Schreibzeit „Aurora habet aurum in ore“?

Hat für Euch tatsächlich die Morgenstund´ Gold im Mund? Oder seid Ihr eher Abendkreative oder sogar Nachtaktive? Ist unsere biologische Uhr fest zementiert oder lern- und anpassungsfähig?

Die ersten drei Jahrzehnte meines Lebens war ich am Morgen zu nichts zu gebrauchen. Das hatte bedauerlicherweise Auswirkungen auf meine schulischen Leistungen, die auf meine biologische Uhr so gar keine Rücksicht nehmen wollten. Wir wohnten zu der Zeit, in der ich ein klassisches Gymnasium besuchte, in ländlicher Gegend und meine Freundinnen und ich waren Bahn-Fahrschüler. Das hatte Vor- und Nachteile. Wir mussten sehr früh aufstehen, um den Frühzug zu erwischen und ich erinnere mich, wie die ersten Schulstunden von meinen schlechten schauspielerischen Fähigkeiten geprägt waren, den Anschein einer aufmerksamen Schülerin zu erwecken. Und trotz des insgesamt achtjährigen Trainings ist es mir nie gelungen, am Morgen nennenswerte Erfolge zu liefern! Die Studienzeit kam mir etwas mehr entgegen, denn sie gestaltete sich generell etwas flexibler. Zudem arbeitete inzwischen die Zeit der persönlichen Reife für mich. Die Gleitzeit im späteren Job kam allen Arbeitnehmern entgegen, aber meine kreativsten Phasen hatte ich immer noch gegen Abend und auch abendliche Veranstaltungen stellen nie ein Hindernis dar.

Doch dann geschah etwas, das eine 180°-Wende einleitete – ich wurde Mutter. Das ist der Zustand, in dem absolut keine Rücksicht mehr auf eine innere Uhr, persönliche Wohlfühlzeit oder andere zeitliche Bedürfnisse genommen wird! Irgendwann schliff es sich ein, dass ich freiwillig sehr, ja wirklich sehr, früh aufstand, es mir mit Zeichen- oder Schreibblock, Stiften und Kaffee gemütlich machte, bevor der Rummel losbrach. Das machte ich zu meiner Zeit und mein Gehirn belohnte mich nicht nur mit Geistesblitzen, sondern oft mit kompletten Gewittern! Heute sind es zwar nur noch gemäßigte Unwetter, aber meine biologische Uhr hatte sich dennoch nachhaltig umgestellt. Die Häufigkeit der Blitzeinschläge ist zwischen 5:00 und 11:00 Uhr am höchsten (nicht selten weckt mich sogar ein ungebetener Wirbelsturm auch schon mal um 4:00 Uhr), danach kommen heftige Stürme und Regen, aber nach 18:00 Uhr kehrt dann gehirnmeteorologische Ruhe ein.

Nun habe ich inzwischen das Privileg, meine Schaffenszeiten an diesen meteorologischen Kalender anzupassen und meine gesamten Aufgaben diesem Rhythmus entsprechend aufzuteilen. Ich liebe die Stimmung des sich allmählich anschleichenden Tages, das Erwachen in den Häusern ringsum, die Stille im Haus, die mir das In-mich-lauschen erst ermöglicht. Und ich genieße dabei meinen tintenschwarzen Kaffee, lese, schreibe erste Gedanken oder scribble kleine Zeichnungen dabei.

Meine Morgenstund hat immer Wort und Bild im Mund.

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