Bücherflut-Opfer! Ist weniger mehr?

Ich wurde in eine Elterngeneration der Aufbewahrer geboren. Zwei unbeschreiblich grauenvolle Weltkriege in Folge, hatten Schneisen in fast alle Familien geschlagen und auch dinglich standen viele vor dem Nichts. Die Überlebenden und Traumatisierten schufen sich eine neue Existenz und reichten den Staffelstab der neuen Wertschätzung an meine Generation weiter. Meine Mutter trug im Laufe ihres Lebens wieder Buch um Buch ihres verlorenen Schatzes zusammen und ich lernte durch sie deren Inhalte und vor allem das Lesen selbst, lieben. Natürlich begann auch ich, nachdem ich flügge geworden war, mir meine eigene kleine Bibliothek aufzubauen. Grundsteine waren durch Schul-Pflichtlektüre und Geschenke gelegt und danach wanderte so manche/r sauer verdiente Mark/Euro in ausgewählt Gedrucktes. Vieles lieh ich auch aus, denn der Gang in eine Bücherei war und ist auch heute noch ein überaus sinnliches Vergnügen und fast ebenso leidenschaftlich stöberte ich auf Flohmärkten wie ein Bluthund die Bestände durch. Tausende Exemplare begannen meine Regalböden zu verbiegen und die zahlreichen Umzüge, besonders die in Eigenregie, gestalteten sich ihretwegen zu wahren Horrortripps, aber Bücher sind Freunde und von Freunden trennt man sich nicht. So dachte ich damals.

Doch die Welt dreht sich weiter, Computer und Internet wurden freudig empfangen und auch der Büchermarkt ist im permanenten Wandel. Immer mehr Neuerscheinungen bettelten um die Gunst der Leser, wobei meine dunkle, garstige Seite immer noch der Überzeugung ist, dass die Qualität bedauerlicherweise nicht immer mit dem Tempo Schritt halten konnte. Es entstanden Internet-Plattformen, auf denen Bücher von „normalen“ Menschen besprochen wurden, nicht von verkopften Profi-Rezensenten. Ich erinnere mich noch, wie ich erstmals den Begriff SUB hörte. Plötzlich gab es Buchblogger, die prahlerisch SUBs züchteten, wie unsere Eltern Gartengemüse. Je höher, desto wichtiger, denn natürlich gab es zum Buchkauf keine Gratiszeit dazu und kaum jemand kam mit dem Lesen besagter Stapel wirklich hinterher. Cover wurden bald wichtiger als Inhalte. Der schöne oberflächliche Reiz führt zum Hype und dieser zum Kaufimpuls der Follower. Verlage erkannten schnell das immense, nahezu kostenlose Werbepotential und umwarben Blogger und Vlogger. Rezensionsexemplar gegen möglichst positive Besprechung oder zumindest Erwähnung – so der Deal. Das Konzept ging und geht scheinbar auf; doch für mich ist inzwischen der Eindruck entstanden, als schaffe sich der Buchmarkt durch die Flut der Neuerscheinungen und die dadurch beschleunigte Entwertung der Bücher selber ab. Wir können uns diese Verschwendung offensichtlich leisten!

Richtig bewusst wurde mir diese fatale Entwicklung als ich anfing, meine Bücherregale drastisch zu erleichtern. Zunächst gingen die unansehnlichen, zerfledderten (Tonne), dann die Einweg-Taschenbuchausgaben, die inzwischen geerbten Dubletten und die, die ich bestimmt kein weiteres Mal lesen wollte (verschenkt oder verkauft). Ich lernte, ich muss nicht jedes Buch besitzen, das ich gelesen habe, bzw. nicht jedes kaufen, von dem ich noch nicht einmal weiß, ob es mir gefällt. Denn mal „Butter bei die Fische“: Neue Bücher sind auch verdammt teuer geworden! Und je öfter ich meine Regale durchkämme, desto leichter kann ich inzwischen loslassen. Die Zäsur tut mir gut! Ich fühle mich einerseits erleichtert, habe aber andererseits auch eine neue, sehr überschaubare Wunschliste angelegt, auf der sich fast nur Klassiker und Ergänzungen zu begonnenen Reihen befinden oder besondere Ausgaben, die ich gerne besäße. Für alles andere, insbesondere leichte Unterhaltung, Urlaubslektüre etc., will ich wieder verstärkt die öffentliche Bücherei nutzen. Ich kaufe bewusster und am liebsten günstig, also secondhand.

Unsere Gesellschaft scheint sich in zwei Lager geteilt zu haben. Das eine kann es sich leisten, alles neu zu kaufen und käme gar nicht auf die Idee, sich Gebrauchtes anzuschaffen und das andere Lager, ob nun tatsächlich bedürftig oder nicht, möchte alles geschenkt haben. (Das gilt übrigens nicht nur für Bücher!) Seit Monaten versuche ich erfolglos, einige Bücher unverschämterweise gegen Geld oder im Tausch zu veräußern, weil ich haushalten muss und nicht in der Lage bin, die vor wenigen Jahren erst teuer bezahlten Hardcover zu verschenken. Bei den großen Ankaufplattformen wie m*m*x, r*b*y oder Z*X* werde ich kaum noch etwas los und wenn, dann zu einem lächerlichen Preis. „Kein Ankauf – Lager voll – Nachfrage gering“, so der Tenor. Einzeln auf Verkaufsplattformen angeboten, finden sich ebenso wenig Interessenten wie für Konvolute. An meiner Preisgestaltung liegt es mit Sicherheit nicht, aber ich vermute, an den Titeln. Meinem subjektiven Eindruck nach, gibt es zwar eine Bücherschwemme, aber eben nicht mehr Leser. Und da Lesezeit nicht unendlich vorhanden ist, sich nachwachsende Lesergenerationen bevorzugt durch Social Media inspirieren lassen, wird ausschließlich aktuellen Trends hinterher gejagd. Dabei sein ist alles! Klassiker, Literatur gehobeneren Anspruchs und Antiquarisches interessiert immer weniger. Selbst Büchereien reduzieren ihre Bestände auf die Häufigkeit der Nachfrage. Der rapide Werteverfall erfasst morgen natürlich auch den Hype von heute und wir ertrinken geradezu in einer Flut von Massengeschmack-Büchern, die irgendwann niemand mehr haben will. Was für eine traurige Entwicklung!

Tauschregale sind übrigens keine Alternative – zumindest nicht in unserer Region, denn hier wird etwas grundlegend missverstanden. Es handelt sich dabei nämlich nicht um eine vornehmere, begehbare Variante einer Papiermülltonne. Schwarten verstopfen zunehmend den geringen Platz und sowohl die Quantität als auch die Qualität des Tauschangebots sinkt so schnell wie die Titanic.

Warum mich das wurmt? Weil ich auf dem Weg bin, Teil dieser Maschinerie zu werden und weil ich weiß, wie unsagbar schwer es ist, sich als Selfpublisher in der Schwemme von Verlagsbüchern zu behaupten. Im öffentlichen Verständnis gilt noch unverändert ein Selfpub-Buch als wertlos. Ein Verlagsbuch hat in der Regel mehrere Stationen der professionellen Überprüfung durchlaufen, bis es auf den Markt kommt, wo es aber genauso viel kostet wie ein selbstverlegtes Buch, das im ungünstigsten Fall vor dem Verkauf, außer dem Autoren, nie jemand unter die Augen kam. Der Leser sieht das dem Buch nicht an und ist oft vom Ergebnis bitter enttäuscht. Ein Autor, der keinen Verleger gefunden hat, ein Buch ohne bekanntes Verlagslabel – das kann nichts taugen, denkt er sich.

Nein, ich will weder Nester beschmutzen, noch Hände, die mich füttern, beißen. Aber eine Portion Selbstkritik und Verständnis für unsere künftigen Leser ist Pflicht! Viele Selfpublisher tun schon sehr, sehr viel, um das Image aufzuwerten. Lektorat, Korrektorat, professionelle Covergestaltung etc. oder Hilfe bei Verlegern von Selfpub-Büchern, heben das Ansehen und Anerkennung ist der Lohn. Mit dem eitlen Drang nach ersehntem Ruhm wiederum, lässt sich auch manches Eurönchen verdienen, zahlen die angehenden Schriftsteller all die eben erwähnten Leistungen schließlich aus eigener Tasche.

Weiter möchte die hier nur angerissene Misere an dieser Stelle gar nicht vertiefen, denn ich will mich nicht schon im Vorfeld runterziehen. Aber ich will mir auch der Problematik zu jeder Zeit bewusst sein – nicht Selbstzweifel nähren, doch mich immer wieder auf den Prüfstand bringen, welche Motive mich zu welchen Ergebnissen führen. Inhaltlich – Massenware für den Massengeschmack? – und auch meine Person betreffend – warum will ich Geschichten nicht nur erzählen, sondern auch veröffentlichen? Wurde nicht alles schon einmal so oder ähnlich geschrieben? Wechselt womöglich nur der Ideeninhaber? Surfe ich auf der Bücherflutwelle oder bin ich eigentlich nur einer ihrer Abermillionen Tropfen?

Welche Erfahrungen habt Ihr gemacht? Wie ist Euer Verhältnis zu Eurem Bücherbesitz? Und wie schreibt Ihr? Unbekümmert und von eigenen Ideen inspiriert? Wie nehmt Ihr den Buchmarkt wahr, auf den wir streben – die FBM schüttet vom 16. bis 20. Oktober wieder ihr pralles Füllhorn über uns aus – wären (oder sind) wir nicht auch gerne darin?

Blatt für Blatt, Seite für Seite, Buch für Buch.

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