Einsiedelei und Prokrastination

Seit ein paar Wochen schreibe ich die Rohfassung wie mir der Schnabel gewachsen ist. Das grobe Fachwerk steht in den Notizen und nun gilt es, die Gefache zu füllen, Räume zu gestalten, für Farbe und Leben zu sorgen, um das Haus, samt Nebengebäuden und Bewohnern fertig zu stellen. Anhand des groben Storyboards taste ich mich jetzt Stück um Stück voran, sehe Szenen wie ein Film vor mir, höre zu. Erkenne ich nichts, muss ich nachschlagen, recherchieren und weiter geht es, Etappe, um Etappe. Aus logischen Gründen, habe ich die zeitlich ältere, kürzer zu erzählende Geschichte separiert und in einem Stück durchgeschrieben, damit der Inhalt faktisch überprüfbarer bleibt – er muss später, dramaturgisch zerhackt und in Bruchstücken, wieder in die Haupthandlung eingebunden werden.

Immer wieder gibt es Unterbrechungen. Oft sind sie nützlich, weil Pausen wichtige Erkenntnisse hervor bringen, für Recherchen gebraucht werden oder der schlichten, aber wichtigen Erholung dienen. Ich führe kein isoliertes Dasein, habe alltägliche Verpflichtungen und Aufgaben, denen ich mich nicht entziehen kann und will. Obwohl ich oft davon träume, mich einfach irgendwo in die Einsiedelei zu begeben, um ohne Reue, ohne Blick auf die Uhr, auf anständige Kleidung (Jogginghose und Schlabberpulli würden reichen) verzichtend, rauschhaft zu schreiben. Mahlzeit könnten wegfallen oder durch nur einen ultraungesunden Schokoriegel ersetzt werden, ohne das das von fragenden oder besorgten Mienen quittiert würde. Aber das können nur „echte“ Vollzeit-Schriftsteller, denke ich – wir müssen den Alltagsspagat meistern und ich bin zeitlich schon priviligiert.  Bleibt noch das üble Problem der Prokrastination, die mich befällt, wie der Borkenkäfer unsere Wälder. Kaum taucht eine Schwierigkeit im Ablauf der Geschichte auf, fällt mir meine Bügelwäsche ein, die ich unverzüglich erledigen muss oder die Hortensien, die – ja, jetzt sofort! – beschnitten werden müssen. Und sollte ich mich nicht endlich an den Herd bequemen? Ihr wisst, was ich meine?!

Die gewünschte Einsiedelei muss im Kopf entstehen, unterstützt durch ein möglichst reizarmes Umfeld. (Womit wir schon beim nächsten Beitrag landen.)

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