einer Phobie? Womöglich muss er etwas aus nassem Lehmboden graben? Ich könnte es beschreiben, weil ich es sinnlich erfahren habe.

Welche Aufgaben mich konkret fordern, ist egal. Es zählt nur, wie bewusst ich sie mir mache, wie konzentriert und fokussiert ich dabei bin. Mit allen Sinnen. So möchte ich dann auch schreiben – rundherum weiße Fläche, „mindclean“ sozusagen, ohne Ablenkungen. Darauf projiziere ich die Bilder meiner Erinnerungen, die die aus der Fantasie entstandenen bereichern. Leider werde ich nicht jede Erfahrung selber machen können oder aufwändige Recherche-Reisen antreten können, aber auch die kleinen Dinge zählen. Wie Gefühle, auf die aus eigenem Erfahrungsschatz zurück gegriffen wird oder von denen mir Freunde oder Familie erzählen oder deren Sorgen und Nöte, für die ich offen sein will.

Vor dem Schreiben steht das sinnliche Erfahren und Beobachten.

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